St. Pauli vor dem Spiel in Karlsruhe

Taktische "Revolution": Flanken nicht erwünscht

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Auch am Montagabend in Karlsruhe hinterfragt St. Paulis Trainer André Schubert vermeintliche Gesetzmäßigkeiten des Fußballs.

Hamburg. Gestern ging es für André Schubert mit dem Flieger in Richtung Karlsruhe. Eine Reise, die ihm der Spielplan diktierte. St. Paulis Trainer spielt heute (20.15 Uhr/Sky und Liveticker auf abendblatt.de) mit seiner Mannschaft beim KSC. Unterwegs in Sachen Fußball ist der 40-Jährige aber eigentlich immer. Schubert ist ein Suchender, stets auf der Jagd nach fremdem Input und neuen Erkenntnissen. "Ich habe noch keinen Trainer erlebt, der sich so viele Spiele anschaut wie André", sagt sein Vorgesetzter, Sportchef Helmut Schulte.

Schubert analysiert, wertet aus und fahndet nach kompatiblen Ansätzen für seine eigene Philosophie. "Grundsätzlich geht es darum, das Optimum aus den zur Verfügung stehenden Spielern herauszuholen. Wir versuchen eine Spielidee zu entwickeln und müssen diese dann auch vermitteln können", sagt Schubert. Theorie, die in der Praxis greift. Sieben Spiele, 16 Punkte. Er hat St. Paulis Spiel der vergangenen Jahre nicht grundlegend verändert, sehr wohl aber an einigen Stellschrauben entscheidend gedreht und vermeintliche Gesetzmäßigkeiten hinterfragt oder gleich außer Kraft gesetzt. Wer dem Jahrgangsbesten seines Fußballlehrerlehrgangs beispielsweise weismachen will, dass Außenbahnspieler über präzise Flankenbälle verfügen müssen, hat mit seiner Annahme die Diskussion schon eröffnet. "Unsere Gegner stehen meist sehr defensiv, was bedeutet, dass sie im Strafraum fast immer in Überzahl sind. Zudem haben wir dort nicht übermäßig viele kopfballstarke Spieler", verweist Schubert auf die allwöchentliche Ausgangssituation und macht eine Wahrscheinlichkeitsrechnung auf: Während die Defensivspieler allein damit beschäftigt seien, den Ball aus der Gefahrenzone zu befördern, müssten für einen erfolgreichen Offensivkopfball - die verwertbare Flanke vorausgesetzt - Timing beim Absprung und Präzision beim Torabschluss stimmen. "Das ist ja schon im Training schwer. Ich will deshalb gar nicht, dass unsere Spieler flanken", argumentiert Schubert, dessen mahnende Gestik den Ball flach zu spielen mittlerweile so gewohnt ist wie seine Jubelpose.

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Der Mann ist Germanist. Dass er seine Analyse aber oft unter einem mathematisch-logischen Ansatz durchführt, verdeutlicht ein weiteres Beispiel. Im Zuge der zahlreichen Gegentore, die St. Pauli in der Vergangenheit nach Standardsituationen hinnehmen musste, entsann sich Schubert einer Idee seines Kollegen Jörg Daniel, den er während seiner Zeit als DFB-Nachwuchstrainer kennengelernt hatte. "Bei gegnerischen Freistößen stellte er die Spieler in einem Mix aus Mann- und Raumdeckung stets am Fünfmeterraum auf. Mir erschien das logisch", sagt Schubert, der dafür sorgte, dass seit dieser Saison auch St. Paulis Profis wie beim American Football postiert gegen statt mit der Flugbahn des Balles den Freistoß anlaufen. "Das ist kein Hexenwerk und heißt ja auch nicht, dass wir da jetzt keine Tore mehr kriegen. Aber es geht darum, wie es am wahrscheinlichsten ist, dass wir sie verhindern. Vielleicht stellen sich die Gegner irgendwann darauf ein, dann musst du Gegenmaßnahmen ergreifen."

Nicht ausgeschlossen, dass Schubert bereits über der Modifikation grübelt. "Wenn du dich nicht hinterfragst, kannst du dich nicht entwickeln", lautet einer seiner Leitsätze. Und so sucht der Perfektionist weiter nach neuen Impulsen und hinterfragt sich selbst. Besser werden, dem Gegner überlegen sein - das Leben als ständige Analyse. Schubert folgt seinem Wesen. Bei ihm kommt alles auf den Prüfstand und wird auf Pro und Kontra abgeklopft, ehe der Entschluss reift. "Es ist wichtig, einen Plan zu haben, von dem du abweichen kannst", sagt Schubert zwar, "vor allem aber musst du erst mal einen haben."

Schuberts Fleiß und Akribie, die ihn seit jeher auszeichnen, werden belohnt. Er entwickelt sich und das Team kontinuierlich weiter. "So wie Barca kann nur Barcelona spielen, die haben eine der kleinsten Mannschaften in Europa, aber so eine Philosophie befruchtet", schwärmt Schubert vom aktuellen Nonplusultra, "aber es kann auch sein, dass du dir ein Spiel in der Junioren-Bundesliga anschaust und etwas siehst, was dich zum Nachdenken bringt." Er wird weiterreisen. Morgen zunächst zurück nach Hamburg. Idealerweise mit einem Sieg - ohne Flanken.