Kachelmann Prozess

Psychologin: Gedächtnisslücken der Geliebten glaubhaft

Die Psychologin Luise Greuel erläuterte, dass die falschen Aussagen der Ex-Freundin von Kachelmannn nicht bedeuten müssen, das sie lügt.

Mannheim. Vier Wochen wurde der Prozess um Jörg Kachelmann unterbrochen - jetzt hat die Aussagepsychologin Luise Greuel ihr Gutachten vorgestellt. Die Bremer Professorin sagte vor dem Landgericht Mannheim aus, dass extreme Belastungssituationen zu Gedächtnisausfällen führen können. Die kontinuierliche Wahrnehmung sei bei einem mentalen Schock unterbrochen.

Luise Greuel berichtete vor Gericht von dem Fall einer Frau, die mit ansehen musste, wie ihr Mann erstochen wurde. Sie selbst wurde gleichzeitig von einem weiteren Täter mit einem Messer bedroht. Später konnte die Zeugin die Tötung ihres Mannes genau schildern. An ihre eigene Bedrohung hatte sie keinerlei Erinnerung. Nur Umstehende berichteten von dem Messerangriff auch auf sie.

Laut Greuel müsse man bei Menschen in schockartigen Situationen mit Erinnerungsblockaden rechnen. Auch die Überlebenden des "Estonia"-Unglücks hätten schildern können, wie sie über Leichen steigen mussten, um gerettet zu werden. An den vorangegangenen Alarm und das gesamte Vorgeschehen hätten sie aber keine Erinnerung gehabt.

Die Bremer Professorin hat in dem Prozess gegen Kachelmann den gerichtlichen Auftrag, die Aussage der Ex-Freundin Kachelmanns auf ihre Glaubhaftigkeit zu prüfen. Die 38-Jährige beschuldigt Kachelmann, sie im Februar 2010 nach einem Streit mit einem Messer bedroht und vergewaltigt zu haben. Ihre Angaben zu dem mutmaßlichen Vergewaltigungsvorgang sollen jedoch lückenhaft sein.

Die Bremer Psychologin wurde deshalb bereits im Ermittlungsverfahren von der Staatsanwaltschaft mit einem aussagepsychologischen Gutachten beauftragt. Dieses Gutachten wurde dann in einigen Medien auszugsweise zitiert und als "Desaster" für die Staatsanwaltschaft gewertet. Laut Greuel hat die Aussage der Ex-Freundin solche Lücken, dass man sie nicht auf ein tatsächliches Erleben zurückführen könne.

Im Dezember lehnte Kachelmanns neuer Verteidiger Johann Schwenn die Gutachterin Greuel als befangen ab. Im Januar wurde der Befangenheitsantrag von der Strafkammer zurückgewiesen.

Die Gutachterin betonte, dass die Aussagepsychologie nichts über die charakterliche Wahrheitsliebe eines Menschen sagen könne. Gutachten könnten aber die Wahrscheinlichkeit beantworten, dass eine bestimmte Zeugenaussage wahr oder unwahr ist.

Die Angaben der Gutachterin sind deshalb von Belang, weil die Ex-Freundin Kachelmanns Angaben macht, die so nicht stimmen können. So soll Kachelmann ihr das Messer permanent an ihren Hals gedrückt und ihr gleichzeitig den Mund zugehalten haben. Da er das angebliche Opfer und sich selbst jedoch auch hätte entkleiden müssen, ist eine permanente Bedrohung mit dem Messer ausgeschlossen. Ob Greuel diese Widersprüche jedoch im konkreten Fall mit der Schocksituation erklärt oder die Aussage des angeblichen Vergewaltigungsopfers als eher erfunden einstuft, ist jedoch nicht bekannt. Beim konkreten Teil des Greuel-Gutachtens wurde die Öffentlichkeit am Montagnachmittag wieder ausgeschlossen.

Am Donnerstag (5. Mai) will die Strafkammer einen weiteren Sachverständigen hören, der den Angeklagten begutachten soll. Kachelmann ließ sich jedoch nicht von ihm befragen und schwieg auch im Prozess. Der seit 6. September laufende Prozess soll am 27. Mai 2011 abgeschlossen werden.

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Sie ist eine der bekanntesten Zeuginnen im Kachelmann-Prozess: 50.000 Euro bekam die ehemalige Geliebte für ein Interview und Fotos in der Zeitschrift "Bunte", die sie mit einem großen Porträt auf die Titelseite hob ("Jörg Kachelmann - Jetzt spricht die Ex-Freundin"). Nun aber geht die 34-Jährige großflächig gegen Medienberichte vor: Sie wehrt sich dagegen, dass in der Berichterstattung über den Prozess ihr Name genannt wird - auch wenn der Nachname mit nur einem Buchstaben abgekürzt wird.

Die gelernte Diplom-Kauffrau, die unter dem Pseudonym "Isabella M." in der "Bunten" auftrat, präsentierte sich in ihrer Zeugenvernehmung vor dem Landgericht Mannheim in der vergangenen Woche überaus selbstbewusst: Sie versteckte ihr Gesicht nicht vor den Fotografen, auch die Fragen von Verteidiger Johann Schwenn parierte sie souverän.

Zahlreiche Medien berichteten über den Zeugenauftritt, viele kürzten den Nachnamen mit dem Anfangsbuchstaben ab. Am nächsten Verhandlungstag legte Schwenn sogar dem Gericht eigens die "Bild"-Zeitung mit den Fotos vor, um darauf hinzuweisen, dass die Zeugin in Verhandlungspausen "gut gelaunt" gewesen sei. Das Gericht hatte die bezahlten Medienauftritte von Zeuginnen kritisiert. Dies sei "dem Respekt vor dem Gerichtsverfahren nicht angemessen", sagte Richter Joachim Bock. Die Richter hatten von "Isabella M." verlangt, ihre Honorarvereinbarung mit der "Bunten" offenzulegen.

Nun verschickte eine Hamburger Anwältin in ihrem Auftrag Abmahnschreiben an mindestens 18 Medienhäuser. Die Veröffentlichung des Namens, auch in abgekürzter Form, verletze das allgemeine Persönlichkeitsrecht. Sie fordert Unterlassung und Ersatz der Anwaltskosten. Im Einzelfall können das je nach Streitwert um die 1000 Euro sein. Die Anwältin will sich in der Öffentlichkeit nicht zu den Fällen äußern.

Schon Monate vor ihrem Zeugenauftritt vor Gericht hatte "Isabella M." in der "Bunten" ausgesagt. In der zehn Seiten langen Titelgeschichte berichtete sie über ihre Beziehung zu dem Moderator, dazu druckte die "Bunte" zahlreiche Fotos, auch private Aufnahmen von Kachelmann und "Isabella M.", sogar eine Kinderzeichnung von einem seiner Stiefsöhne. Vor allem aber: Ihr Bild ist auf der Titelseite des mit mehr als 680.000 Exemplaren verbreiteten Magazins.

"Die Veröffentlichung eines Titelbildes macht die Frau viel stärker identifizierbar als jedenfalls die Nennung des abgekürzten Namens", sagt der Berliner Medienanwalt Christian Schertz, der zahlreiche Prominente in Presserechts-Prozessen vertritt, am Streit um die Kachelmann-Zeugin aber nicht beteiligt ist. "Es geht nicht an, einerseits für Geld die Identität und persönliche Details plakativst offenzulegen und dann zu sagen, ich möchte meine Privatsphäre schützen. Entweder ich mache die Tür auf oder ich mache die Tür zu."

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Michael Konken, ergänzt: "Wer sich in einem weit verbreiteten Magazin mit Fotos öffentlich zur Schau stellt, will nicht länger anonym bleiben. Das Anonymitätsgebot des Pressekodex gilt für Opfer, nicht aber für Personen, die ihre Erlebnisse meistbietend vermarkten."

Zahlreiche Medien wollen das Unterlassungsbegehren nicht akzeptieren. So etwa die Mediengruppe M. DuMont Schauberg, die unter anderem die "Frankfurter Rundschau" und den "Kölner Stadt-Anzeiger" verlegt. "Die Zeugin hat durch das Interview in der "Bunten" zahlreiche private Details ihrer Beziehung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht", sagt Du-Mont-Justiziarin Susanna Dahs. "Deshalb muss sie es hinnehmen, dass sich die Öffentlichkeit auch dann für sie interessiert, wenn ihr das nicht so recht ist."

"Isabella M." hatte selbst in ihrer Zeugenaussage darauf hingewiesen, dass von den 50.000 Euro nach Steuern gar nicht mehr so viel übrig bleibe. Außerdem müsse man, wenn man so eine Geschichte mache, "mit den Konsequenzen leben". Wenn die Dinge schlecht laufen für sie, dann könnte ein guter Teil des Honorars für Anwaltskosten fällig werden.

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