Nach Aue-Pleite

Der HSV in der Krise: So schafft die Mannschaft den Aufstieg

| Lesedauer: 7 Minuten
Henrik Jacobs und Alexander Laux
Nach dem Schlusspfiff entlud sich die Wut: Die mitgereisten HSV-Fans zeigten den Spielern nach dem 0:3 in Aue deutlich, was sie von der Minusleistung ihrer Mannschaft hielten.

Nach dem Schlusspfiff entlud sich die Wut: Die mitgereisten HSV-Fans zeigten den Spielern nach dem 0:3 in Aue deutlich, was sie von der Minusleistung ihrer Mannschaft hielten.

Foto: Witters

Was muss passieren, damit der Club nicht vom Kurs auf die erste Liga abkommt? Moritz Fürste spricht über psychologische Mittel.

Hamburg. Dienstagmorgen ist beim HSV die Zeit der Videoanalyse. Am ersten Tag der neuen Trainingswoche sitzt die Mannschaft in der Regel immer mit dem Trainerstab zusammen und guckt sich die Bilder vom Wochenende an. Es dürfte für die Spieler eine unangenehme Sitzung werden. Denn die Auswahl der Szenen, die Trainer Dieter Hecking mit seiner Mannschaft besprechen wird, dürfte recht einseitig ausfallen.

Das 0:3 beim FC Erzgebirge Aue am Sonnabend hatte derlei viele schlechte Szenen zu bieten, dass der HSV die Analyse womöglich auf die gesamte Woche ausweiten könnte. Doch auch Hecking stellt sich die Frage: Welcher Umgang mit der sportlichen Krise aber ist der richtige?

Moritz Fürste sitzt am Montagmorgen im Podcaststudio des Abendblatts und nimmt bei der Frage einen Schluck Wasser. Der ehemalige Welthockeyspieler ist nicht nur zweifacher Olympiasieger, sondern auch HSV-Fan. Er hat in seiner Karriere, die er 2018 beendete, trotz seiner großen Erfolge auch Krisen erlebt. „Ich hoffe, dass sie sich beim HSV ganz intensiv mit den negativen Szenen beschäftigen, denn nur so kann ich besser werden“, sagt Fürste auf die Frage, welche Bilder er den Profis zeigen würde.

HSV-Trainer will seine Mannschaft stärken

Fürste erinnert sich, wie er 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking im zweiten Vorrundenspiel gegen Außenseiter Belgien nur 1:1 spielte. Deutschland musste die verbleibenden Gruppenspiele gegen Spanien und Neuseeland gewinnen, um im Turnier zu bleiben. Und was machte Bundestrainer Markus Weise? Zeigte der Mannschaft die schlimmsten Szenen des Belgien-Spiels. „Je häufiger man sich knallhart die strategischen Probleme angeschaut hat, je besser waren die Videositzungen“, sagt Fürste rückblickend.

Wie HSV-Trainer Dieter Hecking nach zwei schmerzhaften Niederlagen in Folge im Derby gegen St. Pauli (0:2) und in Aue mit der „sportlichen Krise“, wie sie Clubchef Bernd Hoffmann bezeichnet hatte, umgehen wird, zeigt sich nicht nur am heutigen Dienstag, sondern vor allem in den kommenden Tagen und Wochen. Hecking ist nach 733 Spielen als Chefcoach in seiner Karriere nicht dafür bekannt, Aktionismus zu betreiben oder ungewöhnliche Maßnahmen zu treffen. Diesem Prinzip bleibt er auch beim HSV treu. Der Trainer will in dieser schweren Phase seine Mannschaft stärken und seinen Spielern das Vertrauen aussprechen.

Fürste hält nichts von kurzfristigen Maßnahmen

Für Fürste ist dieser Weg genau der richtige. Der 35-Jährige, der selbst Psychologie studiert hat, hält nichts von kurzfristigen Maßnahmen wie Trainingslagern oder Personalwechseln. Seine Herangehensweise klingt eigentlich ganz einfach: „Das Team, das da operativ verantwortlich ist, muss seine Arbeit machen. Es muss morgens auf den Platz gehen, fleißig trainieren, schlaue Videoanalysen machen und genau gucken, warum es nicht klappt und sich sachlich mit der Thematik beschäftigen“, sagt Fürste.

Der Hamburger hat im Hockey so ziemlich alles gewonnen, was man in seinem Sport gewinnen kann. Nur eines schaffte er in seiner Karriere nie: den deutschen Meistertitel im Feldhockey. Gleich achtmal verpasste Fürste mit dem Uhlenhorster Hockey Club den Titel. Ein Trauma, das ihn an den wiederkehrenden Misserfolg beim HSV erinnert. Obwohl auch beim UHC nach Jahren ganz andere Spieler auf dem Platz standen, verfestigte sich das Problem in den Köpfen der Protagonisten. „Das ist eine große Gefahr, wenn man das nicht durchbrechen kann“, sagt Fürste.

Sportpsychologen können helfen

Für den Jungunternehmer ist es daher umso unverständlicher, dass der HSV im Profibereich auf die Hilfe eines Mentaltrainers verzichtet. Gerade in schwierigen Phasen könne der Austausch mit einem Experten helfen. „Sportpsychologen sind keine Voodoo-Zauberer. Es geht um hilfreiche Gespräche für Spieler, die unter großem Druck stehen. Die von innen und außen beobachtet werden“, sagt Fürste. „Diese Art von Gesprächen kann ein Trainer alleine gar nicht leisten. Von daher würde ich das grundsätzlich immer empfehlen.“

HSV: Nur ein Punkt aus den vergangenen drei Spielen

HSV: Bernd Hoffmann spricht von Krise

In der vergangenen Woche hatte der HSV mit American-Football-Trainer und Mentalcoach Patrick Esume überrascht. Der Motivationsexperte macht eine Hospitation im Trainerteam von Dieter Hecking. Esume soll neue Impulse einbringen. Eine Idee von Sportvorstand Jonas Boldt, die Fürste gefallen hat. Mit Esume ist er befreundet, die beiden teilen ähnliche Denkansätze im Spitzensport. „Patrick verkörpert den Mix aus Spaß und Euphorie, gleichzeitig nimmt er kein Blatt vor den Mund. Er kann dem HSV einen Impuls geben“, sagt Fürste.

Mentaltrainer gehören im Hockey seit Jahren dazu

Esume wurde außerhalb Hamburgs bekannt, als er im vergangenen Jahr vor der U-21-Europameisterschaft eine Motivationsrede vor der deutschen Auswahl gehalten hatte. Für das Olympia-Turnier im Sommer hat U-21-Nationaltrainer Stefan Kuntz nun auch bei Fürste angefragt, einen Impulsvortrag zu halten. Während die Sportpsychologie im Fußball bei vielen Trainern noch immer umstritten ist, gehören Mentaltrainer im Hockey seit Jahren dazu.

HSV kassiert Klatsche in Aue:

In der Fußball-Nationalmannschaft ist mit Hans-Dieter Hermann ein Sportpsychologe kontinuierlich dabei. Fürste kennt Hermann aus dem Jahr 2006, als dieser nicht nur beim WM-Sommermärchen dabei war, sondern auch die Hockey-Nationalmannschaft betreute, die wenige Monate später in Mönchengladbach Weltmeister wurde, damals noch unter dem späteren HSV-Sportdirektor Bernhard Peters als Trainer.

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Für den aktuellen HSV gehe es nun darum, sich mental wieder in eine gute Verfassung zu bringen. „Die Mannschaft muss sich doch einfach nur daran erinnern, dass sie mit diesem Personal in der Lage ist, in dieser Liga aufzusteigen“, sagt Fürste. Vielleicht sollte sich die Mannschaft aber auch an die Hockey-Geschichte aus dem Jahr 2008 erinnern. Damals gab es neben Markus Weises schmerzhafter Videoanalyse nach dem Belgien-Spiel auch eine Teamsitzung ohne den Trainer in einer dunklen Tiefgarage von Peking. „Das ist die Story unseres Olympiasieges“, sagt Fürste.

Für Olympia in Tokio können sich beim HSV zwar nur die fußballfernen Athleten qualifizieren. Aber vielleicht reicht es ja zumindest für den Aufstieg. Fürste ist davon noch immer überzeugt.

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