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Hecking und Esume schwören Profis auf die Psychospiele ein

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Henrik Jacobs und Kai Schiller
Wer den ersten Fehler macht, verliert: HSV-Trainer Dieter Hecking r.) und Coach Patrick Esume während des Trainingslagers in Herzogenaurauch.

Wer den ersten Fehler macht, verliert: HSV-Trainer Dieter Hecking r.) und Coach Patrick Esume während des Trainingslagers in Herzogenaurauch.

Foto: Imago/HMB-Media

Nicht nur die Topduelle gegen Bielefeld und Stuttgart werden intern als Endspiele verkauft. Wie der HSV mit dem Druck umgeht.

Hamburg. Dieter Hecking nutzte die freie Zeit am Montag, um sich mal wieder um die alltäglichen Dinge zu kümmern. Um seine Steuererklärung zum Beispiel. Am Sonntagabend war der HSV-Trainer nach dem einwöchigen Quarantäne-Trainingslager und dem 2:2 bei Greuther Fürth wieder in Hamburg angekommen und direkt in seine Heimat nach Bad Nenndorf gefahren. Erst am Mittwoch geht es im Volkspark mit der Vorbereitung auf den Spitzenspiel-Doppelpack weiter.

Am Sonntag empfängt der HSV (45 Punkte) Tabellenführer Arminia Bielefeld (52 Punkte), vier Tage später geht es zum Dritten VfB Stuttgart (45 Punkte). "Es ist gut, dass wir jetzt zwei Tage freihaben und alle ein bisschen abschalten können. Dann geht es Schlag auf Schlag, dann hast du keine Ruhe mehr", sagte Hecking am Montag im Gespräch mit dem Abendblatt, nachdem er von seinem Steuerberater zurückkam.

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Esume kann sich längeres Engagement beim HSV vorstellen

Hecking verzichtet auf die Video-Analyse

Nach einer neun Wochen langen Saisonunterbrechung mit vielen Fragen und Ungewissheiten war der HSV am Sonntag wieder in den Alltag der Zweiten Liga zurückgekehrt. Und um 15.20 Uhr wurde den Hamburgern mit einem Schlag in Erinnerung gerufen, wie hart dieser Fußballalltag doch sein kann. Oder besser gesagt: mit einem Schuss. Der späte Fürther Ausgleich durch Doppelpacker Havard Nielsen in der vierten Minute der Nachspielzeit hatte allen HSV-Profis die Rückreise arg vermiest.

Nur Hecking wollte sich mit dem doppelten Punktverlust in der Nachspielzeit nicht lange beschäftigen. Der 55-Jährige verzichtete darauf, sich das Spiel noch einmal auf Video anzuschauen. "Es war viel Gutes dabei, aber wir brauchen uns nicht mehr mit der Vergangenheit aufzuhalten. Jetzt geht es mit großen Schritten Richtung Bielefeld", sagte Hecking.

Erinnerungen an den echten HSV-Saisonstart

Mit diesem Ansatz hatte er sich direkt nach dem Abpfiff schon an seine Spieler gerichtet. "Am Ende des Tages wird das nackte Ergebnis bewertet. Es hätte aber auch schlechter laufen können“, sagte Hecking. "Wir wollen eine positive Stimmung erzeugen. Die Spieler brauchen das positive Gefühl."

Die Worte des Cheftrainers nach dem Restart erinnerten an den richtigen Saisonstart im Juli 2019, als der HSV in der Nachspielzeit gegen Darmstadt noch einen Punkt rettete. Auch damals versuchte Hecking mit einem leidenschaftlichen Plädoyer, die Schwarzmaler fernzuhalten und mit einer positiven Herangehensweise die Spiele zu bewerten. So auch diesmal. "Die Jungs haben festgestellt, dass wir nicht weit weg waren von unserer Normalform“, sagte der Chefcoach. Und: "Die Stimmung hätte auch negativer sein können."

Esume bekam den Ausgleich gar nicht richtig mit

Hecking weiß, wie wichtig eine gute Atmosphäre im Club für die kommenden Wochen sein wird. Auch deshalb hat er sich gemeinsam mit Sportvorstand Jonas Boldt entschieden, dass der Football­coach Patrick Esume bis zum Saisonende im Trainerteam bleibt.

Der 46-Jährige war schon während des Trainingslagers in Herzogenaurach beim Team dabei. Am Sonntag verfolgte er das Spiel auf der leeren Tribüne des Fürther Stadions. Den späten Ausgleich hatte er gar nicht mehr richtig mitbekommen, weil er schon auf dem Weg nach unten war.

HSV beim Neustart in Fürth - die Bilder:

Am Montagnachmittag sitzt Esume wieder in seiner Wohnung in Hamburg und spricht im Abendblatt-Podcast "HSV – wir müssen reden" über die mentalen Folgen des späten Ausgleichs. "Das hat uns alle natürlich extrem geärgert. Jeden Trainer, jeden Spieler", sagt Esume, der nach einer Rede bei der deutschen U-21-Nationalmannschaft vor einem Jahr auch als Motivationsexperte bekannt geworden war.

Esume erzählte seine Lebensgeschichte

Allerdings stellten sowohl Esume als auch Hecking noch einmal klar, dass er beim HSV nicht die Aufgabe eines Mental- oder Motivationstrainers einnehmen soll. "Das klingt so nach Handauflegen und Chakra rufen. So einer bin ich nicht. Ich bin nur ein Footballtrainer, der mit Dieter Hecking zusammen herausfinden will, was man noch machen kann, damit der HSV aufsteigt", sagt Esume.

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Mit seiner 20-jährigen Erfahrung als Footballtrainer und seiner persönlichen Geschichte soll Esume aber eben auch die Stimmung in der Mannschaft beeinflussen. "Er hat einen Abend mal seine Lebensgeschichte erzählt. Nicht alle wussten, was Patrick in seinem Leben schon alles gemacht hat. Das war hochspannend, auch für mich“, sagte Hecking.

HSV-Profis sollen sich selbst motivieren

Esume, der als Junge in Altona und auf St. Pauli in ganz und gar nicht luxuriösen Verhältnissen aufgewachsen war und sich zum Footballprofi und späteren Trainer hocharbeitete, hatte eine seiner Geschichten vor einer Woche auf seiner Instagramseite beschrieben: Wie er als junger HSV-Fan im Volksparkstadion als "Nigger" beschimpft wurde.

Obwohl er aufgrund dieses Erlebnisses später mit dem FC St. Pauli sympathisierte, hat er seine Begeisterung für den HSV wiedergefunden. Und gerade in der Zusammenarbeit mit den Spielern soll Esume helfen, positive Stimmung zu vermitteln. Insbesondere in dieser entscheidenden Phase, in der die Emotionen durch die Reaktionen der Zuschauer ausbleiben. "Genau darüber habe ich mit Dieter Hecking gesprochen. Wie kann man so eine Energie erzeugen? Eigenmotivation ist extrem wichtig", sagt Esume.

Hecking und Esume schwören auf Endspiele ein

Hecking hat seine Mannschaft bereits darauf eingeschworen, dass es nur noch Endspiele gibt. "Das nächste Spiel ist das wichtigste der Saison. Und wenn das Spiel vorbei ist, ist das Spiel darauf das wichtigste der Saison", sagt auch Esume. Er kennt die Momente aus dem Football. "Die besondere Situation ist einer der Gründe, warum ich beim HSV dabei bin. Es hat definitiv Play-off-Charakter. Du kannst dir ein paar Fehler leisten, aber nur kleine. Ansonsten ist der Drops gelutscht", sagt Esume.

Vor allem in den kommenden beiden Spielen gegen Bielefeld und in Stuttgart darf sich der HSV nicht viele Fehler erlauben. "Jetzt wird sich zeigen, wer am besten mit dem Druck umgehen kann", sagte Hecking. Dass er das kann, hat er schon oft bewiesen. Auch Esume kann das. Dass die HSV-Spieler es können, müssen sie nach dem späten Rückschlag von Fürth erst wieder neu beweisen.

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