Drei Hunt-Tore reichen nicht

HSV verspielt 3:0-Führung – Thioune redet Klartext

| Lesedauer: 8 Minuten

Der HSV erobert Platz zwei zurück, doch das Remis in Hannover fühlt sich an wie eine Niederlage. Terodde-Vertreter Wood kläglich.

Hannover. Es lief die 84. Minute in Hannover, als Aaron Hunt auf den Boden zusammensackte und sein Gesicht unter seinen Händen vergrub. Der dreifache Torschütze des HSV konnte es einfach nicht fassen, was sich soeben ereignet hatte, nachdem Genki Haraguchi das 3:3 für Hannover 96 erzielte und der HSV zugleich einen 3:0-Vorsprung verspielte.

Mal wieder sah der HSV über weite Strecken der Partie wie der vermeintlich sichere Sieger aus. Und mal wieder verspielte der HSV am Ende die sicher geglaubten drei Punkte. Auch wenn der eine Punkt in Hannover dank der um vier Tore besseren Differenz für die Rückkehr auf Platz zwei in der Tabelle reicht, er fühlt sich an wie eine Niederlage.

HSV-Frust bei Thioune und Hunt

Typisch HSV? Nach einem Wechselbad der Gefühle sprach Trainer Daniel Thioune Klartext. „Wenn man 3:0 führt und dann 3:3 spielt, hat man verdammt viel falsch gemacht", schimpfte der 46-Jährige bei Sky. „Das war völlig überflüssig, wir dürfen uns alle zu Recht darüber ärgern und werden es analysieren. Es war eine gefühlte Niederlage, die einen faden Beigeschmack hat. Die Enttäuschung ist sehr, sehr groß."

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Seinen Frust über den verschenkten Sieg brachte auch der überragende Hunt zum Ausdruck. „Wir müssen das vierte und auch das fünfte Tor machen, bringen uns dann selber in Not, weil wir Hannover mit unnötigen Ballverlusten ins Spiel zurückbringen", klagte der beste Mann auf den Platz. „Wenn man 3:0 führt, muss man es viel souveräner runterspielen, vielleicht sogar mit 6:3 gewinnen. Das ist uns nicht gelungen. Was wir heute gemacht haben, war nicht gut. Es waren zu viele Fehler, das müssen wir festhalten."

Torhüter Sven Ulreich ergänzte: „Wir müssen einfach konsequent bis zum Schluss verteidigen und dürfen nicht so einfache Gegentore bekommen."

HSV verspielt 3:0-Führung in Hannover

Dabei war es ein lange Zeit taktisch cleverer Auftritt des HSV. Die Hamburger wirkten defensiv stabil und waren offensiv stets gefährlich. Dass es am Ende nicht zu einem Sieg reichte, lag zum einen an den sich nie aufgebenden Gastgebern, und zum anderen an Bobby Wood, der etwas überraschend den Vorzug vor Simon Terodde erhielt. Mit gleich zwei vergebenen Großchancen in der zweiten Halbzeit verpasste der nach dem Saisonende in die USA wechselnde Wood allerdings die Vorentscheidung.

„Wir haben es nach dem 3:0 versäumt, die Linien geschlossen zu halten und das vierte oder fünfte Tor zu erzielen", klagte Thioune.

Tabellenspitze 2. Bundesliga
1. FC Schalke 04 34 / 72:44 / 65
2. Werder Bremen 34 / 65:43 / 63
3. HSV 34 / 67:35 / 60
4. Darmstadt 98 34 / 71:46 / 60
5. FC St. Pauli 34 / 61:46 / 57

Terodde beim HSV nur auf der Bank

Der HSV-Coach setzte zunächst auf die Elf, die vor der Länderspielpause Heidenheim mit 2:0 besiegte. Und das, obwohl Terodde nach überstandener Corona-Infektion wieder zur Verfügung stand. Doch die Kräfte des 20-Tore-Mannes reichten offenbar noch nicht für einen Einsatz in der Startelf. „Nach einer Rücksprache mit ihm haben wir uns entschieden, ihn erst einmal von der Bank zu bringen", berichtete Thioune über ein Gespräch mit Terodde vor dem Spiel. „Die Trainingsintensität in dieser Woche war für ihn nach seiner Krankheit höher als für andere. Es geht um einen behutsamen Aufbau. Wenn wir ihn brauchen, steht er natürlich Gewehr bei Fuß."

Und der HSV sollte seinen Torjäger brauchen, auch wenn es bis zu Beginn der zweiten Halbzeit nicht danach aussah. Die Hamburger ließen zu Beginn des Spiels Ball und Gegner laufen und wirkten in dieser Phase eine Klasse besser als Hannover. Folgerichtig ging der HSV durch Hunts ersten Streich in Führung. Leibold und Wintzheimer spielten den Routinier frei, der es von der Strafraumkante mit dem schwächeren rechten Fuß versuchte. 96-Keeper Michael Esser griff daneben – und der HSV jubelte über das 1:0 (14.).

HSV mit Elfmeterglück in Hannover

Die Hamburger blieben die bessere Mannschaft, ohne ein Spektakel zu liefern. Nach rund einer halben Stunde war es wieder Hunt, der aus der Distanz die Lücke fand und Esser mit einem platzierten Schuss ins linke Eck überwand (34.).

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Etwas Glück hatte der HSV kurz vor der Pause, als Jan Gyamerah Hannovers Stürmer Marvin Ducksch im Strafraum zu Fall brachte, doch der Elfmeterpfiff von Schiedsrichter Florian Badstübner überraschend ausblieb (45.). Da auch der VAR zur Verwunderung vieler nicht eingriff, blieb es beim 2:0 zur Pause.

Wie Hannover gegen den HSV zurückkam

Nach dem Seitenwechsel untermauerten die Gäste ihre Ambitionen. Wieder war es Hunt, der nicht attackiert wurde und sein drittes Tor des Tages erzielte (50.). Alle drei Treffer wurden durch Manuel Wintzheimer vorbereitet.

Doch Hannover steckte nicht auf, und kam durch einen traumhaften Abschluss von Spielmacher Genki Haraguchi zum Anschlusstreffer (56.). Jetzt war es das von neutralen Zuschauern erhoffte Spektakel im kleinen Nordderby.

Kläglicher Wood sorgt für HSV-Knackpunkt

In dieser Phase der Partie verpasste es der HSV, bei einem seiner zahlreichen Konter gegen aufgerückte Niedersachsen den K.o. zu setzen. Ein Vorwurf, der vor allem an die Adresse von Bobby Wood geht, der gleich zwei vermeintlich 100-prozentige Möglichkeiten ungenutzt ließ. 100 Prozent vielleicht für einen Terodde, aber eben nicht 100 Prozent für Wood.

Erst scheiterte der von Hunt und Tim Leibold glänzend freigespielte Wood kläglich aus kurzer Distanz an Esser (57.). Dann rutschte er zu spät in eine Hunt-Hereingabe und verpasste den Ball (62.). Zwei Szenen, die letztlich die Knackpunkte des Spiels waren. Denn Hannover glich durch die Tore des im Strafraum sträflich frei gelassenen Ducksch (68.) und erneut Haraguchi (84.) tatsächlich noch aus.

Terodde-Tor für den HSV zählt nicht

Thioune versuchte noch einmal alles und brachte unter anderem Terodde für den unglücklichen Wood (71.). Und der Topstürmer traf gerade einmal 65 Sekunden nach seiner Einwechslung, stand beim Abspiel nach Ansicht des Linienrichters allerdings wenige Zentimeter im Abseits. Es waren so wenige Zentimeter, dass die Abseitsstellung in der Wiederholung nicht mal mehr erkennbar war. Der VAR grifft dennoch nicht ein.

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In der Nachspielzeit kam der eingewechselte David Kinsombi noch einmal zum Abschluss, doch der Mittelfeldspieler zielte etwas zu weit nach rechts. Und so muss sich der HSV einmal mehr hinterfragen, warum er sein volles Leistungspotenzial nicht über die vollen 90 Minuten abrief. „Das Ergebnis ist aus unserer Sicht selbst verschuldet", sagte ein ernüchternder Thioune. „Wir müssen uns den Vorwurf gefallen lassen, dass wir es nicht final zu Ende gespielt haben.“

Für den HSV geht es bereits am kommenden Freitag weiter mit dem Heimspiel gegen Darmstadt 98, bei dem Amadou Onana nach seiner fünften Gelben Karte gesperrt fehlen wird. „Wir sind in der Bringschuld, dass es sich in ein paar Tagen wieder besser anfühlt", fasste Thioune die Stimmungslage zusammen. „Dieses Heimspiel müssen wir gewinnen."

Die Statistik:

  • Hannover: Esser – Muroya, Franke, Falette, Hult – Kaiser (46. Doumbouya), Haraguchi – Twumasi (69. Maina), Muslija (69. Ochs), Sulejmani (46. Bijol) – Ducksch (89. Frantz).
  • HSV: Ulreich – Vagnoman, Ambrosius, Heyer, Gyamerah – Onana – Kittel (88. Jatta), Leibold (71. Narey) – Hunt (85. Dudziak) – Wood (71. Terodde), Wintzheimer (85. Kinsombi). – Trainer: Thioune
  • Schiedsrichter: Florian Badstübner (Windsbach)
  • Tore: 0:1 Hunt (14.), 0:2 Hunt (34.), 0:3 Hunt (50.), 1:3 Haraguchi (56.), 2:3 Ducksch (68.), 3:3 Haraguchi (84.)
  • Gelbe Karten: – Heyer (3), Onana (5)
  • Torschüsse: 10:13
  • Ecken: 3:5
  • Ballbesitz: 56:44 Prozent

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