Katastrophenszenario

HSV in der Abstiegsfalle: Millionen-Minus und Ausverkauf

Pierre-Michel Lasogga gehört mit rund 3,5 Millionen Euro zu den Topverdienern beim HSV. Auch er wäre bei einem Abstieg kaum zu halten

Pierre-Michel Lasogga gehört mit rund 3,5 Millionen Euro zu den Topverdienern beim HSV. Auch er wäre bei einem Abstieg kaum zu halten

Foto: Renate Feil/M.i.S. / pixathlon / M.I.S

HSV erwirtschaftet ein hohes Millionen-Minus – Ausverkauf der Mannschaft im Abstiegsfall sicher – Trainingslager in Malente.

Hamburg. Bei einer Umfrage zum Fußballwort des Jahres wäre „Kurz-Trainingslager“ sicher ganz vorne dabei. Hannover 96 zieht sich vor dem Saisonfinale gegen Freiburg bereits zum zweiten Mal in ein Kloster im westfälischen Harsewinkel zurück, um mit himmlischem Beistand den Bundesliga-Klassenerhalt zu schaffen. Auch Schalke versuchte im Hotel Klosterpforte, die von der Mannschaft heimgesuchten bösen Geister zu vertreiben. Und nun also der HSV.

Wie erwartet sucht der Tabellen-17. von Mittwoch bis Freitag die Ruhe und Abgeschiedenheit abseits von Hamburg. Die Wahl fiel dabei auf die Drei-Sterne-Sportschule in Malente in Ostholstein, die seit 2013 den Namen „Uwe-Seeler-Fußballpark“ trägt.

In der 11.223 Einwohner zählenden Gemeinde, wo 1974 auf dem Weg zum WM-Titel der deutschen Nationalmannschaft der „Geist von Malente“ geboren wurde, will der HSV also alle Kräfte vor dem Endspiel gegen Schalke am Sonnabend (15.30 Uhr) bündeln und mobilisieren, wie es der Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer angekündigt hatte. Trainiert wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Am Dienstag sind noch zwei Trainingseinheiten an der Imtech-Arena um 10 und 15.30 Uhr angesetzt.

„Das ist der letzte Strohhalm. Die Mannschaft braucht jetzt Ruhe und Gelassenheit“, sagte Uwe Seeler dem „sid“, „die findet man in Malente auf jeden Fall. Spieler und Trainer können sich dort gut vorbereiten.“

Steigt der HSV ab? Und was, wenn ja?
Video: abendblatt.tv

Positiv bleiben, Zuversicht ausstrahlen, das ist die Aufgabe aller Funktionsträger. Im Hintergrund müssen sich Beiersdorfer & Co. jedoch auf den Ernstfall vorbereiten – den erstmaligen Abstieg in die Zweite Liga. „Es ist unsere Pflicht im Management, alle Szenarien durchzuspielen“, sagt Beiersdorfer, „aber das werden wir ganz bestimmt nicht in der Öffentlichkeit tun.“

Bei einem Blick auf die Finanzen würde sich fast anbieten, dass Beiersdorfer und seine Kollegen ebenfalls einige Zimmer in Malente buchen. Die Ausgangslage für das Projekt Wiederaufstieg wäre mehr als bescheiden.

Während der HSV von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) die Lizenz für die Bundesliga ohne Auflagen erteilt bekam, wurde der Club bezüglich der Finanzplanung im Abstiegsfall von der DFL zum Nachbessern aufgefordert. „Für die Zweitliga-Lizenz müssen erwartungsgemäß noch Bedingungen erfüllt werden“, teilte der Verein mit, „wir werden diese innerhalb der vorgegebenen Frist bis zum 3. Juni erfüllen.“

Das klingt optimistisch, ist aber leichter gesagt als getan, von einem zu stopfenden Finanzloch in Höhe von bis zu zehn Millionen Euro ist die Rede.

Matz ab nach der Niederlage in Stuttgart
Video: abendblatt.tv

Die Zahlen der laufenden Saison passen sich den sportlichen Darbietungen auf dem Platz an: Sie sind miserabel. Nach Abendblatt-Informationen wird die HSV-AG das Geschäftsjahr 2014/15 mit einem Minus von zehn Millionen Euro abschließen. Noch im Oktober 2014 hatte die Clubführung auf einen Verlust vor Steuern in Höhe von „nur“ drei bis fünf Millionen Euro gehofft, so hieß es im Prognosebericht. Doch die fußballerische Talfahrt machte diese Finanzplanungen zunichte. Es ist das fünfte Minus in Folge, dass das negative Eigenkapital (2014 betrug es bereits 26,9 Millionen Euro) erneut in die Höhe schnellen lassen wird.

Die Hauptgründe: Im Winter verpflichtete der HSV mit Ivica Olic und Marcelo Diaz zwei weitere Akteure für 3,5 Millionen Euro, die das Gehaltsniveau auf über 52 Millionen Euro anhoben. Die schlechte Tabellenplatzierung vergrößert das Millionenminus weiter, da der Club in seiner Planungsrechnung von Rang zehn ausgegangen war. Auch die Ausgaben im Bereich Geschäftsstelle stiegen beachtlich an.

In der Zweiten Liga müsste der HSV bei einem Etat von circa 75 Millionen Euro die Gehaltskosten auf 25 bis 28 Millionen Euro drücken. Erreichen könnte die Clubführung dieses Ziel aber nur mit einem Ausverkauf bei der Mannschaft. Zugleich eine schlagkräftige Mannschaft zusammenzustellen ist ein äußerst schwieriger Spagat.

Klar ist, dass der Club keinen auslaufenden Spielervertrag mehr verlängern könnte (siehe HIER). Doch das alleine würde längst nicht reichen. Kein Profi wäre unverkäuflich, weder René Adler noch Johan Djourou, Lewis Holtby oder Pierre-Michel Lasogga.

Branchenüblich gelten alle Spielerverträge (wie auch die des Vorstands, das war beim HSV früher anders) für die Bundesliga und die Zweite Liga. Kündigungsoptionen gäbe es nur bei einem finanziellen Kollaps. In Verträgen zwischen dem HSV und Lizenzspielern heißt es unter Paragraf 10 (Vertragsbeginn und -ende), Absatz 2.c (liegt dem Abendblatt vor): „Die Parteien sehen zudem übereinstimmend das Erlöschen und den Entzug der Lizenz des Clubs oder des Verzichts auf sie, ihre Nichterteilung sowie den Fall des Abstiegs aus der 2. Bundesliga und die Versetzung des Clubs in eine Amateurspielklasse als einen wichtigen Grund an, der es ausschließlich dem Club erlaubt, das Vertragsverhältnis außerordentlich und fristlos zu kündigen.“

Wer allerdings glaubt, dass die Gehälter der Profis in der Zweiten Liga automatisch sinken, irrt. Nicht nur bei Lasogga, der mit 3,5 Millionen Euro Gehalt zu den Topverdienern gehört, laufen die Bezüge zu unveränderten Konditionen weiter, übrigens auch im Vorstand. Da die Konkurrenz weiß, dass der HSV als Zweitligist auf Verkäufe angewiesen ist und die Kontrakte hoch dotiert sind, wäre die Verhandlungsposition der Bosse schwach.

Liga zwei wäre finanziell ein Katastrophenszenario

Nicht vergessen werden darf bei einer „Was-wäre-wenn-Rechnung“, dass der HSV selbst bei einer großzügigen Aufräumaktion im Kader ja auch Qualitätsspieler für die Zweite Liga benötigt, die im Zweifel auch nicht ablösefrei zu haben sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Verein wieder neue Schulden anhäufen muss, ist deshalb groß – außer, er besorgt sich durch weitere Anteilsverkäufe frisches Eigenkapital von außen – zu einem miesen Kurs. Nach einem eventuellen Aufstieg müsste der Kader dann für die Erste Liga wieder aufgerüstet werden, mit Geld, das nicht vorhanden ist.

Der HSV in der Abstiegsfalle. Nicht nur, dass die nahe Zukunft äußerst schwierig zu bewältigen wäre, 2019 muss die Fananleihe (18 Millionen Euro) zurückgezahlt werden, was in der Zweiten Liga ein unmögliches Unterfangen wäre. Kein Wunder, dass Finanzvorstand Frank Wettstein in der Supporters News von „Rückfalloptionen“ sprach: „Auch eine neue Fananleihe könnte aufgelegt werden.“

Keine Frage, der HSV in Liga zwei ist finanziell ein Katastrophenszenario, nicht zu schweigen von den vielen Arbeitsplätzen im Club, die bedroht sind. Bleibt nur zu hoffen, dass der „Geist von Malente“ ein schwarz-weiß-blaues Herz hat.