Leitartikel

Hamburgs Einwohner – Angst vor zwei Millionen?

| Lesedauer: 3 Minuten
Andreas Dey
Andreas Dey ist Redakteur im Ressort Landespolitik

Andreas Dey ist Redakteur im Ressort Landespolitik

Foto: Klaus Bodig / HA

Fast jeder Hamburger spürt am eigenen Leib, dass es zunehmend enger wird in der Stadt – auf den Straßen ebenso wie in Bussen und Bahnen.

Zwei Millionen. Diese Zahl ruft in Hamburg regelmäßig heftige Reaktionen hervor. Die einen bekommen bei der Aussicht auf zwei Millionen Einwohner Schnappatmung, weil sie Londoner Verhältnisse auf dem Wohnungsmarkt befürchten und Tokios U-Bahnen vor Augen haben. Die anderen entwickeln mit leuchtenden Augen Weltstadtfantasien für die angeblich „schönste Stadt der Welt“.

Unangebracht ist beides.

Nüchtern betrachtet muss man feststellen: Das Wachstum der Stadt ist ein Fakt. Übrigens seit 30 Jahren – mal mehr, mal weniger. Fakt ist auch: Obwohl wir in dieser Zeit um 300.000 Menschen – das entspricht einer Stadt der Größenordnung Münsters – gewachsen sind, ist Hamburg nach wie vor vergleichsweise dünn besiedelt. Rund 2500 Menschen pro Quadratkilometer: Das sind weit weniger als in Berlin (4000) oder München (4800).

Dennoch spürt fast jeder Hamburger am eigenen Leib, dass es zunehmend enger wird in der Stadt – auf den Straßen ebenso wie in Bussen und Bahnen. Kitas, Schulen und Hochschulen sind trotz permanenter Kapazitätssteigerungen ausgelastet, an jeder Ecke sprießen praktisch-eckige Neubauten, mitunter wird dafür eine Grünfläche geopfert. Das alles kann man kritisieren. Aber man sollte sich die Frage stellen: Was wäre denn die Alternative?

Eine Mauer um die Stadt ziehen? Einfach nicht mehr in Wohnungsbau und ÖPNV investieren und zuschauen, wie die Mieten explodieren und die Infra­struktur kollabiert? Oder gar die Stadt bewusst verloddern lassen und aktiv vor dem Zuzug warnen? Sport-Staatsrat Christoph Holstein, der die Debatte mit der Feststellung ausgelöst hatte, Hamburg habe längst 1,9 Millionen Einwohner, hat dazu das Richtige gesagt: alles Schnapsideen.

Wer das bewährte Prinzip, dass in Deutschland jeder seinen Wohnort frei wählen darf, nicht infrage stellen will, kommt nicht umhin, dieses Wachstum anzunehmen und zu gestalten. An oberster Stelle steht dabei, ausreichend bezahlbaren Wohnraum anzubieten. Hier engagiert sich der Senat enorm und hat immerhin erreicht, dass die Mieten nicht so stark steigen wie in anderen Städten. Aber sie steigen weiter, daher bleibt der Handlungsdruck hoch.

Zweitens muss gewährleistet sein, dass die Menschen von A nach B kommen. Dass dies in einer schnell wachsenden Stadt mit dem eigenen Fahrzeug schwieriger wird, liegt auf der Hand. Da Straßen nicht beliebig vermehrbar sind und wir außerdem Luft- und Lärmprobleme haben, müssen der Ausbau von öffentlichen Verkehrsmitteln und die Förderung von Fußgänger- und Radverkehr Priorität haben.

Gleichzeitig gilt: Hamburg ist eine Handelsmetropole, deren Attraktivität zum Gutteil auf den starken Unternehmen und den vielen Arbeitsplätzen beruht. Die Wirtschaftsverkehre auf Wasser, Straße und Schiene am Laufen zu halten ist daher ebenfalls eine der wichtigsten Aufgaben – und die, bei der der Senat noch am meisten Luft nach oben hat.

Drittens wird Wachstum nur auf Akzeptanz stoßen, wenn es nicht zulasten der Lebensqualität geht. Der grüne Charakter der Stadt, das Niveau der Bildungseinrichtungen, die Qualität von Kultur- und Sportstätten – das alles darf nicht darunter leiden, dass wir mehr werden. Klingt zwar wie die Quadratur des Kreises, ist aber möglich: Denn das Wachstum der Stadt hat auch ihre Einnahmen enorm gesteigert. Die finanziellen Möglichkeiten sind größer als je zuvor. Angst davor, dass wir vielleicht bald zwei Millionen Hamburger sind, muss niemand haben.

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