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Ligafortsetzung: Towers-Arzt warnt vor Verletzungswelle

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Teamarzt Helge Beckmann (r.)  nimmt die Liga in die Pflicht.

Teamarzt Helge Beckmann (r.) nimmt die Liga in die Pflicht.

Foto: WITTERS

Orthopäde Helge Beckmann und Fitnesstrainer Melvyn Wiredu erklären körperliche Entwicklung bei individuellem Training und Folgen.

Hamburg.  Das Fitnessprogramm von Melvyn „Mello“ Wiredu (36) ist bei den Profis der Hamburg Towers gefürchtet. Wann immer „Mello-Time“ auf dem Trainingsplan steht, stöhnen die Basketballer. „Mein Gesicht und meine Übungen hängen ihnen manchmal zum Hals heraus, aber ich sehe es als Kompliment. Vielleicht vermissen sie es ja in diesen Tagen“, sagt Wiredu.

Durch die Coronakrise befinden sich die Towers-Profis derzeit im sportlichen Homeoffice. Die letzte Partie in Göttingen liegt bereits über drei Wochen zurück. Anschließend wurde der Ligabetrieb unterbrochen. Bis mindestens 30. April ist die Saison ausgesetzt. Fortsetzung? Offen. Wiredu hat den Profis und den Nachwuchsteams einen detaillierten schriftlichen Plan und Übungen per Video geschickt. Die Profis aus der Basketball-Bundesliga (BBL) absolvieren derzeit zwei Krafteinheiten, eine Konditionseinheit, ein Oberkörpertraining, ein Sprinttraining sowie zwei Mobilitäts-und Stabilitätsübungen pro Woche.

Übungen in den eigenen vier Wände können Mannschaftstraining nicht ersetzen

Center Yannik Freese (32) ließ sich zudem von Wiredu ein spezielles Programm erstellen, da er direkt in der Innenstadt wohnt und keine Grünfläche vor der Tür hat, wo der Profi gut trainieren kann. „Es geht darum, Kondition und Kraft so gut es geht zu erhalten“, sagt Wiredu: „Aber diese Pause macht einiges mit dem Körper eines Profisportlers, der voll im Trainings- und Spielbetrieb war und plötzlich ganz anders trainieren muss.“

So fleißig die Spieler ihr Programm auch absolvieren, die Übungen in den eigenen vier Wänden oder die Läufe an der frischen Luft können ein Mannschaftstraining nicht ersetzen. „Die sportartspezifische Ausdauer ist das Wichtigste. Sprints auf dem Court, schnelle Richtungswechsel. Das kann man einfach nicht simulieren“, sagt Wiredu. Anders als die Fußballclubs des HSV und des FC St. Pauli verzichten die Towers auf digitale Überwachung der Spieler. „Wir setzen auf Vertrauen. Die Jungs sind Profis und wissen, dass sie etwas tun müssen“, sagt der Athletiktrainer, den die Coronakrise selbst vor eine neue Herausforderung stellt.

Der gesamten BBL droht eine Verletzungswelle

Anders als in der Saisonvorbereitung, in der man auf das erste Saisonspiel hintrainiert, ist derzeit völlig unklar, ob und wann es weitergeht. „Das macht die Planung der Trainingsintensität extrem schwierig. Ich hoffe, dass die BBL den Clubs vor dem ersten Saisonspiel nach der Pause eine gewisse Vorlaufzeit lässt, damit die Profis ihre Matchfitness zurückbekommen“, sagt Wiredu.

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Das sieht auch Helge Beckmann (50) so. Der Mannschaftsarzt der Towers warnt davor, dass der gesamten BBL eine Verletzungswelle droht, sollte der Spielbetrieb ohne eine Art „Mini-Vorbereitung“ fortgesetzt werden. „Die Musku­latur wird dann unter einer Volllast stehen, die zu einer Überbelastung und so zu fehlender körperlicher Stabilität führen könnte“, sagt der Orthopäde, der Mitglied der „Basket-Docs“ ist, einem unabhängigen Zusammenschluss von Ärzten aus der BBL und der 2. Bundes­liga Pro A.

Medizincheck für Towers-Spieler nach Coronapause

Alle Clubärzte sind sich einig, dass bei einer möglichen Spielplangestaltung nach Corona bei allen wirtschaftlichen Nöten auch die Gesundheit der Spieler berücksichtigt werden muss. „Ich hoffe, dass sich die BBL mit uns Ärzten trifft und unsere Seite hört. Wir können die Jungs nicht blindlings in eine Überbelastung rennen lassen“, warnt Beckmann. Einen ersten Austausch zwischen BBL und dem Ärzte-Zusammenschluss hat es bereits gegeben.

Schon jetzt steht fest, dass sich die Towers-Spieler vor dem ersten Mannschaftstraining nach der Coronapause einem Medizincheck unterziehen werden. „Wir wollen uns einen Überblick verschaffen, in welchem Zustand jeder einzelne Spieler aus der Pause kommt, um der Verletzungsproblematik vorzubeugen“, sagt Beckmann. Anschließend wird sich der 50-Jährige mit Cheftrainer Mike Taylor (47), Athletiktrainer Wiredu, sowie den Physiotherapeuten Jan Liestmann (28), Birte Gehrmann (36) und Vanessa Blunk (30) besprechen, um die Belastungssteuerung für Training und Spiele festzulegen.

( ber )