Der König der Hellseher - So sieht er 2004

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Nostradamus: 500 Jahre nach seiner Geburt - was sagen uns seine Visionen?

Saint-Remy-de-Provence. Faszination Nostradamus. In dunklen Bildern beschrieb er die Zukunft und prophezeite immer neue Katastrophen. Am Sonntag vor 500 Jahren kam der Seher und Pestarzt Michel de Notredame, genannt Nostradamus, in Saint-Remy-de-Provence zur Welt.

Sein Vermächtnis: 924 Vierzeiler, in denen der Astrologe angeblich bevor stehende Weltereignisse bis ins Jahr 3797 zusammenfasste. Auch für 2004? Der Nostradamus-Experte und Buchautor Mandred Dimde ("Nostradamus 2004") ordnet dem kommenden Jahr folgenden wörtlich übersetzten Vierzeiler Nostradamus' zu: "Hoch zur Mitternacht der Armeeführer wird sich retten. Plötzlich ist er auserwählt bei der Eins. Sieben Jahre danach die Seele wird nicht verflucht. Bei seiner Rückkehr man wird sagen eine Unze wo zehn." Dimde deutet den Jahresvers so: "Ein bedeutender Politiker oder Militärbefehlshaber bereitet heimlich eine entscheidende, auf lange Sicht angelegte Aktion vor, muss dazu aber zuvor aus der Öffentlichkeit verschwinden. Seine Aktion wird sich sieben Jahre später als (kriegs-)entscheidend herausstellen, sein vorher angegriffener Ruf wird dann wiederhergestellt sein."

Was war Nostradamus für ein Mensch? Als "interessanten, klugen Mann, der aber nicht in sich gefestigt war" beschreibt Bernd Harder von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) den Universalgelehrten. "Er hatte einen Hang zum Pessimismus." Nostradamus galt als bevorzugter Berater König Heinrichs II. und dessen Frau Katharina von Medici. Berühmtheit als Seher erlangte er schon, nachdem er 1555 den Tod Heinrich II. weissagte: "Der junge Löwe wird den alten überwinden. Auf kriegerischem Felde durch Einzel-Zweikampf: In Goldenem Käfig wird er ihm die Augen ausstechen. Von zwei Brüchen der erste, dann sterben eines grausigen Todes." Vier Jahre später schien sich die Prophezeiung zu erfüllen: Bei einem Wettstreit zwischen Heinrich II. und dem Grafen Montgomery durchdrang die Lanze das Visier des Königs, durchstach sein Auge und tötete ihn. Hauptproblem bei allen Weissagungen des Franzosen: Die Prophezeiungen können immer erst im Nachhinein erklärt werden. "Und dann werden sie beliebig mit Sinn aufgeladen", so Harder. "Da sie offen und vage formuliert sind, ist es schwierig, sie zu widerlegen." Warnen konnten die Prophezeiungen bisher vor keiner Katastrophe - nicht vor dem US-Bürgerkrieg, nicht vor der Atombombe auf Hiroshima und nicht vor dem Attentat auf John F. Kennedy. Alle diese Ereignisse wurden Nostradamus erst in den Mund gelegt, als es bereits zu spät war. Die für Juli 1999 angekündigte Prophezeiung, "ein großer König des Schreckens" fahre vom Himmel herab, galt etwa zuerst als nahende Apokalypse. Später - als die Welt nicht untergegangen war - wurde sie als bildhafte Umschreibung der Sonnenfinsternis erklärt. Der Astrologe selbst hat übrigens nie behauptet, hellseherische Kräfte zu besitzen - auch wenn er nach eigenem Bekunden durch göttliche Offenbarungen zu seinen Versen kam. Harder wertet die Verse als Spiegelbild des 16. Jahrhunderts: Bauernaufstände, Reformation, die erste Weltumseglung sowie die Pest und andere Seuchen verunsicherten die Zeitgenossen. Nostradamus' Verse sollten seinen eigenen apokalyptischen Ängsten Ausdruck verleihen. Auch der Historiker und Nostradamus-Kenner Jörg Dendl sagt: "Die Verse sind aber so unklar, dass man vieles hineininterpretieren kann, ähnlich wie bei Horoskopen auch." Hintergrund: Nostradamus hatte die Chronologie der Jahre absichtlich durcheinander gebracht. Er fürchtete offenbar, wegen seiner Visionen verfolgt zu werden.

"Es scheint aber einen bestimmten mathematischen Schlüssel zu geben, um die Vorhersagen wieder in die richtige Reihenfolge bringen zu können", glaubt Dendl. Manfred Dimde behauptet sogar, diesen Schlüssel schon gefunden zu haben - das Jahr 2004 wird es zeigen . . .

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