2. Fussball-Bundesliga

Dem FC St. Pauli fehlen die Sturm-Alternativen

Nach Ginczeks Roter Karte im Krimi gegen Regensburg muss der Zweitligaclub in den nächsten Spielen auf bisher wenig erfolgreiche Stürmer setzen.

Hamburg. In einem Gespräch am Rande des Trainingsplatzes gewährte Rachid Azzouzi vor wenigen Wochen, genauer gesagt in der Woche nach dem 1:4 in Sandhausen, als St. Pauli lange Zeit ohne Torerfolg aus dem Spiel herausgeblieben war, einen Einblick in seine Gedanken über die Zusammenstellung der Sturmreihe zu Beginn seiner Amtszeit. Mit Marius Ebbers, so die damalige Überzeugung des neuen Sportdirektors, habe man einen erfahrenen Profi, der in der Vorsaison neun Treffer erzielt hatte, der wisse, wo das Tor steht. Ihm zur Seite stünden der ebenfalls erfahrene Mahir Saglik und die beiden talentierten Daniel Ginczek und Lennart Thy, der laut Azzouzi hervorragende Voraussetzungen mitbringe. Der FC St. Pauli fühlte sich damals gut aufgestellt. Dieses Bild hat sich im Verlauf der Saison geändert.

Lange Zeit litt die Mannschaft sogar unter einer Torflaute. Daniel Ginczek hat sich zur klaren Nummer eins im Sturm entwickelt - ist aber der einzige, der regelmäßig trifft. Mahir Saglik hat sich in der Winterpause in Richtung Paderborn verabschiedet, Lennart Thy und Marius Ebbers müssen sich vornehmlich mit der Rolle des Jokers abfinden. Einer von beiden darf sich nun am kommenden Freitag beim Auswärtsspiel bei Union Berlin (18 Uhr) beweisen, da Ginczek nach seiner Roten Karte gegen Regensburg mindestens für zwei Spiele gesperrt werden dürfte.

Trainer Michael Frontzeck ließ bereits im Anschluss an den gefeierten 3:2-Sieg vom Freitag durchblicken, wen er ins Rennen schicken will: "Wir haben für diese Position einen Spieler, der 99 Tore in der Zweiten Liga erzielt hat und Bundesliga-Erfahrung mitbringt. Es gehen jetzt hier nicht die Lichter aus."

Ohne den Namen auszusprechen, weiß jeder im Umfeld des FC St. Pauli, wer gemeint ist. Denn Marius Ebbers wartet seit dem 4. Spieltag darauf, seinen 100. Zweitligatreffer zu markieren. Zumindest beim Trainer ist das Vertrauen in seinen Routinier wieder da. "Wieder", weil Ebbers zum einen am Freitag nach seiner Einwechselung eine ansprechende Leistung bot und es schien, als habe er endlich die Rolle des Jokers angenommen. Zum anderen, weil der 35 Jahre alte Stürmer in der Winterpause gut gearbeitet habe und nun wieder richtig fit sei. Zu Beginn der Saison, so war zu hören, sei Ebbers' Fitnesszustand nicht optimal gewesen. Wohl auch ein Grund dafür, dass er nach dem Amtsantritt Frontzecks vor dem 10. Spieltag erst mal einige Spiele pausieren musste.

In jedem Fall trifft Ginczeks Ausfall den FC St. Pauli hart. Der Stürmer erzielte zwölf von 26 Treffern, bereitete zwei weitere vor. In den letzten drei Spielen traf Ginczek fünfmal. Zudem ist der 21-Jährige ein Arbeitstier, sehr laufstark auch in der Defensivarbeit und stets präsent. 0,5 Ballkontakte pro Einsatzminute stehen 0,4 für Marius Ebbers gegenüber, der zuletzt nach seinen Einwechselungen häufig in der Luft hing. Ebbers ist ein Stürmer, der die richtigen Bälle braucht, um seine größte Stärke, das Spiel im Strafraum, einzubringen, während Ginczek auch mit dem Ball am Fuß Raum gewinnen und Torgefahr ausstrahlen kann. Da das Spiel des FC St. Pauli in dieser Saison nicht so sehr auf Ebbers abgestimmt ist, droht es die statistisch gesehen schwächste Saison seiner Karriere zu werden. Nie traf Ebbers weniger als fünfmal in einer Zweitligasaison.

Eine Alternative ist auch Lennart Thy. Von seiner Spielweise her ähnelt er dem gesperrten Top-Scorer des FC St. Pauli am ehesten. Doch der ehemalige Bremer konnte in dieser Saison sein Potenzial nur selten abrufen. Nach einer starken Vorbereitung und einem vielversprechenden Saisonstart mit zwei Einsätzen als zweite Spitze neben Marius Ebbers, verletzte sich der 21-Jährige und fiel drei Monate aus. Nach seiner Genesung kam er vorwiegend im Mittelfeld zum Einsatz, einer Rolle, die seiner hohen Laufleistung und seiner Spielstärke entspricht, die ihm bislang aber nur nachgesagt wird. Torgefahr? Kaum. Für einen Stürmer hat Thy auch in seiner Bremer Zeit nur selten getroffen. Sein Rekord: fünf Tore in 35 Spielen der Dritten Liga.

Wer auch immer an Ginczeks Stelle in vorderster Front auflaufen wird - Trainer Frontzeck erwähnte auch Fin Bartels als möglichen Kandidaten -, St. Pauli wird damit umgehen müssen, dass es nach zuletzt sieben Toren in drei Spielen wieder schwieriger werden wird, Tore zu erzielen. Die Lichter gehen deswegen sicher nicht aus, doch wenn eine 100-Watt-Glühbirne durch eine 40-Watt-Birne ersetzt wird, ist es schon ein bisschen dunkler.