Fussball-Bundesliga

St. Pauli bekommt einen neuen Rasen

Foto: Bongarts/Getty Images / Getty

Etwa 100.000 Euro muss der FC St. Pauli aufbringen, damit wieder ein bundesligatauglicher Untergrund am Millerntor vorzufinden ist.

Hamburg. Eigentlich galt es als unwahrscheinlich, dass der FC St. Pauli seinen ramponierten Rasen austauscht - die dafür nötigen 100.000 Euro sind bei den Kiezkickern nur schwer aufzutreiben. Doch nun entschieden sich die Verantwortlichen doch zu diesem aus sportlicher Sicht unvermeidbaren Schritt. Das neue Grün soll noch in dieser Woche aufgetragen werden und zum kommenden Heimspiel gegen den VfB Stuttgart am 13. März seine Premiere feiern. „Die extremen Witterungsbedingungen, allen voran die Minustemperaturen der letzten Wochen, haben dem Rasen geschadet. Da auch die Wettervorhersage für die nächsten Tage und Wochen keine Besserung in Aussicht stellt, haben wir jetzt entschieden, diese Maßnahme zu treffen“, sagt Sportchef Helmut Schulte.

0:1 gegen Hannover - Fußball unterhalb der Grasnarbe

Sie verharrten auf dem Platz, senkten ihre Köpfe und begannen damit, den Untergrund nach Nahrung abzusuchen. Kurz darauf wurde eine andere Stelle des Platzes auf die gleiche Weise bearbeitet. Immer wieder konnten neue Räume gesucht und gefunden werden. Gerade so, als wollten sie den braun-grünen Untergrund am Millerntor auch noch seiner letzten an einen Fußballplatz erinnernden Flicken berauben. Vier Tauben hatten den Innenraum als sonnabendliches Ausflugsziel für sich entdeckt. Eine gute Idee, denn das dort parallel stattfindende Bundesligaspiel zwischen dem FC St. Pauli und Hannover 96 störte wenig. "Ein katastrophales Fußballspiel ohne fußballerische Aktionen", zeigte sich Holger Stanislawski nach den mit einer 0:1-Niederlage beendeten 90 Minuten fast schon ein wenig persönlich beleidigt: "Mehr als 25 Minuten Nettospielzeit können das nicht gewesen sein. Jeder Einwurf dauerte 30 Sekunden, jeder Abstoß eineinhalb Minuten, allein Schmiedebach wurde achtmal ermahnt, bevor er nach 82 Minuten Gelb sieht. Spieler wurden von Schiedsrichter Gagelmann befragt, man umarmt sich, redet, gestikuliert, diskutiert. Ich hatte zu Truller (Co-Trainer Andre Trulsen, d. Red.) draußen auf der Bank irgendwann gesagt, dass sei das langweiligste Fußballspiel seit ewigen Zeiten. Und mittlerweile saßen dann auch noch diese Tauben auf dem Platz ..."

Vier Vögel, die wohl jedem der 24 487 Zuschauer im ausverkauften Stadion aufgefallen waren. Keiner der beiden Mannschaften gelang es, die Aufmerksamkeit auf das Spiel zu lenken. Es hätten sogar die Argumente gefehlt, um den geflügelten Besuchern ein Innenraumverbot zu erteilen. Dafür, dass dort eine sportlich wie wirtschaftlich bedeutsame Partie durchgeführt wurde, sprachen weder die Leistungen der Spieler noch der Untergrund. Die Ästheten des Spiels mussten tapfer sein. Sie bekamen Fußball unterhalb der Gürtellinie geboten, Fußball unterhalb der Grasnarbe. "Ich will das hier nicht Bundesligaspiel nennen, das war eher wie bei einem Testkick", ordnete Mittelfeldspieler Matthias Lehmann das Niveau dieser außergewöhnlich destruktiven Darbietung ein und hatte auch gleich die Erklärung parat: "Auf diesem Platz kann man nicht Fußball spielen, da geht nur Kick and Rush. Einfach katastrophal."

Uneben, holprig, zerklüftet, sandig. Die gute Arbeit beider Defensivreihen erhielt Unterstützung von unten. Spielerische Qualitäten verloren sich in den Bodenwellen zwischen den Strafräumen, künstlerische Elemente beschränkten sich auf Brotlosigkeiten wie Pintos Fallrückzieher in der eigenen Spielhälfte. Dass der Rest-Rasen, der für St. Paulis spieltechnische Herangehensweise kontraproduktive Auswirkungen hat, bis zum Heimspiel in zwei Wochen gegen Stuttgart getauscht wird, gilt als unwahrscheinlich. Er soll sich im Frühling idealerweise selbst regenerieren. "Ich kann mir nicht mal vorstellen, dass der Platz sich bis Mai erholt", prophezeit Lehmann, "aber wir werden jetzt nicht bei den Verantwortlichen betteln gehen." Die ungeplante Ausgabe für einen neuen Rollrasen von etwa 100 000 Euro stellt den Verein vor eine Herkulesaufgabe. Es ist ein Problem der Finanzen, kein Problem mangelnder Einsicht.

Allerdings will Stanislawski die Bedingungen nicht als Ausrede gelten lassen: "Ich weiß, wie schlecht der Platz ist. Aber der Rasen darf kein Alibi sein", meint der 41-Jährige, der seiner Mannschaft am Tag danach einen 15-minütigen Diskussionskreis ohne Trainer verordnete und anschließend eine Stunde lang ehrliche Selbstreflektion einforderte. Schließlich habe man beim HSV (1:0) und in Dortmund (0:2) auf frisch verlegtem Rasen gespielt, aber dennoch die spielerische Linie verloren, während die Heimspiele gegen Köln (3:0) und Mönchengladbach (3:1) trotz Platzproblematik mit Glanz und Gloria gewonnen wurden. Gegen Hannover erspielte sich sein Team keine Torchance und konnte - anders als ein Großteil der Konkurrenz - keine Punkte im Abstiegskampf sammeln. "Wehret den Anfängen", sagt Stanislawski, der bei aller Verärgerung über Leistung und die spät von Schulz besiegelte erste Heimniederlage des Jahres 2011 auch Positives herausstrich.

Das Bundesligadebüt von Jan-Philipp Kalla "war der Lichtblick an diesem tristen Tag", so der Trainer, der die couragierte Vorstellung seines Linksverteidigers ausdrücklich lobte und ihm weitere Einsätze in Aussicht stellte: "Er war sehr eifrig, giftig im Zweikampf, hat sich richtig reingekniet. Ich bin sehr zufrieden mit ihm. Er hat seinen Fuß in die Tür gestellt. Jetzt gilt es, ihn nicht wieder rauszuziehen." Das Vakuum auf den Außenverteidigerpositionen gehört der Vergangenheit an. Markus Thorandt dürfte nach abgebrummter Gelbsperre wieder auf den rechten Flügel zurückkehren und der 24-jährige Kalla, seit 2003 im Klub, seinen Fuß auf der linken Bahn belassen. Überhaupt besann sich der Trainer nach der schwächsten Saisonleistung darauf, Optimismus zu versprühen: "Es ist das Leichteste für einen Trainer, Spieler zu bestrafen. Ich könnte die Jungs innerhalb von zwei Einheiten so plattmachen, dass sie sich drei Tage nicht bewegen können. Aber darum geht es nicht."

Erhöhte Intensität ist zunächst auf anderem Feld gefragt. Heute wollen alle Rasen-Verantwortlichen noch einmal zusammenkommen, um über das weitere Vorgehen zu beraten, während sich die Mannschaft ab morgen auf das nächste Spiel vorbereitet, um sich die verlorenen drei Zähler zurückzuholen. Schlusswort Lehmann: "Wir fahren da aber nicht mit Wut im Bauch hin. Ich freue mich auf einen schönen Platz."