Interview

Kunstprodukt Fußball? Uhlmann über Geld im Profigeschäft

Im Interview mit Thees Uhlmann  spricht der Sänger über seine Leidenschaft den FC St. Pauli

Im Interview mit Thees Uhlmann spricht der Sänger über seine Leidenschaft den FC St. Pauli

Foto: Marcelo Hernandez

Sänger Thees Uhlmann über seine Liebe zum FC St. Pauli, die Auswüchse des Profigeschäft und den Shakespeare-Charakter des Fußballs.

Hamburg. Vor zehn Jahren zog Thees Uhlmann, 41, der Liebe wegen nach Berlin. Zum ersten Mal verliebt hat er sich aber in seiner emotionalen Heimatstadt Hamburg: in den FC St. Pauli, mit 14 Jahren. 2006 schrieb er das Lied „Das hier ist Fußball“, eine Hymne an seinen Verein. Seit einigen Jahren ist der Frontmann der Band Tomte als Solokünstler unterwegs. Im Oktober erscheint zudem sein erster Roman „Sophia, der Tod und ich“. Am Freitagabend spielte Uhlmann auf Helgoland. Zuvor machte er Station in Hamburg und nahm sich Zeit für ein Gespräch mit dem Abendblatt. Er sitzt vor dem Clubheim am Millerntor, bestellt ein Bier und schwelgt in der Vergangenheit, als er noch an der Reeperbahn wohnte: „Das ist mein Viertel.“

Hamburger Abendblatt: „Liebe ohne Leiden hat noch niemand gesehen“, heißt es in Ihrer Ode an St. Pauli. Wie sehr leiden Sie mit ihrer Liebe St. Pauli?

Uhlmann : In Berlin wird meine Liebe zum Verein eigentlich immer extremer, das ist wohl Teil meiner Diaspora. Für meinen Alltag ist die Situation aber sehr schwer. Ich kann mir nach einem verlorenen Spiel nicht die Tabelle angucken, ich kann die Sportschau nicht gucken. Das schaffe ich einfach nicht. Dafür will ich nach einem Sieg alles mitnehmen. Nach dem Nürnberg-Spiel habe ich mir sogar eine Pressekonferenz im Live-stream angeguckt. Egal was passieren wird, man bleibt zusammen.

Vermissen Sie Leidenschaft, wenn Sie den FC St. Pauli heute spielen sehen?

Uhlmann : Das wäre vermessen zu sagen. Ich habe keine Ahnung von einer hängenden Doppelsechs. Ich interessiere mich beim Fußball am meisten für den Shakespeare-Charakter, für das Drama. Fußball ist Gruppenpsychologie, es entscheiden gruppendynamische Prozesse.

Oder viel Geld wie beim kommenden Gegner RB Leipzig.

Uhlmann : Man hat sich immer darauf verlassen, dass Geld keine Tore schießt. Red Bull zeigt, dass Geld mittlerweile eben doch Tore schießt. Für die Region mag RB Leipzig wichtig sein, für die Fußballkultur ist es eine Katastrophe. Meine Meinung ist klar: Vereine sollten nicht Unternehmen gehören. Ich bin gegen künstliche Projekte. Es gibt nichts Schöneres als den menschlichen Makel.

Ist RB Leipzig ein Kunstprodukt?

Uhlmann : Natürlich. Wenn jemand auf die Idee kommt in der fünften Liga einen Verein zu übernehmen und sagt: Hier ist das Geld, wir machen jetzt Fußball, dann ist das in sich künstlich. Mit Geld kann man alles erreichen. Mit 100 Millionen Dollar könnte man auch einen hässlichen alten Mann zu einem Popstar machen. Hits schreiben lassen, Gesichtsoperation bezahlen, Werbung kaufen. Das wäre dann auch ein Kunstprodukt, obwohl er auf der Nummer eins der Charts ist.

Hätten Sie sich vom FC St. Pauli abgewandt, wenn Red Bull den Verein gekauft hätte, so wie es offenbar vor gut acht Jahren die Idee war?

Uhlmann : Red Bull kann ja nicht einfach den FC St. Pauli kaufen. Leipzig und Salzburg sind da schon Extreme. Aber was wäre, wenn Red Bull nur eine strategische Partnerschaft geplant hätte? St. Pauli hat jetzt mit Relentless einen Energydrink von Coca-Cola als großen Sponsor. Dass Coca-Cola nur für Demokratisierung und Sozialismus steht, wäre mir jetzt auch neu. Wäre es schlimmer, wenn Red Bull auf den Trikots steht? Ich weiß nicht, ob man da so ein großes Moralding draus machen kann.

Also könnte St. Pauli auch seinen Stadionnamen verkaufen?

Uhlmann : Ich hatte mal eine grandiose Idee, dass Astra alles für den Verein bezahlt und das Stadion architektonisch so aussieht wie eine Astrakiste und auch noch so heißt. Als ob Gott eine Bierkiste ins Viertel gestellt hat (lacht). Aber nein, der Stadionname sollte nicht verkauft werden. Andererseits will ich auch sportlichen Erfolg.

Gelingt St. Pauli der Spagat zwischen Kult und Kommerzialisierung?

Uhlmann : Ja, aber manche Dinge sind eben nicht aufzuhalten. Das ganze Fußballding hat sich komplett verändert. Ich war vor 25 Jahren doch auch ein Eventfan. Als St. Pauli 1991 bei den Bayern 1:0 gewann, waren 15.000 Zuschauer im Stadion. Und heute? Wenn man damals darauf gewettet hätte, dass CDU und Grüne Koalitionsgespräche führen, hätte man viel Geld verdienen können. St. Pauli funktioniert ein bisschen wie die Grünen. Erst gab es einen Aufschrei, heute schreit keiner mehr.

Muss der FC St. Pauli wieder politischer werden?

Uhlmann : Das Politische war für mich nie weg. Mit allen Irrungen und Wirrungen ist St. Pauli für mich stringent geblieben. Viele Vereine haben sich unseren Werten angeschlossen. Kein Rassismus, kein Sexismus, Dummheit begrenzen. Es ist ein schwieriger Spagat zwischen Stadtteilverein, kulturellem Symbol und einem Millionengeschäft. Aber da spreche ich meinem Präsidenten das volle Vertrauen aus (lacht).

Oke Göttlich hat in der Musikbranche gezeigt, dass man mit alternativen Finanzierungsmodellen wie Crowdfunding erfolgreich sein kann. Kann das auch im Fußball funktionieren?

Uhlmann : Schauen wir doch nach England zum FC United of Manchester. Der Verein wurde von Fans gegründet, die sich gegen die Kommerzialisierung bei Manchester United gewehrt haben. Jetzt haben sie ihr eigenes Stadion für 6500 Zuschauer, nur aus Spenden und Eigeninitiative finanziert, das finde ich schon toll. Oder der HFC Falke. Das ist beeindruckend, was die für eine Aufmerksamkeit erzeugen, ohne dass der erste Anstoß stattgefunden hat.

Können Sie verstehen, dass sich diese ehemaligen HSV-Fans von ihrem Verein abwenden, weil er in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert wurde?

Uhlmann : Ich kann das nachvollziehen. Das sind ja alles andere als Eventfans. Die haben sich jahrelang für ihren Verein aufgerieben. Eigene Zeitschriften gemacht, immer neue Choreografien, ihr Geld und ihre Zeit investiert. Wenn das dann mit Füßen getreten wird, kann ich den Schritt verstehen.

Geht es denn noch ohne Investoren?

Uhlmann : Ach, hier bei St. Pauli ist doch alles möglich. Man braucht nur mal wieder ein, zwei Glückstreffer bei den Transfers. Niemand hätte damit gerechnet, dass dieser Verein vor fünf Jahren in die Erste Liga aufsteigt. Und ich glaube, dass der DFB und die DFL dafür einiges tun werden, dass das Fußballsystem in Deutschland durchlässig bleibt. Bei St. Pauli gibt es immer wieder Reibungspunkte, aber alle ordnen sich dieser Liebe unter. Wenn manche Leute jetzt lieber zu Altona 93 gehen, dann ist das halt so.

Manche Fans vermissen Typen wie Fabian Boll. Sie auch?

Uhlmann : Solche Menschen kann man nur vermissen. Dass ich nach seinem letzten Spiel im Mittelkreis das Lied für ihn spielen durfte, war eine der größten Sachen, die ich jemals gemacht habe. Aber keine Sorge, da kommen auch wieder welche nach. Das ist so wie in der Musik.

Boll fehlt vor allem als Führungsfigur.

Uhlmann : Ein guter Klassensprecher ist immer eine gute Sache. Vielleicht kann das im Moment keiner. Vielleicht ist das auch zu viel für einen 21-Jährigen, wenn da 30.000 Menschen im Stadion rumschreien. Ich habe vor einem Konzert beim Hurricane natürlich auch viel mehr Angst, als wenn ich in Rostock im Mau Club spiele. Du stehst auf der Bühne und sagst dir, nicht den Text vergessen, nicht den Text vergessen, und dann kommt nur noch schnööö, schnöööö, schnöööö.

„Tragik ist wie Liebe ohne Happy End“ heißt es in Ihrem Lied. Wäre ein Abstieg tragisch?

Uhlmann : Ein Abstieg ist immer tragisch. Da hat man womöglich einmal die Chance, Derbys gegen den HSV in der Zeiten Liga zu spielen – das darf St. Pauli einfach nicht verkacken. Das wäre zwar auch Shakespeare, aber scheiße Shakespeare. Aber gut, auch Bielefeld war am Boden. Jetzt erleben sie eine schöne Saison. So was nennt man Selbstreinigungsprozess, oder?

Sie glauben also nicht mehr an das Happy End in dieser Saison?

Uhlmann : Es kann schon passieren, dass wir absteigen. Ich wäre zwar wahnsinnig depressiv. Aber ich glaube, dass Göttlich und Ewald Lienen den Verein in gute Bahnen lenken werden und ich irgendwann noch mal mit St. Pauli zu einem Europacupspiel fahre. Das ist neben einer Wohnung mit Elbblick der einzige Traum, den ich noch habe.

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