Exklusives HSV-Interview

Gernandt kündigt Risiko-Transfers an – spielt Kühne mit?

HSV-Aufsichtsratschef Karl Gernandt (56) am Abendblatt-Redaktionskicker

HSV-Aufsichtsratschef Karl Gernandt (56) am Abendblatt-Redaktionskicker

Foto: Marcelo Hernandez / HA

"Die Hütte brennt lichterloh": Der HSV-Aufsichtsratschef über seine Amtszeit, Investor Kühne, Beiersdorfer und den Abstiegsfall.

Hamburg. Karl Gernandt ist beeindruckt. „Von hier aus haben Sie ja eine sehr schöne Aussicht“, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende des HSV, als er am Vormittag zum verabredeten Interview in die Abendblatt-Redaktion kommt. Die Aussichten des HSV sind dagegen alles andere als schön. Doch trotz Platz 18, der zähen Suche nach einem Sportchef und der Führungskrise beim Bundes­liga-Dino hat Gernandt seine vor längerer Zeit gegebene Zusage für das Gespräch nicht infrage gestellt. „Ein Mann, ein Wort“, steht in der SMS-Antwort, die der Kontrollchef am Vorabend auf die Frage schickte, ob denn alles beim abgesprochenen Termin bleibe.

Herr Gernandt, am Montag wurde bei der Aufsichtsratssitzung nach unseren Informationen intensiv über den Vorstand, die miserable Sportchefsuche und die beängstigende Lage des HSV diskutiert. Mit welchem Gefühl sind Sie aus der Sitzung gekommen?

Karl Gernandt: Ich gehe immer mit einem angespannten Gefühl in diese Sitzungen hinein und auch wieder heraus, weil wir uns mit ernsten Themen rund um dem HSV befassen. Entscheidend ist, dass wir in dieser Phase eine gemeinsame Meinung formulieren.

Wie lautet diese Meinung?

Gernandt: Dass wir den Vorstand, vor allem jetzt, intensiv beraten müssen. Wir hatten durch die gescheiterten Verhandlungen mit dem VfL Bochum Redebedarf. Ich bin im Vorfeld davon ausgegangen, dass wir eine Lösung hinbekommen, insofern lag Anfang der Woche eine andere Gefechtslage vor.

Wie sehr steht der Vorstand nun unter Druck?

Gernandt: Die für den Vorstand jetzt anstehenden Entscheidungen sind für den HSV existenziell. Deswegen ist es gut, dass der Vorstand auch die Nähe zum Aufsichtsrat sucht und sich immer wieder abstimmt. Wir haben den Vorstand intensiv gebeten, die Suche und Auswahl des Sportdirektors in einer professionellen Art und Weise zu betreiben, damit wir in der Außendarstellung nicht immer in ein öffentliches Pingpongspiel geraten. Dass wir in der Lage sind, trotz der schwierigen sportlichen Situation aus mehreren Kandidaten auszusuchen, beweist, dass der HSV nach wie vor eine Marke ist, die elektrisiert.

Mit den Wunschkandidaten hat es aber nicht geklappt ...

Gernandt: Christian Hochstätter war der Kandidat, mit dem wir final sprechen wollten. Zu einer Einigung ist es nicht gekommen, weil wir nicht einsehen, für einen Sportdirektor eine unübliche und überspannte Ablösesumme zu zahlen. Ich bin als Aufsichtsrat sehr pingelig beim Geldausgeben.

Haben Sie sich mal in Bochums Lage versetzt? Warum sollte der VfL mitten in der Saison seinen Sportvorstand ziehen lassen, nur weil der HSV anfragt?

Gernandt: Die Argumente der Bochumer sind in Ordnung. Ich kritisiere Bochum auch nicht und hätte meinen Mann genauso mit Händen und Füßen verteidigt. Ich habe versucht, Dietmar Beiersdorfer Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man argumentativ vielleicht doch gewinnen kann. Am Ende hat es nicht geklappt, was mich ärgert, aber inhaltlich begründet ist.

Es gab auch Kritik, dass Ihr Finanzvorstand Frank Wettstein und nicht Beiersdorfer die Verhandlungen geführt hat. Hätte Beiersdorfer nicht persönlich vor Ort mehr erreichen können?

Gernandt: Dietmar Beiersdorfer war sich inhaltlich und konzeptionell mit Herrn Hochstätter einig. Frank Wettstein konnte somit neutral mit Bochum über die Finanzen sprechen. Diese Arbeitsteilung ergab Sinn. Dietmar Beiersdorfer hat mich zudem gebeten, mit Herrn Hochstätter zu sprechen, damit ich einen eigenen Eindruck gewinnen kann. Dies habe ich getan und war der festen Überzeugung, dass wir diese Idee positiv abwickeln können. Dietmar Beiersdorfer hätte es auf der emotionalen Seite probieren können. An den finanziellen Differenzen hätte dies aber vermutlich nicht viel geändert. Wir müssen jetzt nach vorne schauen.

Wann folgen die nächsten Gespräche?

Gernandt: Täglich. Denn eines steht fest: Wir brauchen dringend einen Sportdirektor, der die Manpower in der Zusammenarbeit zwischen der Mannschaft und dem Trainer intensiv und 24 Stunden am Tag abdeckt.

Kann sich der HSV leisten, die nächste Transferperiode ohne einen neuen Sportchef anzugehen?

Gernandt: Nein. Die Sanduhr hat deutlich weniger Körner oben als unten. Wir sind uns der Dringlichkeit bewusst.

Wer soll kommen?

Gernandt: Wir haben vom Vorstand ein klares Anforderungsprofil erarbeitet bekommen. Wir brauchen keinen Manager, der mit der Zigarette zurückgelehnt und mit Cappuccino-Becher auf der Tribüne sitzt und sagt: Ich weiß, wie es geht. Wir müssen jemanden haben, der sich auch unbequem engagiert und sich als Teil des Systems versteht.

Das sind Sie auch, für viele sogar zu sehr. Sie sind sehr eng in die Entscheidungsprozesse beim neuen Sportchef eingebunden. Das ist aber eigentlich gar nicht Ihre Auf­gabe.

Gernandt: Die Entscheidung über den Sportchef trifft der Vorstand. Wenn aber der Vorstand in dieser kritischen Situation um Unterstützung bittet, lasse ich ihn nicht allein. Ich bin auch ein Ratgeber für Dietmar Beiersdorfer. Aber natürlich muss ich mich an die Regeln halten. Das ist schwer, aber ich hoffe, dass ich die Linien nicht überschreite. Wenn, würde ich mir auch von Dietmar Beiersdorfer sagen lassen: Du bist hier nicht eingeladen, das ist nicht deine Entscheidung.

Sie haben Beiersdorfer vor Kurzem den Rücken gestärkt. Hat sich durch die jüngsten Ereignisse daran etwas verändert?

Gernandt: Nein, das hat nichts verändert. Die Rolle eines Aufsichtsrats ist nicht die eines Fieberthermometers, das heute rauf und morgen runter geht. Die Beurteilung des Vorstands obliegt dem Aufsichtsrat, und darüber diskutieren wir natürlich auch – intern. Wir wollen das Bestehende besser machen und nicht das Bestehende zerschlagen. Wir haben beim HSV gelernt, dass eine Hire-and-fire-Politik dem Verein noch nie gutgetan hat.

Diese Politik wurde unter Beiersdorfer auf die Spitze getrieben. Und von Ihnen zugelassen.

Gernandt: Meine Aufgabe ist es nicht, Entscheidungen zu treffen. Es gibt eine Linie, und die heißt: Ich bin nicht exekutierend. Das ist der Vorstand. Das Recht hat und das Recht braucht er auch. Einen starken Vorstand haben Sie nur dann, wenn er unabhängig Entscheidungen treffen kann.

Der Aufsichtsrat ist nicht für den Trainer und nicht für den Sportchef verantwortlich. Sehr wohl aber dafür, dass der Vorstand ...

Gernandt: (fällt ins Wort) ... die Vorgaben richtig umsetzt und eine entsprechende Struktur schafft. Und da kann ich Ihnen nur so viel sagen, dass genau diese Frage im Aufsichtsrat stets sehr intensiv diskutiert wird. Das ist schließlich unsere Hauptaufgabe.

Noch einmal nachgefragt: Auch nach den Diskussionen bleiben Sie dabei, dass Sie an Dietmar Beiersdorfer festhalten?

Gernandt: Dietmar Beiersdorfer ist unser Vorstandsvorsitzender, genauso wie Markus Gisdol unser Trainer ist. Wenn ich nun aber in der Öffentlichkeit Beurteilungsgespräche im Detail kommentieren würde, dann dürfte man mich nicht mehr ernst nehmen. Deswegen dürfen Sie gern, sooft Sie möchten, nachfragen, aber ich werde öffentlich nicht über unseren Vorstandsvorsitzenden richten.

Daran werden auch eine oder zwei Niederlagen in den beiden kommenden Spielen nichts ändern?

Gernandt: Natürlich gibt es das sogenannte Manöver des letzten Augenblicks. Bevor man eine Kollision nicht mehr verhindern kann, dann hat man nur noch eine Chance. Als Aufsichtsrat muss man wissen, wo dieser Punkt ist.

Ist dieser Punkt nicht schon lange überschritten?

Gernandt: Nein, das ist er nicht.

Die Ziele, die mit der Ausgliederung 2014, Ihrem Antritt und Beiersdorfers Rückkehr verbunden waren, wurden deutlich verfehlt.

Gernandt: Als ich antrat, wollten wir die Arbeit des Aufsichtsrats professionalisieren und ein langfristiges Sportkonzept entwickeln. Diese beiden Säulen waren Teil unserer HSVPlus-Agenda. Eine bessere wirtschaftliche Stabilität zu erreichen gehörte ebenfalls zu den übergeordneten Zielen. Innerhalb von zweieinhalb Jahren konnten wir 120 Millionen Euro einsammeln. Dank dieser frischen Mittel weisen wir heute ein Eigenkapital von mehr als 35 Millionen Euro aus. Der sportliche Bereich konnte für 120 Millionen Euro eine Mannschaft neu zusammenstellen und die Verpflichtungen aus dem alten Kader heraus bezahlen und zudem das Campus-Projekt umsetzen.

Das Ergebnis ist Platz 18. Ist die AG gescheitert?

Gernandt: Man muss sagen, dass wir die sport­lichen Ziele für 2016/2017 komplett verfehlt haben. Und da fange ich auch nicht an, etwas schönzureden. Wir haben es nicht geschafft, Talente von unten nach oben zu ziehen. Eine einheitliche Spielanlage fehlt, was wohl damit zu erklären ist, dass zu viele Menschen in den sportlichen Bereich reingeredet haben. Das ist nicht gut.

Alles andere als gut ist auch, dass es Ihnen auf der wirtschaftlichen Seite nicht gelungen ist, einen strategischen Partner zu finden.

Gernandt: Ich habe gelernt, dass es zu optimistisch war, in Zeiten von Fifa-Skandalen und geplatzten Sommermärchen zu denken, wir schaffen strategische Partnerschaften mal eben so. Wir haben aber mit unserer Kooperation mit dem Club SIPG in Shanghai einen Anfang gemacht. Das ist nicht genau der Weg, den wir ursprünglich angedacht hatten, aber man muss sich den Realitäten anpassen. Wichtig war auch, dass wir uns finanziell stabilisieren wollten, was uns gelungen ist.

Ihre wirtschaftliche Stabilität hängt allein an der Gönnerschaft von Klaus-Michael Kühne.

Gernandt: Ohne Herrn Kühne wären wir wirtschaftlich nicht dort, wo wir heute stehen können, und wir hätten kein Volksparkstadion. Vergessen Sie zudem nicht, dass es uns gelungen ist, eine Anleihe bei professionellen Investoren zu platzieren. Was wir nicht geschafft haben, ist, die ursprüngliche Idee des strategischen Partners umzusetzen. In der Summe ist das aber durchaus eine gute Bilanz für den HSV.

Ist es ein schwieriges Unterfangen, Herrn Kühne neu zu motivieren?

Gernandt: Ja.

Glauben Sie, dass er nach all den Enttäuschungen weitermacht?

Gernandt: Aktuell ja. Um es noch einmal klar zu sagen: Herr Kühne hat dem HSV nie geholfen, um damit Geld zu verdienen. Er hat das immer getan als Hamburger. Der HSV ist seine emotionale Heimat. Diese Verbindung hat uns in die Lage versetzt, uns in diesen schwierigen Zeiten zu stabilisieren und auf dem Transfermarkt Möglichkeiten zu eröffnen, die leider im Ergebnis nicht gut gewesen sind. Unser Ziel muss also lauten, dass uns Herr Kühne in seiner generösen Unterstützung für den HSV nicht abhandenkommt.

Sein Berater, Volker Struth, hatte auf all das Chaos auch keine Lust mehr. Wer berät Kühne jetzt?

Gernandt: Ich kann hier nicht für Herrn Kühne sprechen. Aber ich versichere Ihnen, dass ich über diese Fragen sehr regelmäßig und sehr lange mit ihm spreche. Wir haben auch schon vorher mit Herrn Kühne zusammenarbeitet, bevor er sich entschlossen hat, einen Berater hinzuzuziehen.

Manch einer glaubt, dass es klug wäre, auf seine großzügige Hilfe zu verzichten. Ganz nach dem Motto: Es kann doch nicht die einzige Strategie des HSV sein, auf Kühnes Geld zu setzen.

Gernandt: Völlig richtig. Sie haben ja recht mit Ihrer Kritik. Aber wenn es falsch ist, nur auf Herrn Kühne zu setzen, dann ist es genauso falsch, jetzt nicht auf seine Hilfe zu hoffen. Es ist mit Sicherheit kein Nachteil, dass ich zu Herrn Kühne ein sehr viel innigeres Verhältnis habe als zu manch anderem potenziellen Partner.

Es tut uns leid, aber wir müssen wiederholen: Herr Kühne ist keine Strategie.

Gernandt: Und ich wiederhole: Sie haben recht. Herr Kühne ist eine enorme Hilfe und keine Strategie, unter dem Strich ist derzeit zudem und leider auch kein Ergebnis zu erkennen.

Bleibt es dabei, droht der Abstieg. Wie bedrohlich ist die Lage?

Gernandt: Ich würde meiner Aufgabe nicht gerecht werden, wenn ich mich damit nicht auseinandersetze. Aber ich schließe das Hirngespinst Abstieg aus meinen Gedanken so lange aus, solange ich über Motivation und Kampfgeist nachdenke. Aber wenn ich ein kühler Aufsichtsrat bin, muss ich mich damit befassen. Ich kann Ihnen versichern, das sind Momente, da haben Sie nicht viel Spaß, wenn Sie durch die Bücher gehen. Deswegen bin ich jetzt auch zu jedem Risiko bereit, auch zu finanziellen Risiken. Jeder weiß: Nichts ist teurer als der Abstieg.

Könnte der HSV den Abstieg überhaupt verkraften?

Gernandt: Wirtschaftlich ja. Wir würden kein Fall Duisburg werden. Aber sportlich wäre der Abstieg eine Katastrophe. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Bundesligazeit des HSV abläuft.

Was ist mit Ihnen? Meinen Sie nicht, dass Ihre Zeit im Sommer abläuft?

Gernandt: Ob ich in drei Jahren noch Ihr Gesprächspartner als Aufsichtsrat bin, beschäftigt mich im Moment überhaupt nicht. Mich beschäftigen die Fragen: Wie kommen wir aus dieser Krise, in der die Hütte lichterloh brennt? Wie bekommen wir eine Klarheit in den Blick, was die richtigen Maßnahmen sind? Wir haben nur diese eine Mannschaft, die sich zusammenreißen, zusammenraufen muss und von einem Trainer so eingestellt wird, dass sie wieder mit stolz geschwellter Brust aufläuft und sagt: Wir holen in diesem Spiel die drei Punkte. Und da ist es doch völlig egal, wer Aufsichtsrats- oder Vorstandsvorsitzender ist.

Noch einmal nachgefragt: Haben Sie zuletzt mal überlegt, hinzuwerfen?

Gernandt: Ich habe noch nie in meinem Leben in irgendeiner Situation aufgegeben. Hinwerfen ist für mich Fahnenflucht und keine akzeptable Lösung.