St. Paulis Präsident

Göttlich will den Fußball wegen Corona revolutionieren

Oke Göttlich (44) ist seit November 2014 Präsident des FC St. Pauli und seit August 2019 Mitglied im Präsidium der Deutschen Fußball Liga (DFL).

Oke Göttlich (44) ist seit November 2014 Präsident des FC St. Pauli und seit August 2019 Mitglied im Präsidium der Deutschen Fußball Liga (DFL).

Foto: Thorsten Ahlf

Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli, berät heute im DFL-Präsidium erneut über akute Maßnahmen zur Rettung des Profifußballs.

Hamburg. Heute tagt das neunköpfige Präsidium der Deutschen Fußball Liga (DFL) in einer Schaltkonferenz zum weiteren Vorgehen in der Fußball-Bundesliga und Zweiten Liga. Mit dabei ist dann auch Oke Göttlich (44), der Präsident des FC St. Pauli.

Hamburger Abendblatt: Herr Göttlich, wie sieht Ihr Alltag aus als Präsident eines Proficlubs, DFL-Präsidiumsmitglied und Familienvater? Einen Beruf haben Sie ja auch.

Oke Göttlich: Da ich immer sehr viel im Digitalsektor gearbeitet habe, ist mir das mobile Arbeiten nicht fremd, auch wenn diese Zeiten für beinahe alle eine extreme Herausforderung sind. Durch die Einführung einer zeitgemäßen digitalen Ausstattung haben wir seit 2017 auch beim FC St. Pauli das mobile Arbeiten etabliert. Das hat jetzt den Vorteil, dass wir kaum Probleme hatten, auf ein fast hundertprozentiges mobiles Arbeiten umzustellen. Als DFL-Vertreter telefoniere ich natürlich jeden Tag mit etlichen Personen.

Wie sieht es im Haushalt mit zwei minderjährigen, aber sicherlich sehr an der aktuellen Situation interessierten Kindern aus?

Göttlich: Auch in den Schulen hat sich schon einiges in digitaler Hinsicht entwickelt, und es ist erstaunlich zu sehen, wie eine Stress- und Drucksituation diese Möglichkeiten beinahe täglich verbessert. Insgesamt merke ich in dieser Krise, dass es immer zwei, drei Tage Kommunikationsarbeit bedarf, damit die vorhandenen Erkenntnisse in der Gesellschaft, aber auch in Organisationen ankommen. Es geht darum, alle mitzunehmen, also alle Vereine in der DFL und alle Mitarbeiter beim FC St. Pauli. Zwischenmenschlich sind eine Ausgangsbeschränkung und das tägliche Miteinander eine sehr intensive Erfahrung für jeden Menschen, so auch in meiner Familie.

Am Dienstag sind Sie als Mitglied des DFL-Präsidiums gefordert. Was erwarten Sie?

Göttlich: Wir haben ja schon gesagt, dass wir den 2. April nicht als Wiederbeginn der Bundesliga werden halten können und auf Basis der neuesten Erkenntnisse darüber diskutieren, ob wir durch neue Entwicklungen den Spielbetrieb weiter aussetzen. Es geht darum, anhand von Modellen Berechnungen anzustellen, wie und wann wir wieder anfangen sollten und welche ökonomischen Auswirkungen das hat. Das Ganze immer unter dem Vorbehalt, dass die Gesundheit der Bevölkerung allen am wichtigsten ist.

Wie bewerten Sie die Kritik, dass die DFL eine Salamitaktik betreibt anstatt gleich eine weitreichende Entscheidung zu treffen?

Göttlich: In der DFL handeln wir unter zwei Prämissen: Erstens die Verbreitung des Virus unterbinden. Dafür holen wir uns sämtliche medizinischen und behördlichen Expertisen ein. Daran werden wir uns halten. Zweitens geht es um die soziale Verantwortung gegenüber sehr vielen Mitarbeitern und deren Familien. Um es einmal klar zu formulieren: Fußball ist keine Freizeit- oder Spaßveranstaltung, sondern ein professioneller Gewerbebetrieb, an dem in Deutschland 56.000 direkte und indirekt bis zu weitere 40.000 Arbeitsplätze hängen. Deshalb müssen wir uns bemühen, die beste Möglichkeit zu finden, wieder ins Spielen zu kommen. Das alles hat mit Salamitaktik nichts zu tun, sondern mit Aufrichtigkeit, sich neuen Erkenntnissen in einer solch einschneidenden Zeit immer wieder neu zu stellen und sich der Verantwortung bewusst zu sein, dass viele Familien daran hängen.

Was ist von Einschätzungen von Virologen zu halten, die besagen, dass erst 2021 wieder Fußball gespielt werden kann?

Göttlich: Weder DFL-Geschäftsführer Christian Seifert noch ich haben mit Virologen, die dies angeblich sagen, gesprochen. Ich warne nur davor, dass man aus längeren Interviews kleine Teile herauszieht und aus dem Zusammenhang reißt. Christian Drosten hat dies in Bezug auf seine Aussagen und deren Verkürzung und Zuspitzung gerade beklagt und schon korrigiert. Wir müssen sehr aufpassen, dass wir uns nicht von der Erregungswirtschaft in eine negative Spirale reden lassen – nicht im Fußball und schon gar nicht in der Medizin und Politik. In dieser Krise sind nicht populäre und emotionalste Aussagen am besten, sondern die Abwägung vieler Expertenmeinungen und die Verständigung auf das kleinstmögliche Übel.

Ist es denn theoretisch möglich, dass die Saison über den 30. Juni hinaus verlängert werden kann?

Göttlich: Es gibt in dieser Situation nichts, was unrealistisch oder undenkbar wäre. Wer wären wir, ein Szenario von vornherein auszuschließen, welches sich mindestens täglich ändert.

Was glauben Sie, wie es um die Bereitschaft zur Solidarität unter den 36 Proficlubs bestellt ist? Dortmund Chefs Hans-Joachim Watzke hat ja schon geäußert, dass er nicht einsieht, dass sein Club andere unterstützt, die in den vergangenen Jahren weitaus unsolider gewirtschaftet haben.

Göttlich: Wir müssen grundsätzlich neu denken. Diese Krise wird den Fußball nicht mehr so sein lassen, wie er vorher war. Das gilt auch für viele andere Unternehmen mit großen existenziellen Sorgen. Die Grundannahme, dass im Fußball derjenige mit der kreativsten Finanzierungsidee eine Wette auf einen besseren Tabellenplatz und damit mehr Geld aus der TV-Verteilung eingeht, steht in existenziellen Krisenphasen auf einem maximalen Prüfstand.

Was fordern Sie?

Göttlich: Wir müssen das bisherige System im Profifußball hinterfragen, weil es einem neuen System des solidarischen Mit­einanders wird weichen müssen. Wir fordern das, was der FC St. Pauli seit Jahren propagiert: Solidarität, einen inte­gren Wettbewerb und die Gleichverteilung von Einnahmeströmen für diese Liga. Für mich ist klar, dass dies die Überlebenschance für diese Liga ist und wir gegen zügellose Finanzstrategien vorgehen müssen. Nur so kann sich der Fußball gesundschrumpfen, was nebenbei auch ein wichtiges Zeichen gegenüber der Gesellschaft und vielen existenzbedrohten Menschen wäre.

Findet im Sport gezwungenermaßen jetzt eine Selbstreinigung statt?

Göttlich: Für mich gibt es keine Alternative zu diesem Weg. Wenn wir die 50+1-Regel kippen und Investoren reinlassen würden und das kapitalistischste Sportsystem nach den USA installieren, dann hätten wir die Gesellschaft für unseren Sport auf jeden Fall verloren.

Aber gerade externe Geldgeber könnten die Clubs vor der Insolvenz retten.

Göttlich: Es ist einfach nicht klug, wenn alles Geld, das den Clubs aus welchen Quellen auch immer zugeführt wird, eins zu eins durch die Clubs rauscht und nichts hängen bleibt. Investoren, die am Anfang Geld ins System hineingeben, wollen mittelfristig daran verdienen und das Geld wieder herausziehen. Beim FC St. Pauli sind wir jetzt froh darum, dass wir sämtliche Werte, wie etwa die Merchandisingrechte und die Vermarktung, im Verein haben. Dennoch wissen wir, dass es die schwerste Phase seit der Retterkampagne 2004 ist.

Sollte die DFL im Sinne der Gerechtigkeit versuchen, alle Clubs gleich zu behandeln?

Göttlich: Es sollte nach dieser Krise einen Ausgleich für diejenigen geben, die mehr unter den Maßnahmen leiden als andere. Dafür werde ich mich auch einsetzen. Es geht darum, das gesamte System aufrechtzuerhalten und Einnahmeverluste zu kompensieren. Davor müssen wir allerdings das Gesamtniveau im Gesamtsystem Fußball senken. Diese Ebbe senkt alle Boote.

Sollte man in der jetzigen Situation darüber nachdenken, die Vergabe der Medienrechte zu verschieben?

Göttlich: Wir gucken ja gerne immer auf den eigenen Teller. Aber gerade jetzt müssen wir uns auch um unsere Partner kümmern. Wenn Sky keine Fußballspiele mehr senden kann, sind europaweit womöglich 25.000 Arbeitsplätze betroffen. Ohne Sport würde DAZN die gesamte Geschäftsgrundlage entzogen. Ist eine Verschiebung eine Lösung? Die einzige Lösung ist, gute Gespräche mit guten Partnern zu führen. Ich könnte mir vorstellen, dass alle interessierten Unternehmen sich wünschen, dass – sofern möglich – wieder Fußball gespielt und Fußball übertragen werden kann, denn dann haben alle Parteien und vor allem alle Mitarbeiter*innen und deren Familien etwas davon. Es geht darum, gemeinsam Sicherheiten in unsicheren Zeiten zu schaffen.

Steht das Thema Gehaltsverzicht beim FC St. Pauli schon auf der Agenda?

Göttlich: Die Bereitschaft, egal ob vom Management, von Spielern, Mitarbeitern, aber auch von Sponsoren uns unter die Arme zu greifen, ist wirklich phänomenal: Dafür möchte ich mich auch an dieser Stelle herzlich bedanken. Grundsätzlich streben wir eine ganzheitliche Lösung für den Verein an. Das dauert vielleicht einige Tage länger, aber dafür werden wir am Ende eine Einigung erzielen, die der sozialen Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeiter*innen gerecht wird.

Können Sie verstehen, wenn es Leute gibt, die sagen, dass es derzeit wichtigere Dinge gibt als den Sport?

Göttlich: Das ist doch gar keine Frage. Es geht hier um Menschenleben und die mögliche Überlastung des Gesundheitssystems, weswegen ich nur den Hut vor allen Pfleger*innen, Ärzt*innen und Kassierer*innen ziehe. Aber Sport und Kultur wirken für mich wie gesellschaftlicher Kitt. Beide Bereiche können etwas schaffen, was ihnen bereits vor einigen Jahrzehnten gelungen ist: die Menschen mitzunehmen in einen Wandel. Und ein Wandel wird kommen. Und noch etwas: Es ist noch gar nicht absehbar, welche gesellschaftlichen­ Folgen es haben wird, wenn Familien mit vier, fünf Personen in einer Zweieinhalbzimmerwohnung über mehrere Wochen sitzen müssen und Aufgaben zu erledigen haben. Das werden große Herausforderungen. Besonders hier kann der professionell organisierte Sport – auch in Hamburg – der Politik und den Entscheidungsträgern helfen, im verantwortungsvollen Rahmen Angebote zu machen, die unserer Gesellschaft nach mehreren Wochen der Isolation den Schritt in die Normalität ermöglichen.