Gastgeber

Wie die Fußball-WM die Russen auftauen lässt

Die Russen genießen die Weltmeisterschaft. Gute Gastgeber waren sie schon immer

Die Russen genießen die Weltmeisterschaft. Gute Gastgeber waren sie schon immer

Foto: Kai Schiller / HA

Eine WM als „nationale Psychotherapie“? Immer mehr lassen sich die Gastgeber von Fans aus aller Welt anstecken.

Moskau. Etwas mehr als zwei Wochen ist es her, als die Nikolskaja Ulitza unweit des Roten Platzes in Moskau eine ganz normale Fußgängerzone war. Die bunten Lichter über der Straße sahen zwar schon am Vorabend des WM-Eröffnungsspiels zwischen Russland und Saudi-Arabien hübsch aus, aber viel los war in der Nebenstraße mitten im Zentrum der Hauptstadt nicht.

Die westlichen Ketten Starbucks, KFC und Subway luden mehr oder weniger zum Gaumenschmaus ein. Im edlen Duty-free-Einkaufszentrum konnte man in Ruhe Versace, Gucci und sogar Bentleys shoppen. Und wer noch Geld übrig hatte, der gönnte sich danach noch eine Weißweinschorle nebenan.

Und dann begann die WM.

Am Freitag, also 15 Tage nach dem offiziellen Startschuss, platzt die Nikols­kaja Ultiza wieder mal aus allen Nähten. Brasilianische Fans musizieren mit Berimbaus und Batuque-Trommeln und tanzen mit russischen Mädels Samba. Ein paar Engländer grölen „God save the Queen“ und eine Gruppe von mexikanischen Anhängern lässt sich alle paar Meter anhalten und von glucksenden Russen samt überdimensionalen Som­breros fotografieren.

Die kleine Straße zwischen der Geheimdienstzentrale Lubjanka und dem Roten Platz hat sich längst in eine inoffizielle Fanmeile verwandelt, die sehr viel bunter, lauter und spontaner daherkommt als das umzäunte, offizielle Fifa-Areal auf den Sperlingsbergen. Und über all dem thronen die Türme der Basilius-Kathedralen und scheinen staunend und ungläubig das bunte Treiben unter ihnen zu verfolgen.

Doch was ist zwischen dem Vorabend des Eröffnungsspiels und dem Vorabend des ersten Achtelfinals an diesem Sonnabend passiert?

„Das Land braucht diese Freude“

Wie so oft gibt es eine einfache und eine komplizierte Antwort. Die einfache: Erst gewann Russland gegen die Saudis 5:0, dann durfte man das 3:1 gegen Ägypten bejubeln, und selbst das 0:3 gegen Uruguay nahm der Sbornaja niemand krumm, da das Achtelfinale ja bereits erreicht war. Russlands Nationalelf hatte alle überrascht – am meisten die Russen.

Doch natürlich gibt es auch einen etwas komplizierten Erklärungsansatz dafür, dass plötzlich ausgerechnet Russland eine fast fünf Wochen lange Party mit dem Rest der Welt feiert. Für seine Landsleute sei die WM wie eine „nationale Psychotherapie“, schreibt der „Republic“-Kolumnist Oleg Kaschin. „Das Land braucht diese Freude.“

Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass sich nach einem guten Vierteljahrhundert gerade zum zweiten Mal der eiserne Vorhang hebt. Während in den 90er-Jahren Russen erstmals in den Westen reisen konnten und sich überraschen ließen, reist nun der Westen (und der Osten und Süden) erstmals nach Russland. Und die größte Überraschung: Trotz der kritischen Berichte über Putins Propaganda, einen rigorosen Sicherheitsapparat und den immer mehr eingeschränkten Bürgerrechten scheint es den Besuchern zu gefallen.

„Flüchtiger Blick auf ein glückliches Russland“

So hat nun auch Russland zwölf Jahre nach Deutschland sein Sommermärchen – nur ohne Autofähnchen, Korsos und der intellektuellen Diskussion, ob man die eigene Fahne an den Balkon hängen darf. Die Besucher aus der ganzen Welt würden so „einen flüchtigen Blick auf ein glückliches Russland“ erhalten, meinte der emi­grierte Journalist Leonid Berschiskij.

Wenn es nach Andrej (26) und Dimitri (27) ginge, sollte aus dem flüch­tigen Blick ein Dauerzustand werden. „Die Atmosphäre ist sensationell“, sagt Dimitri, der genau wie sein Kumpel aus dem naheliegenden Puschkino kommt. Andrej hat eine Perücke in den Nationalfarben weiß, blau und rot auf dem Kopf, Dimitri hat sich vor dem letzten Gruppenspiel auf die rechte Wange die russische und auf die linke Wange die uruguayische Flagge pinseln lassen. „Ich glaube schon“, sagt Andrej, „dass Russland ein guter Gastgeber ist.“

Auch Oleg (36) hat sich die russische Fahne um die Schultern gebunden, auf dem Kopf thront ein weiß-blau-roter Hut. „Ich freue mich, dass die Welt sieht, dass Russland ein tolles Land ist“, sagt er. Und Denis (26) und Ksenija (25) aus Moskau sind restlos begeistert: „Im Feiern sind wir doch jetzt schon der Weltmeister, oder?“, fragt Denis.

So groß die Euphorie in der Hauptstadt ist, so zurückhaltend scheinen noch die Russen in den anderen WM-Metropolen. In Rostow am Don sieht man zwar überall Russen in Trikots, allerdings will man es am „Tor zum Kaukasus“ auch nicht übertreiben. In der Urlaubshochburg Sotschi am Schwarzen Meer war fünf Minuten vor dem Anpfiff gegen Ägypten kaum zu merken, dass die eigene Nationalmannschaft spielt. Als dann aber der 3:1-Sieg feststand, wurde auch hier das russische Lied „Poljuscko Pole“ („Feldchen, mein Feldchen“) und die Nationalhymne („Russland, unser geheiligter Staat“) angestimmt.

Am Sonntag (16 Uhr/ZDF) wird dieses große und widersprüchliche Land erneut für 90 Minuten zusammenkommen, wenn Russland auf die anscheinend übermächtigen Spanier trifft. Wird das Unmögliche möglich gemacht, geht die Party wohl erst so richtig los. Und sollte die Sbornaja ausscheiden? Dann kann man wohl in der Nikolskaja Ulitza bald wieder normal einkaufen gehen. Und sich ansonsten auf Eishockey konzentrieren.

Spanien: 1 de Gea – 2 Carvajal, 3 Piqué, 15 Sergio Ramos, 18 Alba – 5 Busquets, 8 Koke – 22 Isco, 6 Iniesta, 21 Silva – 19 Diego Costa. Russland: 1 Akinfejew – 2 Fernandes, 3 Kutepow, 4 Ignaschewitsch, 8 Gasinski – 17 Golowin, 19 Samedow, 11 Sobnin, 18 Schirkow, 6 Tscheryschew – 10 Smolow.