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Reus taucht ab im DFB-Sturmzentrum - Löw muss nun umdenken

Marco Reus wirbelt im DFB-Trikot.

Marco Reus wirbelt im DFB-Trikot.

Foto: firo

Sinsheim. Joachim Löw war schon fast dabei, die Arena in Sinsheim zu verlassen, als ihm ein kleiner Junge im Jogginganzug eine Frage stellte. Der Nachwuchskicker wollte gern wissen, wie der Bundestrainer seine Spieler eigentlich bestraft, wenn sie beste Chancen leichtsinnig auslassen.

Ob sie dann auch zehn Liegestütze machen müssten? Löw schmunzelte. „Ab Oktober machen wir das“, versprach er und verschwand in der Nacht. Zurück ließ er die Vorstellung, dass seine offensiven Nationalspieler ob der neuen Art der Sanktionierung alsbald Schwerathleten sein könnten.

Deutscher Nationalmannschaft fehlt ein Stürmer

Es war die erste gemeinsame Woche der Nationalmannschaft nach dem Debakel bei der WM. Es ist aufgearbeitet, abgehakt. Oder wie Timo Werner sagt: „Irgendwann hat man sich auch mal ausgeärgert.“

Die Spiele gegen Frankreich (0:0) und Peru (2:1) sollten der erste Schritt sein in eine bessere Zukunft. Aber wo steht der deutsche Fußball nach diesen ersten sieben Tagen? Eine der drei wichtigsten Erkenntnisse ist, dass der Mannschaft ein Stürmer fehlt.

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"Neuner"-Suche: Löw setzt auf den Faktor Zeit

Hätte die Liegestütz-Sache schon am Sonntagabend Anwendung gefunden, Timo Werner und Marco Reus, die sich in der Sturmspitze abwechselten, würden am heutigen Montag über einen veritablen Muskelkater im Oberkörperbereich klagen. Zusammen ließen sie mindestens ein halbes Dutzend bester Chancen gegen Peru ungenutzt. Ein wiederkehrendes Muster. Im Länderspieljahr 2018 produzierte die Nationalelf acht Treffer in neun Spielen. Zu wenig. Die Suche nach dem, der die Tore macht, geht auch in Zukunft weiter. „Kaltschnäuzigkeit würde uns gut tun. Es ist selten, dass wir mal mit den ersten ein, zwei Chancen in Führung gehen“, monierte Offensivmann Thomas Müller. Er kennt das Muster: vorne Chancen liegen lassen, hinten einen Konter fangen. So war‘s bei der WM.

„Wir haben viele Spieler, die ähnlich sind, die besser sind, wenn sie aus der Tiefe kommen“, sagte Löw am Sonntagabend über seinen reichhaltig gefüllten Kader an tollen Spielern, die allerdings keine klassischen Stürmer sind: Reus, Werner, Müller, Julian Draxler, Julian Brandt, Leroy Sané und Kai Havertz, Serge Gnabry vermutlich irgendwann auch wieder. Nach den Rücktritten von Mario Gomez und Sandro Wagner im Sommer erfüllt derzeit lediglich der Freiburger Nils Petersen die Anforderungen einer sogenannten echten Nummer 9. „Er hat mir gefallen. Ich denke, dass er nochmal einen Schritt bei uns machen kann“, setzt Löw auf den Faktor Zeit. Aber Zeit ist so eine Sache: Petersen wird in diesem Jahr noch 30 und ist allein deshalb schon nicht die ideale Zukunftsvision.

Die Dauerbaustelle im Sturm ist aber nicht die einzige, auch das zeigte die erste gemeinsame Woche nach Russland. Noch immer fahndet Löw nach einer dauerhaft prächtigen Lösung für die Linksverteidigerposition. Debütant Nico Schulz war nach ersten groben Schätzungen der 237. Proband in der deutschen Versuchsanordnung unter Löw. Und weil der Bundestrainer nun Joshua Kimmich auch für die Zukunft als beste Lösung im zentralen Mittelfeld betrachtet, klafft eine ähnliche Lücke nun auch auf der rechten Abwehrseite. Kandidaten gibt es hüben wie drüben reichlich, aber jeden begleiten andere Zweifel, ausreichendes Niveau darzustellen.

Zwischen Deutscher Schrankwand und Sturm und Drang

Löws Plan lautet daher: Variation. Muss gegen starke Nationen die Defensive gestärkt werden, dürfte die deutsche Schrankwand aus vier Innenverteidigern den Vorzug erhalten. Gegen schwächere, sehr defensive Nationen ist auch Sturm und Drang gefragt. Letzteres zum Beispiel in der EM-Qualifikation ab 2019. „Da kann man dann eher wieder offensivere Leute hinstellen“, sagt Löw, dessen Mannschaft die Balance zwischen Offensive und Defensive gegen Peru schon wieder Besorgnis erregend abhanden kam.

Den Kandidatenkreis für Links - neben Hector und dem lange verletzten Leipziger Marcel Halstenberg - erweiterte er erstmals auch um den Namen Philipp Max (Augsburg), „der ein gutes letztes Jahr hatte“. Den Berliner Marvin Plattenhardt, immerhin WM-Fahrer, nannte er nicht. Auf der rechten Seite freundet er sich gerade mit Matthias Ginter an. Der Ex-Schalker und Neu-Pariser Thilo Kehrer könne das aber auch.

Doch es sind nicht nur sportliche Probleme, mit denen der deutsche Fußball befasst ist, sondern auch welche der Außendarstellung. Auf dem Platz zeigte die Mannschaft das gewünschte Mehr an Mentalität und Leidenschaft. Abseits bemühte sie sich um Nähe zu den Menschen. „Wir wollen noch offener auf die Fans zugehen“, gab Thomas Müller einen gemeinsamen Vorsatz wieder. Wobei „noch offener“ eine lustige Formulierung ist für Teile einer Mannschaft, die vor und während des WM-Turniers bisweilen nur auf Anweisung den Weg zu den stundenlang vor dem Hotel wartenden Fans machten.

Öffentliche Trainingseinheiten angekündigt

Die Ankunft der Mannschaft in München am Montag wollten gerade mal zehn Fans sehen. In Heidelberg am Samstag waren es Dutzende. Sie bekamen die Autogramme und Fotos, die sie sich wünschten. Beim Training durften sie aber nicht zusehen. Löw rechtfertigt sich: „In München waren wir erstmals seit der WM wieder zusammen. Und in Heidelberg war es das Abschlusstraining, das ist nicht unbedingt sinnvoll. Bei den Länderspielen im Oktober und November werden wir aber öffentlich trainieren.“

Doch zur Außendarstellung des deutschen Fußballs gehört auch uns besonders die Verbandsspitze. Präsident Reinhard Grindel muss sich nach der Erdogan-Affäre und des Rassismus-Vorwürfen nun auch noch den Maulwurf finden, der internen Mail-Verkehr an die Öffentlichkeit weiterleitete. Offenbar mit dem Ziel, ihm zu schaden. „Die Diskussion finde ich sehr, sehr übertrieben. Alles andere besprechen wir intern“, zeigte sich Grindel ungewohnt wortkarg.

Auch er weiß, dass es noch ein weiter Weg ist, bis der deutsche Fußball die Souveränität vergangener Tage wieder erlangt.

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