Transfermarkt

Talente oder Altstars? HSV muss die Zukunft klären

Alt gegen jung: HSV-Routinier Martin Harnik (r.) im Trainingsduell mit Talent Xavier Amaechi.

Alt gegen jung: HSV-Routinier Martin Harnik (r.) im Trainingsduell mit Talent Xavier Amaechi.

Foto: Witters

Boldt, Mutzel und Hecking müssen sich darauf einigen, wie viele Spieler der Kategorie Harnik künftig den Kader bilden sollen.

Hamburg. Als der HSV im September 2017 das letzte Mal in der HDI-Arena von Hannover spielte, fanden sich in der Startelf der Hamburger Namen wie Sven Schipplock, Christian Mathenia, Walace oder André Hahn. Eingewechselt wurden Sejad Salihovic und Törles Knöll. Der Trainer hieß Markus Gisdol. Der HSV verlor mit 0:2 und stieg am Ende der Saison das erste Mal aus der Fußball-Bundesliga ab. Das 1:0 für Hannover schoss damals Martin Harnik.

Zweieinhalb Jahre später spielt der HSV am Sonnabend (13 Uhr/im Liveticker auf abendblatt.de) wieder in Hannover. Auch die Niedersachsen sind mittlerweile wieder Zweitligist. Von den Hamburger Spielern sind nur noch Gideon Jung und Bakery Jatta übrig geblieben. Und Martin Harnik? Der spielt jetzt für den HSV.

Am Sonnabend könnte er das erste Mal in diesem Jahr wieder in der Startelf stehen. Zumindest deutete Trainer Dieter Hecking bereits nach dem 2:0-Sieg gegen den Karlsruher SC an, dass der Stürmer im Spiel bei seinem Ex-Club eine Option sein könne. Am Mittwoch ließ Hecking ihn im Training durchgehend in der A-Elf spielen.

HSV berät über die Kaderplanung

Kurzfristig könnte Harnik also dabei helfen, dass der HSV in Hannover den vierten Sieg in Serie schafft. Langfristig steht der Name Harnik aber für eine andere Frage: Wie soll der Kader der Zukunft im Volkspark aussehen? Wie viele Spieler der Kategorie Harnik wollen die Verantwortlichen in der Mannschaft haben? Und vor allem: Wie viel Jugend verträgt der HSV – insbesondere nach einem möglichen Aufstieg in die Bundesliga?

Gerade erst gab es ein Treffen mit den Verantwortlichen des Clubs. Dabei ging es vor allem auch um die sportliche Ausrichtung der Zukunft. Auch mit Investor Klaus-Michael Kühne befindet sich der HSV in Gesprächen. Dabei dreht es sich in erster Linie um die Verlängerung der Namensrechte am Volksparkstadion. „Mich lockt der HSV unverändert, ich möchte ihn unverändert unterstützen“, sagte Kühne bei NDR 90,3.

Harnik dürfte Hunt als ältesten Spieler ablösen

Die sportlichen Entscheidungen sollen – anders als zu früheren Zeiten – aber ausschließlich im Volkspark getroffen werden. Nachdem die Transferperiode vor zwei Wochen endete, muss der HSV bereits jetzt die Weichen stellen für den Kader der kommenden Saison. Und da gilt es, die Verantwortlichen auf eine Linie zu bringen.

Eines ist bereits jetzt klar: Steigt der HSV auf, spielt Martin Harnik weiterhin beim HSV. Die bisherige Leihgabe von Werder Bremen wird bei einer Rückkehr in die Bundesliga für eine Ablöse von einer Million Euro fest verpflichtet. Mit dann 33 Jahren wäre Harnik vermutlich der älteste Spieler im Kader.

Dass Kapitän Aaron Hunt, schon seit September 33 Jahre alt, dann noch zum Kader gehört, ist unwahrscheinlich. Der Spielmacher hat laut „Sport Bild“ zwar eine Klausel im Vertrag, die ihm bei 20 Einsätzen über mehr als 45 Minuten eine automatische Verlängerung für ein Jahr bescheren würde, doch diese Zahl dürfte Hunt in dieser Saison kaum noch erreichen.

Mutzel steht für die Verjüngungskur

Wie stark der Kader in der kommenden Spielzeit verjüngt wird, muss die sportliche Leitung um Jonas Boldt und Michael Mutzel gemeinsam mit Trainer Dieter Hecking klären. Und das dürfte im Detail gar nicht so leicht werden. Um den HSV perspektivisch weiter zu stabilisieren, arbeitet Hecking eben auch gern mit einem stabilen Mannschaftsgerüst. Mit Spielern wie eben Harnik, für dessen Verpflichtung sich der Trainer vor der Saison stark gemacht hat.

Boldt und Mutzel sind grundsätzlich bekannt dafür, junge und entwicklungsfähige Spieler zu finden. Insbesondere Kaderplaner Mutzel, der bislang die meisten Transfers umgesetzt hat, gilt als klarer Befürworter einer Verjüngungskur.

Gerade erst hat er mit Amadou Onana (18) ein großes Talent ablösefrei von 1899 Hoffenheim abgeworben. Die entscheidende Frage wird sein: Schafft der HSV im Sommer eine Kaderbasis, in der sich ein Spieler wie Onana auch entsprechend entwickeln kann? Oder setzt der Club am Ende doch wieder vermehrt auf Routiniers?

HSV war nicht komplett von Harnik überzeugt

Bereits im vergangenen Sommer wurde diese Frage intern thematisiert. Nicht jeder war etwa überzeugt von der Verpflichtung Harniks. Die bisherige Performance des Stürmers beim HSV dürfte zumindest den Skeptikern recht geben. Der latente Vorwurf: Harnik („Hamburg war immer das Ziel seiner Reise“) versprühe nicht mehr den absoluten Ehrgeiz, um alles aus sich herauszuholen. Zumindest war dieses Phänomen bei vielen Spielern vor Harnik zu beobachten, die beim HSV ihren letzten großen Vertrag unterschrieben.

So wie Bobby Wood, der im Sommer 2017 einen Millionenvertrag unterschrieb und am Sonnabend gegen seinen Ex-Club Hannover nicht nur aufgrund seiner Erkältung überhaupt keine Rolle spielen wird. Sollte der Stürmer (Vertrag bis 2021) im Sommer keinen Verein finden, würde er bei einem Aufstieg in die Bundesliga alleine schon zehn Prozent des Gehaltsetats einnehmen.

Boldt ist auf der Suche nach der Balance

Diese Erfahrungswerte gilt es beim HSV zu berücksichtigen, wenn es um die Kaderplanung geht. Spieler der Kategorie Tobias Strobl (29/Borussia Mönchengladbach), der im Sommer ablösefrei zu haben ist und über den sich der HSV Gedanken gemacht hat, sollen daher höchstens noch mit leistungsbezogenen Verträgen ausgestattet werden.

Für Sportvorstand Boldt gilt es, die richtige Balance zu finden. „Du musst die Basis schaffen, in der Kurzfristigkeit stabil Ergebnisse zu liefern und gleichzeitig die Basis weiterentwickeln mit Rohdiamanten, die du einsetzen kannst“, sagte Boldt im Podcast „kicker meets Dazn“). Der Manager beschreibt diese Aufgabe als „komplexe Geschichte“.

HSV-Elf soll den Altersschnitt beibehalten

Aktuell scheint der HSV die richtige Altersstruktur gefunden zu haben. Vor einem Jahr – das war eine Erkenntnis der internen Analyse – war die Mannschaft in Teilen zu jung besetzt. Beim Spiel in Köln im April hatte der HSV mit einem Durchschnittsalter von 22,18 Jahren die jüngste Mannschaft der Clubgeschichte auf dem Platz.

Am Sonnabend gegen den KSC war die HSV-Startelf im Schnitt 24,18 Jahre alt. Geht es nach Boldt, wird sie in der kommenden Saison nicht wesentlich jünger sein – aber auch nicht deutlich älter. „Ich bin Nachwuchsfan. Das heißt aber nicht, dass wir ab Sommer drei Nachwuchsspieler in der Mannschaft haben werden“, sagte Boldt.

Gelingt der Aufstieg, wird Martin Harnik in jedem Fall ein Teil des HSV-Kaders sein. Langfristig wird der Österreicher zwar nicht mehr zu den Säulen der Mannschaft zählen. Kurzfristig hätte beim HSV aber niemand etwas dagegen, wenn Harnik am Sonnabend wieder das 1:0 in der HDI-Arena erzielt – diesmal aber für den HSV aus Hamburg.