Todts HSV-Aufgaben

Mehmedi kommt eher nicht – Knöll vor Wechsel

Sportdirektor Jens Todt ist seit knapp einem Jahr im Amt

Sportdirektor Jens Todt ist seit knapp einem Jahr im Amt

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Der HSV machte Jens Todt Anfang 2017 zum Sportchef. Es sollten die abwechslungsreichsten zwölf Monate seiner Karriere werden.

Hamburg. Jens Todts Jahreswechsel ist in trockenen Tüchern. Schon vor Wochen hat sich der Sportchef des HSV entschieden, Silvester mit der Familie, Freunden und Nachbarn in der Villa Schöningen zu zelebrieren. Das historische Wohngebäude in der Berliner Straße 86 liegt nur einen Freistoß von Todts Zuhause in Potsdam entfernt. „Es ist eine fantastische Location“, schwärmt Todt, der in der denkmalgeschützten Villa unter anderem mit Nachbar Kai Diekmann ins neue Jahr feiern will. Hier der Ex-„Bild“-Chef, dort der Ex-„Spiegel“-Mann. „Man sollte nicht immer in diesen Klischees denken“, sagt Todt. „Wir verstehen uns wirklich sehr gut.“

Dass im Leben nicht immer alles schwarz oder weiß sein sollte, wurde Todt besonders in seinem ersten blau-weiß-schwarzen Jahr beim HSV mehr als deutlich. „Es war ein Jahr der Kon­traste“, sagt der Sportchef. Mal himmelhoch jauchzend, oft zu Tode betrübt.

Jens Todt sitzt im französischen Café Par Ici in Winterhude, trinkt einen Cappuccino und einen frischgepressten Orangensaft und gönnt sich ein kleines Brötchen mit Rosmarinschinken zum Frühstück. „Es war schon ein ganz schön wildes Jahr“, sagt der Manager. „Aber mir hat es immer Spaß gemacht. Beim HSV wird es nie langweilig.“

KSC bezahlte Todts HSV-Telefonate

Ziemlich genau vor einem Jahr erhielt der gebürtige Niedersachse einen ersten Anruf vom damaligen Neu-Clubchef Heribert Bruchhagen. „Ich bin dann schnell vor meinem lange geplanten Asienurlaub nach Hamburg gefahren, wo wir uns für ein erstes Treffen verabredet hatten“, erinnert sich Todt an die Sondierungsgespräche. Doch weil beim HSV oft alles immer ein wenig länger als anderswo dauert, wurden die konkreten Koalitionsgespräche auf die Zeit nach dem Jahreswechsel verlegt.

Also flog Todt über Silvester mit der Familie nach Asien statt nach Hamburg. Kambodscha, Thailand und Singapur statt Volkspark und Stellingen. „Natürlich hatten wir täglichen Kontakt am Telefon“, sagt Todt, der im Spaß anmerkt, dass die astronomische Handyrechnung ja der KSC, Todts ehemaliger Club, übernehmen musste.

Doch bekanntermaßen holten sich die Karlsruher, die Todt schon mehr als einen Monat zuvor freigestellt hatten, die Handyrechnung doppelt und dreifach wieder zurück. Am Neujahrstag sagte KSC-Präsident Ingo Wellenreu­ther dem Abendblatt: „Der HSV darf sich über Jens Todt freuen – wir freuen uns über einen sechsstelligen Betrag.“

Es dauerte dann noch einmal fünf Tage, ehe der Einigung zwischen dem HSV und Karlsruhe auch die Einigung zwischen HSV und Todt folgte – und der Neu-Sportchef direkt aus dem Urlaub ins HSV-Trainingslager nach Dubai flog. Was erst ein Jahr später dank Todts früherem Arbeitgeber „Spiegel“ bekannt wurde: Die Vertragsunterzeichnung verzögerte sich offenbar auch deswegen, weil Todt neben einem Bonus für den Klassenerhalt im Abstiegsfall auch vertraglich einen Bonus für den Wiederaufstieg zugesichert haben wollte. Den späteren Aufschrei der Empörung kann der 47-Jährige aber nicht wirklich verstehen. „Mein Vertrag ist doch harmlos. Ich verdiene sicherlich weniger als manch anderer Kollege“, sagt Todt.

Mehmedi wechselt eher nicht zum HSV

Der Wahl-Winterhuder musste allerdings schon früher feststellen, dass im bipolaren Hamburg nicht nur das Geschehen auf dem Rasen entscheidend ist. Als Todt im Sommer während der Transferphase zweimal für je drei Tage die Familie im Südfrankreichurlaub besuchte, war der Wirbel groß. „Beim HSV ist eben alles eine Nummer größer – auch die Aufregung und das Drumherum“, sagt Todt und bestellt einen zweiten Cappuccino. Ob ihn denn die Wucht des HSV trotz allen Vorwissens überrascht habe? „Puh“, sagt der Ex-Karlsruhe-Bochum-Wolfsburg-Funktionär.

Immerhin: Genau wie in seinen vorherigen Stationen werden natürlich auch in Hamburg in erster Linie die Transfers des Sportchefs kritisch hinterfragt. Knapp 30 Millionen Euro hat Todt für acht Spieler in seinem ersten Jahr als HSV-Manager ausgegeben. Das Gesamtfazit, diesen Vorwurf muss sich Todt gefallen lassen, fällt ernüchternd aus. Sein erster Einkauf war gleich sein teuerster: Der Brasilianer Walace für 9,2 Millionen Euro, der nach einem eher schwachen ersten Jahr in Hamburg bereits wieder erste Anfragen für eine Rückkehr in die Heimat hat. „Walace bleibt“, sagt Todt gelassen. „Man muss dem Jungen nur ein wenig Zeit geben.“

Erneut 31 Tage Zeit hat der Familienvater ab dem 1. Januar, um den im Sommer unausgeglichen zusammengestellten Kader zu pimpen. Trotz chronischer Finanznot will Todt einen offensiven Mittelfeldspieler zum HSV holen. Das grundsätzliche Interesse an Leverkusens Admir Mehmedi bestätigt er, allerdings sei ein Wechsel des Schweizers nach Hamburg eher unwahrscheinlich.

Knöll vor dem Absprung

Sehr wahrscheinlich sei dagegen, dass Nachwuchsstürmer Törles Knöll noch im Januar verkauft wird. Der Vertrag des Talents läuft im Sommer aus – und damit ist nun die letzte Möglichkeit, noch ein paar Euro mit dem U-21-Torjäger zu machen. Sandhausen habe zuletzt Interesse gehabt, sagt Todt, der den wahrscheinlichen Weggang des Offensivmanns der Regionalligamannschaft durch eine interne Lösung auffangen will. So würde Arianit Ferati, den Todt-Vorgänger Dietmar Beiersdorfer einst für die Wahnsinnssumme von 850.000 Euro aus Stuttgart holte, der sich aber nie im Profibereich durchsetzen konnte, im Januar das Leihgeschäft in Aue vorzeitig beenden und direkt bei der zweiten Mannschaft trainieren.

Wenn man sich länger mit Todt unterhält, wird einem schnell klar, dass dem früheren Nachwuchschef des HSV die Talente des Clubs ein besonderes Anliegen sind. Todt hat die Verträge mit den Toptalenten Fiete Arp und Tatsuya Ito verlängert, er hat Gideon Jung langfristig gebunden und den Abwehrhoffnungen Patric Pfeiffer und To­bi­as Knost einen Profivertrag gegeben. „Unser Ziel muss es sein, noch viel mehr auf unsere eigenen Jungs zu setzen“, sagt Todt.

Viele gute Vorsätze für das zweite Todt-Jahr beim HSV: mehr Talente, mehr Punkte, mehr Sicherheit. „Natürlich haben wir nicht erwartet, dass wir auch in dieser Saison so sehr ums Überleben kämpfen müssen“, räumt Todt ein, der aber fest davon überzeugt ist, dass der HSV auch 2018 die Klasse halten werde. Bleibt zum Schluss nur noch eines zu sagen, ehe Todts HSV-Jahr 2018 am Neujahrstag mit dem Abflug ins Trainingslager nach Jerez de la Frontera beginnt: „Guten Rutsch!“

Der HSV braucht jetzt viele Papas
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