Teure Verträge

HSV steht vor der nächsten Abfindung an einen seiner Spieler

| Lesedauer: 4 Minuten
Gideon Jung (v.l.) und Khaled Narey sind schon weg beim HSV, David Bates wird noch folgen.

Gideon Jung (v.l.) und Khaled Narey sind schon weg beim HSV, David Bates wird noch folgen.

Foto: TayDucLam / Witters

Kaum ein Club beendet mit Spielern und Angestellten so viele Vereinbarungen vorzeitig wie der HSV. Ein Jurist will Präsident werden.

Hamburg. Es ist der wichtigste Grundsatz im öffentlichen und privaten Vertragsrecht: Pacta sunt servanda. Der lateinische Satz bedeutet so viel wie: Verträge sind dazu da, sie einzuhalten. Im Fußballgeschäft gilt dieser juristische Grundsatz allerdings nur noch selten. Spieler, aber mittlerweile auch die Trainer, werden immer häufiger aus laufenden Verträgen herausgekauft.

Beim HSV entwickelt sich der Grundsatz dagegen in eine andere Richtung. Im Volkspark, so könnte man zynisch feststellen, werden Verträge abgeschlossen, um sie vorzeitig aufzulösen – und zwar gegen eine Abfindung. Mit Khaled Narey hat am Freitag nach Bobby Wood und Gideon Jung bereits der dritte Spieler innerhalb weniger Wochen seinen Vertrag kostspielig aufgelöst, weil der HSV die Zusammenarbeit trotz laufender Vereinbarung vorzeitig beenden wollte. Zusammengerechnet zahlte der Club den drei Spielern rund eine Million Euro an Abfindungen, damit sie den HSV verlassen. Doch damit nicht genug.

HSV wird wohl Abfindung an Bates zahlen

David Bates dürfte der nächste Spieler sein. Der 2018 verpflichtete Schotte ist nach seiner einjährigen Leihe an Cercle Brügge gar nicht erst nach Hamburg zurückgekehrt. Aktuell sucht der HSV für den 24 Jahre alten Innenverteidiger einen neuen Club. Vermutlich wird Bates den erst finden, nachdem er beim HSV abgefunden wird. Schließlich wissen auch die anderen Vereine, dass Bates in Hamburg nicht mehr erwünscht ist.

„Manchmal ist es besser, sich zu verändern und bei Null anzufangen“, sagte am Freitag Jonas Boldt. Der Sportvorstand treibt den Umbruch des HSV auf allen Ebenen voran und macht seine Entscheidungen auch nicht von laufenden Verträgen abhängig. So hat Boldt in diesem Jahr gemeinsam mit Nachwuchsdirektor Host Hrubesch bereits U-19-Trainer Daniel Petrowsky und den sportlichen Leiter im Nachwuchs, Sebastian Harms, freigestellt.

Während Petrowsky nach einem Schlichtungstermin 70.000 Euro Abfindung erhielt, müssen Boldt und Hrubesch für Harms womöglich eine neue Aufgabe im Club finden. Aufgrund seines unbefristeten Kontrakts und der langjährigen Anstellung im HSV wäre eine Vertragsauflösung zu teuer.

Das HSV-Problem mit den Abfindungen

Die vielen Abfindungen im Volkspark sind vor allem eine Folge der ständigen Personalwechsel in der Führung. Jeder neue Trainer kann mit bestimmten Spielern nichts mehr anfangen und bringt zudem vertraute Assistenten mit, wodurch vorherige Co-Trainer gehen müssen. Jeder neue Sportchef bringt eigene Mitarbeiter für die Geschäftsstelle mit. Genau wie jeder neue Vorstandschef in der Regel zunächst einen neuen Sportdirektor verpflichtet.

Und so kam es in diesem Teufelskreis dazu, dass beim HSV in den vergangenen Jahren nahezu alle Clubchefs (Bernd Hoffmann, Heribert Bruchhagen, Dietmar Beiersdorfer) und Sportchefs (Ralf Becker, Jens Todt, Peter Knäbel, Oliver Kreuzer) den HSV vorzeitig mit einer teuren Abfindung verließen. Von den vielen Trainern ganz zu schweigen.

Mehr zum Thema:

Aktuell sind es mal wieder vor allem die Spieler, die trotz eines mitunter siebenstelligen Marktwerts nicht nur verschenkt werden, sondern noch eine sechsstellige Summe dazubekommen. Solche Fälle gab es in den vergangenen Jahren viele. Ewerton, Mergim Mavraj, Emir Spahic, Lasse Sobiech, Paul Scharner oder Maximilian Beister mussten vorzeitig gehen und bekamen ihren Abschied auch noch bezahlt. So viele Spieler wie in diesem Sommer waren es zuvor aber noch nicht. HSV-Anwalt Philipp Winter dürfte daher in diesen Tagen über mangelnde Arbeit nicht klagen.

Jurist will HSV-Präsident werden

Ein Jurist, der sich mit Rechtsfragen im Sport auskennt, würde künftig gerne für den HSV arbeiten. Kolja Hein (34), Hamburger Anwalt für Sport- und Arbeitsrecht, hat am Freitag seine Kandidatur für das Amt des HSV-Präsidenten eingereicht. Hein ist selbst HSV-Fan und vertritt Fußballclubs, Spieler und Trainer vor dem Sportgericht. Seine Kanzlei hat Standorte in Hamburg und im schleswig-holsteinischen Neustadt. Dort lernte Hein Jürgen Hunke kennen. Der ehemalige Präsident, der seine Kandidatur 2019 kurzfristig zurückzog, konnte Hein nun überzeugen, sich zu bewerben.

Ob er vom Beirat zugelassen wird, ist offen. Dem einen oder anderen Spieler oder Trainer könnte Hein in Zukunft aber sicher helfen, wenn der HSV mal wieder einen Vertrag auflösen will.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: HSV