Hamburger Kiezclub

St. Pauli hat Herausforderungen auf und neben dem Platz

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v.l. Trainer Timo Schultz (St. Pauli), Andreas Bornemann (Geschaeftsleiter Sport, St. Pauli) Duesseldorf, 11.12.2021, Fussball, 2. Bundesliga, Fortuna Duesseldorf - FC St. Pauli

v.l. Trainer Timo Schultz (St. Pauli), Andreas Bornemann (Geschaeftsleiter Sport, St. Pauli) Duesseldorf, 11.12.2021, Fussball, 2. Bundesliga, Fortuna Duesseldorf - FC St. Pauli

Foto: LeonieHorky / WITTERS

Nach der Kritik von Präsident Oke Göttlich bemüht sich der Verein um Geschlossenheit. Reibungspunkte aber bleiben. Eine Analyse.

Hamburg.  Natürlich war Cheftrainer Timo Schultz bemüht, die Wogen zu glätten. Niemand sei mit der sportlichen Situation zufrieden beim FC St. Pauli, ließ er beim Pressegespräch vor dem Heimspiel am Sonnabend (20.30 Uhr/Sky und Sport 1) gegen den 1. FC Heidenheim erkennen: „Für mich sind zehn Punkte auch zu wenig“. Und wenn der Präsident daran Kritik übe, „dann ist das sein gutes Recht, das auch mal zu sagen.“

Aber natürlich rumort es trotzdem rund um das Millerntor. „Wie rütteln wir diesen Verein wach, wie bringen wir unser Potenzial als Verein umgesetzt?“, fragte neulich ein frustrierter Blogger. Das sind die Fragen, die sich der seit dem Sommer hauptamtliche Präsident Oke Göttlich sicherlich auch jeden Tag stellt. Was ist hier los? Warum geht es nicht voran? Wieso haben wir die grandiose Chance zum Aufstieg nicht nutzen können und hängen nun im unteren Mittelfeld der Tabelle fest, dem Abstieg näher als dem Aufstieg?

FC St. Pauli: Göttlich bemängelt sportliche Entwicklung

Göttlich hat am vergangenen Montag im Fachblatt „kicker“ ein Interview gegeben, in dem er mit großer Klarheit seinen Frust über die sportliche Entwicklung angesprochen hat. „Wir bleiben in 2022 bislang unter unseren Möglichkeiten“, stellte er fest. Und: „Es ist zu wenig für das, was wir als Verein zur Verfügung stellen, was wir als Rahmen bieten.“

Nur sieben Siege im Jahr 2022 sind natürlich nicht ausreichend. Fußball ist nun mal ein Ergebnissport – da spielt es keine Rolle, dass die Mannschaft bei vielen der nicht gewonnenen Spiele statistisch die bessere war. Göttlich bemängelte eben auch, dass sich die Mannschaft nicht so weiterentwickelt habe, dass sie gegen defensiv ausgerichtete Gegner Lösungen findet. Das kann man nur als Kritik am Trainerteam um Chefcoach Schultz verstehen. Den 45-Jährigen anzuzählen, kommt jedoch zur Unzeit.

Dem FC St. Pauli fehlt es an Abschlussqualität

Das ist in dieser Woche offenbar auch dem Verein aufgefallen, und man bemüht sich deshalb, ein Bild von Geschlossenheit abzugeben. Sportchef Andreas Bornemann hat am Donnerstag ebenfalls via „kicker“ erklärt, er bezöge die Kritik natürlich auch auf seine Arbeit. Schultz meinte, Göttlich hätte nichts gesagt, was er nicht auch schon angesprochen habe: „Wir müssen im Sport performen, das wissen wir.“

Alles also halb so schlimm? Wohl eher nicht. Denn viele der Ideen der sportlichen Leitung sind in dieser Saison (noch) nicht aufgegangen. Spieler, die rund 70 Prozent der Scorerpunkte des vergangenen Jahres erzielt haben, sind nicht mehr da. Die dafür neu verpflichteten Angreifer konnten noch nicht zeigen, welches Potenzial Bornemann in ihnen sieht. Dem FC St. Pauli fehlt es im Angriff an Tempo, es fehlt ein körperlich starker Zielstürmer, es fehlt an Abschlussqualität.

Suche nach Mittelstürmer bleib erfolglos

5,1 Millionen Euro hat der Verein im Sommer für seine Abgänge eingenommen, aber laut „transfermarkt.de“ nur 2,85 Millionen Euro ausgegeben. Die am Ende der Transferperiode fast verzweifelt wirkende Suche nach einem klassischen Mittelstürmer blieb erfolglos. Das muss nicht allein die Schuld der sportlichen Leitung sein. Wenn jemand nicht kommen will, dann will er nicht – aber auch hier gilt am Ende: Fußball ist ein Ergebnissport. Timo Schultz muss mit den Spielern arbeiten, die ihm zur Verfügung gestellt werden. Er selbst ist in diese Entscheidungsfindung erst sehr spät eingebunden, die Rollenverteilung beim FC St. Pauli ist da klar.

Dennoch wird sich der Trainer natürlich nicht öffentlich über die Kaderqualität beklagen. Auch wenn er frustriert sein sollte. Unzufriedenheiten und Reibungspunkte gibt es auch über die Kaderplanung hinaus. Die von Bornemann initiierte Trennung des Sportpsychologen Christian Spreckels von der Mannschaft ist ein Punkt, die sich endlos hinziehenden Gespräche über die Vertragsverlängerung der Co-Trainer Loic Favé und Fabian Hürzeler im Frühjahr war auch einer. Überhaupt wird die Kommunikation des Sportchefs immer wieder kritisiert.

FC St. Pauli: Göttlich muss Reihen geschlossen halten

Präsident Oke Göttlich muss versuchen, die Reihen geschlossen zu halten und eventuelle Dissonanzen in der sportlichen Abteilung zu moderieren. Das ist mit den Aussagen vom Montag weniger gut gelungen. Die anspruchsvollen nächsten drei Spiele gegen die Aufstiegskandidaten 1. FC Heidenheim und Hamburger SV sowie bei Aufsteiger Eintracht Braunschweig, der genau so spielt, wie es der FC St. Pauli nicht mag, werden eine
Herausforderung – nicht nur für das Team auf dem Platz, sondern auch für die leitenden Angestellten des Vereins. Sie müssen zeigen, dass sie immer noch zielführend zusammenarbeiten können.

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