Matz ab

HSV-Niederlage? Schönreden!

Zufriedene Gesichter nach dem Pokal-Aus gegen den FC Bayern – warum haben die Fans keine höheren Ansprüche mehr an das Team?

Stockfinster war es, als sich die HSV-Fans kurz vor Mitternacht aufmachten, den Volkspark zu verlassen. Die vielen strahlenden Gesichter aber waren trotz allem unübersehbar. Nur 1:3 gegen den großen FC Bayern verloren, nur 1:3. Das ist doch mal was. Alles was nach 90 Minuten unter 0:5 zu Buche steht, wird akzeptiert. Unter diesem Motto hatte sich die Anhängerschaft der Rothosen offenbar auf den Weg in die Arena begeben. Weil sich fast ganz Hamburg seit Jahren schon damit begnügt, fußballerisch nur die ganz kleinen Brötchen zu backen.

So weit ist es mit dem HSV nun ja leider gekommen. Da wird eine 1:3-Heimniederlage gegen den FC Bayern so verarbeitet, als hätte der HSV nicht verloren. Die Ansprüche sind so dramatisch gesunken, weil in der Hansestadt fußballerisch gesehen Anspruch und Wirklichkeit schon seit Jahren mit Füßen getreten wurden – in Richtung unterstes Erstliga-Niveau. Was nicht jeder wahrhaben wollte und will, was einige vielleicht auch immer noch gar nicht bemerkt haben. So wird dann sogar eine 1:3-Pleite gegen die Münchner feierlich, mindestens aber sehr nachsichtig betrachtet und zur Kenntnis genommen. Tenor: „Die Mannschaft hat sich immerhin sehr gut verkauft, darauf kann man aufbauen.“ Prost Mahlzeit!

Dabei wird übersehen, dass die Bayern nicht mal 100 Prozent abrufen mussten, um einen ungefährdeten Sieg einzufahren und dass HSV-Torwart Jaroslav Drobny mit sensationellen Paraden mindestens noch vier weitere Tore des Meisters verhindert hat.

Viel zu viel aber wird (und wurde danach) mit der rosaroten Vereinsbrille betrachtet. „Wir haben gegen die Bayern doch nur wegen des schlimmen Patzers von Westermann verloren ...“ Zu dieser Überzeugung waren später nicht wenige HSV-Anhänger gelangt. Und Heiko Westermann selbst befand: „Diese Bayern sind übermächtig, aber wir sind nicht auseinandergefallen. Wichtig ist für uns das Sonnabend-Spiel gegen Leverkusen.“

Das stimmt. Einerseits. Andererseits aber ist gewiss auch das Pokalspiel gegen die Bayern wichtig gewesen, gegen die es am vierten Spieltag dieser Saison ja noch ein 0:0 gegeben hatte. Weil im Pokal gutes Geld verdient werden kann, weil ein Sieg bestens fürs angekratzte Image (und für das Selbstvertrauen) gewesen wäre – und weil zur nächsten Runde nun Zweitliga-Club Eintracht Braunschweig statt nach München nach Hamburg gereist wäre. Es hätte sich also gelohnt, sich gegen den Rekordmeister aus München restlos zu verausgaben, anstatt schon mal mit mehr als nur einem Auge in Richtung Sonnabend und nächstes Bundesliga-Heimspiel zu schielen.

Quintessenz: Der HSV-Fan wäre klug beraten, sich die 1:3-Niederlage nicht allzu schönzureden. Aber auch nicht allzu schwarz in die Zukunft zu blicken. Das, was den HSV über Jahre an den Rand des Abstiegs gebracht hat, kann nicht in wenigen Wochen behoben werden. Erfreulich ist, dass beim HSV die Mannschaft hinter der Mannschaft, die Chefetage, so top wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr ist. Jetzt muss lediglich noch versucht werden, und das ist eine Herkules-Aufgabe, jenes Team, das auf dem Rasen für die Punkte sorgen soll, auf Vordermann zu bringen.

Hilfreich wird dabei sein, dass zum Sommer 2015 hin viele Spielerverträge auslaufen. Dazu gehören Rafael van der Vaart, Marcell Jansen, Heiko Westermann, Gojko Kacar, Ivo Ilicevic, Jaroslav Drobny und Tolgay Arslan. Hinter den Kulissen wird deshalb eifrig an einer neuen, hungrigen und laufstarken Mannschaft „gebastelt“. Was zum Beispiel in Mainz, Augsburg und Paderborn möglich ist, sollte auch in Hamburg keine Utopie bleiben. Deswegen ist der HSV-Anhängerschaft weiter bestes Durchhaltevermögen ans Herz zu legen. Der Um- und Aufschwung wird kommen, und die ganz kleinen Brötchen, die zurzeit noch gebacken werden müssen, werden spätestens im nächsten Jahr auch wieder größer werden. Geht der Plan des HSV auf, könnten selbst die übermächtigen Bayern mal wieder mit Mut und dem Herz eines Außenseiters attackiert werden.

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