Folgen der Niederlage

Wie die treuesten HSV-Fans auf die Derbypleite reagieren

Das Motto der treuen HSV-Fans gilt in guten wie in schlechten Zeiten: "Unsere Liebe, unser Leiden, unser Leben!"

Das Motto der treuen HSV-Fans gilt in guten wie in schlechten Zeiten: "Unsere Liebe, unser Leiden, unser Leben!"

Foto: Witters

Mit einigem Abstand zur Schmach gegen St. Pauli werden die Folgen klar: Businesskunden wenden sich ab, die aktive Fanszene ist in Rage.

Hamburg. Der Wecker von Manuel Kuhn wird am Sonnabend um kurz nach 5 Uhr klingeln. Um Punkt 6 Uhr sind er und ein Kumpel verabredet. Von Frankfurt am Main wollen die beiden die knapp 400 Kilometer nach Aue mit dem Auto zurücklegen. Um 13 Uhr spielt der HSV im Erzgebirge, gegen 15.30 Uhr fahren Kuhn und sein Begleiter wieder zurück. Noch mal rund fünf Stunden. Läuft alles normal, dürfte der 38 Jahre alte Gabelstapelfahrer zwischen 20 und 21 Uhr zu Hause sein. Fußballfanalltag.

„In guten wie in schlechten Zeiten“, sagt Kuhn, der vor genau 30 Jahren erstmals ein Spiel des HSV live gesehen hat. Einen 6:0-Sieg der Hamburger im alten Waldstadion gegen die Eintracht. Jan Furtok hatte dreimal getroffen. „Ab dem Moment war ich infiziert“, sagt der Frankfurter, dessen Vater bereits zu Uwe-Seeler-Zeiten in den 60er-Jahren vom HSV-Virus angesteckt war.

HSV-Fan kritisiert Derby-Einstellung

Doch Uwe Seeler und Jan Furtok sind Vergangenheit. Und die Gegenwart heißt: Derbyverlierer. „Die Niederlage hat mehr als andere Niederlagen wehgetan“, sagt Kuhn, der Mitglied im offiziellen HSV-Fanclub „Diamanten“ ist. „Mir hat das Feuer gefehlt. Gerade gegen St. Pauli.“

Ob er denn nach der Schmach überlegt hat, ausnahmsweise am Wochenende mal nicht zu einem Auswärtsspiel zu fahren? „Keine Sekunde“, sagt Kuhn. „Gegen St. Pauli zu verlieren tut richtig weh. Aber nach einem Aufstieg könnte ich sogar das verschmerzen.“

„Stachel nach der Derbypleite sitzt sehr tief“

Manuel Kuhn ist Fan. Er ist sogenannter Allesfahrer, Dauerkartenbesitzer, Mitglied – und wahrscheinlich der kostbarste Schatz, den der HSV noch hat. Denn die Kuhns werden weniger beim HSV – gerade nach so einem traumatischen Erlebnis wie einem verlorenen Stadtduell.

„Der Stachel nach der Derbyniederlage sitzt schon sehr tief“, sagt auch HSV-Supporterschef Tim-Oliver Horn. „Besonders bei den Jüngeren und bei der aktiven Fanszene, für die eine Derbyniederlage – besonders aber auch die Art und Weise – noch mal viel schlimmer ist. Die Älteren wie ich hatten ein ähnliches Erlebnis 2011.“

HSV trainiert unter prominentem Gastcoach:

Horn ist überzeugter Optimist, glaubt aber auch, dass die Pleite vom Wochenende in gewisser Art und Weise etwas kaputtgemacht hat. Und tatsächlich gehen die Rückmeldungen, die der HSV seit dem Derby bekommt, in eine ähnliche Richtung. 1800 Hamburger fahren am Wochenende zwar erneut mit nach Aue, doch „nur“ ein Sieg gegen den FC Erzgebirge wird nicht reichen, um die enttäuschten Anhänger zu besänftigen.

HSV-Businesskunden wenden sich ab

Besonders die aktive Fanszene nimmt den Profis die Derbyniederlage und die eine oder andere Relativierung im Anschluss persönlich. Und auch eine ganze Reihe von Businesskunden ist nachhaltig verstimmt. Die Derbypleite kam zur Unzeit, da sich die gut zahlenden VIP-Fans bis zum 31. März entscheiden müssen, ob sie ihre teuren Plätze für die kommende Saison kündigen wollen. Oder nicht.

„Ich habe schon ganz genau mitbekommen, dass diese Niederlage ein schwerer Schlag war – dieses Gefühl habe ich aus verschiedenen Kreisen übermittelt bekommen“, gibt Jonas Boldt ehrlich zu. Der Sportvorstand sitzt in einer Loge im Volksparkstadion, trinkt ein stilles Wasser und schaut auf den Rasen hinunter.

„Wir wollen die Wunde nicht kleiner reden, als sie ist“, sagt er sehr deutlich. „Natürlich ist eine Derbyniederlage eine tiefe Wunde. Das muss man ganz klar sagen. Jetzt ist wichtig, dass die Wunde verheilt und möglichst keine Narben hinterlässt.“

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Wie der HSV medial das Derby verarbeitet

Beim HSV ist man nach dem 0:2 gegen St. Pauli maximal alarmiert. Zwar hat es keine Ausschreitungen, keine Fandemo oder Ähnliches im Anschluss an die Pleite gegeben. Aber anders als sonst wurden sämtliche Medientermine in dieser Woche trotzdem erst einmal abgesagt. „Wir wollen jetzt durch gute Arbeit das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen“, sagt Sportvorstand Boldt.

Am Tag nach dem verlorenen Stadtduell entschied sich der HSV sogar zu einem ungewöhnlichen Schritt. „Uns ist bewusst, dass wir nach der Derby-Pleite am Sonnabend im Moment nichts Richtiges sagen können. Ganz egal, welche Worte wir wählen“, ließ der Club in den sozialen Medien verbreiten. Bei Twitter und Facebook wurde der Text tausendfach geliked, geteilt und kommentiert.

„Eine Derbyniederlage ist immer erst dann richtig verkraftet, wenn eine Revanche geglückt ist“, sagt Tim-Oliver Horn vier Tage später. „Als Fan brauche ich jetzt etwas, das mir den Glauben an die HSV-Mannschaft zurückgibt. Ein Sieg in Aue wäre da ein guter Anfang.“

Boldt glaubt fest an den HSV-Aufstieg

Volkes Meinung ist beim HSV angekommen. Boldt hat für die Partie gegen Aue eine Reaktion angekündigt. „Wir haben schon mehrfach gezeigt, dass wir Rückschläge verarbeiten können“, sagt der frühere Leverkusener. Den Wirbel um Bakery Jattas Identität, sieben Auswärtsspiele in Folge ohne Sieg oder auch das desaströse Jahresfinish mit sieglosen Spielen in Osnabrück (1:2), gegen Heidenheim (0:1), in Sandhausen (1:1) und in Darmstadt (2:2) zum Beispiel. „Wir müssen uns eingestehen, dass wir noch nicht da sind, wo wir hinwollen.“

Bleibt allerdings die Frage, was eigentlich passiert, wenn der HSV am Saisonende eben doch nicht dahin kommt, wo er eigentlich hinwill. Boldt nimmt noch einen Schluck Wasser. „Neben der schmerzhaften Derbyniederlage war das Wochenende auch bitter im Hinblick auf unsere Saisonziele. Die anderen Mannschaften haben ihre Hausaufgaben erledigt“, sagt er und erinnert an Bielefeld, Stuttgart und auch Heidenheim. Doch zum Ende des Gesprächs bleibt er kämpferisch. „Wir rücken von unseren Zielen nicht ab. Wir sind davon überzeugt, dass wir es hinbekommen.“

Das ist auch Manuel Kuhn. Seit sieben Jahren hat der Frankfurter eine Auswärts-Dauerkarte. Im Schnitt sieht er 32 von 34 Saisonspielen live im Stadion. Und biblisch gesprochen waren es sieben äußerst magere Jahre. Viermal knallharter Existenzkampf, darunter zwei Relegationen, ein bitterer Abstieg und zweimal Zweite Liga. Das zerrt an den Nerven. „Vielleicht kommen jetzt ja die sieben fetten Jahre“, sagt Kuhn. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Oder: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.