Niederlage in Braunschweig

FC St. Pauli verliert erneut – Schultz rechnet mit Profis ab

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Carsten Harms
St. Paulis Daniel Buballa (r., gegen Braunschweigs Marcel Bär) patzte beim Siegtreffer der Eintracht.

St. Paulis Daniel Buballa (r., gegen Braunschweigs Marcel Bär) patzte beim Siegtreffer der Eintracht.

Foto: Swen Pförtner / dpa

Die Hamburger rutschen durch die Niederlage bei Eintracht Braunschweig noch tiefer in die Krise. Der Trainer reagiert angefressen.

Braunschweig. So enttäuscht und zornig auf seine eigene Mannschaft hatte man Timo Schultz als Cheftrainer des FC St. Pauli wie jetzt nach der 1:2-Niederlage bei Eintracht Braunschweig zuvor noch nicht erlebt. „Es haben einige Spieler überhaupt keine Form auf den Platz gebracht und hatten dazu eine furchtbare Körpersprache“, sagte er und stellte treffend fest. „In der Form werden wir kein Zweitligaspiel gewinnen. Wenn wir nicht versuchen, Fußball zu spielen, sind wir keine gute Zweitligamannschaft. Und heute haben wir 80 Minuten kein Fußball gespielt.“

Das Frustrierende an der nunmehr vierten Niederlage in Folge war, dass sich die St. Paulianer mit ihrem frühesten Tor der Saison nach 76 Sekunden gegen einen ebenfalls verunsichert ins Spiel gegangenen Gegner beste Voraussetzungen geschaffen hatten. Doch schon in der Folge wurde klar, dass dies dem Team weder Auftrieb noch Selbstsicherheit gab.

„Es war ein furchtbares Spiel gegen einen in meinen Augen schlechten Gegner“, fasste Schultz das Geschehen treffend zusammen. Beide Mannschaften übertrafen sich über weite Strecken nur in ihren Fehlpässen und Ballverlusten. Und am Ende erlaubte St. Pauli den Braunschweigern wieder einmal durch individuelle Fehler, zum Ausgleich und sogar zum Siegtreffer zu kommen.

Der FC St. Pauli in der Einzelkritik

Timo Schultz hatte sein Team gegenüber dem unglücklichen 0:1 gegen den VfL Osnabrück nur auf einer Position verändert. Anstelle von Finn Ole Becker spielte im Eintracht-Stadion Maximilian Dittgen von Beginn an und beackerte die linke Außenbahn. Dafür rückte Daniel-Kofi Kyereh als Zehner von links in die Mitte hinter Mittelstürmer Simon Makienok. „Kofi hat seine Stärken mehr in der Mitte als auf Außen“, hatte Schultz in der Woche gesagt und jetzt entsprechend gehandelt.

In der Defensive musste Schultz seine Formation erstmals seit Wochen nicht ändern. So bildeten erneut Sebastian Ohlsson, Philipp Ziereis, James Lawrence und Daniel Buballa die Vierer-Abwehrkette, die gegen Osnabrück überzeugt hatte und auch jetzt in Braunschweig lange Zeit dem Gegner keine echte Chance gewährte, aber eben nicht bis zum Ende.

Mit dem flinken Dittgen hatte Schultz ein gutes Händchen bewiesen, denn schon nach 76 Sekunden hatte er den Ball im Braunschweiger Tor versenkt. Beim ersten schnellen Angriff hatte der zuletzt formschwache Kyereh seinen Mitspieler angespielt, der mit seinem starken linken Fuß den Ball flach unten rechts zur 1:0-Führung ins Tor schoss.

St. Pauli: Zwei Fehler sorgen für die Wende

Es war St. Paulis erster Treffer nach 280 Spielminuten. Damals hatte Simon Makienok die zwischenzeitliche 2:1-Führung im Stadtderby beim HSV erzielt. Danach hatte es drei Niederlagen ohne eigenen Treffer in Folge gesetzt. „Wir sind nach dem frühen Tor, das wir uns ja zuletzt so sehr gewünscht hatten, immer passiver geworden und haben uns ein Spiel aufdrücken lassen, das uns gar nicht liegt“, sagte später St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann. Dadurch sei es am Ende dazu gekommen, dass der Gegner mit zwei Torschüssen zwei Treffer erzielt.

Tatsächlich fiel der 1:1-Ausgleich durch Marcel Bär (67.) quasi aus dem Nichts, denn der Aufsteiger, der zuletzt 0:4 in Darmstadt verloren hatte, konnte sich bis dahin so gut wie keine echte Chance herausarbeiten. Jetzt aber nutzte Bär, dass erst Philipp Ziereis ein Kopfball-Duell verlor und Torwart Robin Himmelmann, aus dem Tor kam, aber auf halbem Wege stehen blieb. Bär konnte den Keeper somit leicht überlupfen. Vor dem 2:1 für Braunschweig (82.) war es Daniel Buballa, der eine Grätsche gegen kurz zuvor eingewechselten Fabio Kaufmann schlecht ansetzte, so dass der Braunschweiger zum Schuss und zum Treffer kam.

Am Ende passte es ins Bild, dass die nun plötzlich wieder aktiven Hamburger ihre Chancen zum möglichen Ausgleich nicht nutzen und an Braunschweigs Torwart Jasmin Fejzic scheiterten.

„Mit unserem Start nach Maß ist eigentlich alles angerichtet gegen einen Gegner, der mit Sicherheit auch etwas verunsichert war. Die Braunschweiger haben sich dann im Gegensatz zu uns in das Spiel reingebaggert. Ihr einfacher Zweitliga-Fußball hat dann zum Erfolg geführt“, sagte Timo Schultz direkt nach dem Spiel.

Schultz: „Ich bin vor allem von einzelnen Spielern enttäuscht“

Später wurde er in kleiner Runde noch deutlicher. „Ich bin vor allem von einzelnen Spielern enttäuscht. Ich habe ihnen in den vergangenen Wochen viel Vertrauen entgegengebracht und auch nach nicht so guten Leistungen nicht sofort das Personal gewechselt. Wenn ich dann die Leistung von heute sehe, ist das vielleicht auch der falsche Weg“, sagte er.

Es lag auf der Hand, dass er damit auch Mittelstürmer Simon Makienok meinte, der wie schon gegen Osnabrück keine Torgefahr ausstrahlte. „Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, die alten Erbhöfe zu streichen. Dazu müssen auch wir mal zwei, drei Schritte zurückgehen und uns dem Zweitligafußball anpassen.“ Bisher waren die Trainingsinhalte vor allem darauf ausgerichtet, sich spielerische Automatismen und Varianten anzueignen und zu automatisieren. In der aktuellen Situation des Abstiegskampfes sind aber andere Qualitäten gefragt, wie die fußballerisch arg limitierten Braunschweiger jetzt an den Tag legten – zum Beispiel Kampfgeist und Entschlossenheit bis zum Schluss und der Glaube an sich selbst.

Schon nach zehn Spieltagen ist Timo Schultz in seiner ersten Saison als Cheftrainer eines Profiteams an einem Punkt angekommen, an dem er seine Inhalte und seine Ansprache hinterfragen muss. „Es muss mehr krachen, im Training und wohl auch von meiner Seite aus. „Bisher sind wir sehr homogen aufgetreten, mit sehr viel Zuspruch und Motivation. Vielleicht braucht der eine oder andere aber auch mehr Druck und klare Ansagen.“ Es wird eine ungemütliche Vorweihnachtszeit beim FC St. Pauli.

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