Der letzte Gruß aus der Tiefe

Grubendrama: Eingeschlossene Bergarbeiter hinterließen Abschiedsbriefe. 42 Stunden waren 13 US-Kumpel nach einer Explosion unter Tage eingeschlossen. Nur einer überlebte.

Washington. "Es war nicht schlimm. Ich bin einfach eingeschlafen. Ich liebe euch." In krakeligen Druckbuchstaben hielt Bergarbeiter Martin Toler jr. seine letzten Worte an Familie und Freunde auf der Rückseite eines Vers icherungsantrags fest. Wenig später war der 51jährige tot - wie elf Kollegen, die zusammen mit ihm seit der schweren Explosion vor fünf Tagen in der Kohlegrube von Tallmannsville in West Virginia verschüttet waren.

Als erster Angehörige bekam Martin Tolers älterer Bruder Tom nach der Identifizierung der Leiche den Abschiedsbrief in die Hand. "Ich bin tief erschüttert. Mir fehlen die Worte", sagt Tom Toler, der selbst 30 Jahre lang unter Tage arbeitete. Peggy Cohen weint um ihren Vater. "In den Notizen stand immer wieder, sie hätten nicht gelitten." Auch er sehe friedlich aus, eben wie jemand, der an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben sei. "Es beruhigt mich zu wissen, daß er nicht leiden mußte." Der einzige aus der Gruppe von 13 Verschütteten, der zwei Tage nach dem schweren Unglück am Mittwoch lebend aus der Sago-Mine geborgen werden konnte, ist am Freitag aus dem Koma erwacht. Randal McCloy (27) wird in Pittsburgh einer speziellen Sauerstoffbehandlung unterzogen. Seine Frau Anna: "Er kann noch nicht sprechen. Aber er spürt, wenn ich bei ihm bin. Er öffnet die Augen und versucht mich anzusehen. Er reagiert auch auf unsere beiden Kinder."

Die Ärzte befürchten allerdings, daß der Bergmann von seiner Kohlenmonoxid-Vergiftung bleibende Hirnschäden behalten könnte. Der Vater McCloys ist überzeugt, daß sein Sohn nur dank der Hilfe seiner Kollegen überlebt hat. "Diese Männer waren wie Brüder. Sie haben sich umeinander gekümmert. Ich weiß nicht, was da unten passiert ist. Aber ich bin sicher, die älteren Männer haben ihren Sauerstoffvorrat mit meinem Sohn geteilt, damit der jüngste von ihnen überlebt."

Nach dem Grubenunglück ist die Bergwerksfirma International Coal Group (ICG) massiv in die Kritik geraten. Die staatlichen Aufsichtsbehörden hätten dem Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren 276 Verstöße unter anderem bei der Be- und Entlüftung zur Last gelegt, berichtete "USA Today". Allein 2005 hätten die Behörden 18mal Teile der Stollen zwangsweise geschlossen. Die Untersuchungsbehörden gingen davon aus, daß Methangas die Explosion unter Tage ausgelöst hat.