HSV

Aller guten Dinge sind zwei

Gegen Hoffenheim will der HSV nach anderthalb Jahren endlich ein zweites Spiel in Folge gewinnen. Kein anderer Club in der Liga ist derart inkonstant. Ein Erklärungsversuch.

Hamburg. Vom freien Vormittag hatte Heiko Westermann am Mittwoch nur wenig. „Meine Kids sind krank, da ist dann der Papa gefragt“, sagte der HSV-Profi, der bis zu seiner Einheit am Nachmittag nur allzu gern die Rolle der Familienkrankenschwester übernahm. Immerhin: Um den Patienten HSV, da ist sich der frühere Mannschaftskapitän vor dem Heimspiel gegen den Tabellenzweiten 1899 Hoffenheim (So, 15.30 Uhr im Liveticker bei abendblatt.de) relativ sicher, braucht sich niemand mehr zu große Sorgen machen.

„Wir sind Vorletzter und haben nur ein Spiel gewonnen“, so Westermann, „aber ich habe schon das Gefühl, dass der Trend deutlich nach oben geht.“

Das Selbstvertrauen ist zurück. Und nicht nur der überraschende Sieg vor zwei Wochen gegen Borussia Dortmund hat dabei Wunder gewirkt. „Die ganze Stimmung in der Mannschaft ist eine andere als noch vor einigen Wochen. Das spiegelt sich dann auch auf dem Platz wider“, sagt Westermann, der sich allerdings bewusst mit Kampfansagen zurückhält. Der 31 Jahre alte Fußballer ist lange genug beim HSV dabei, um ganz genau zu wissen, dass in Hamburg nichts so sicher ist wie das Tief nach einem zwischenzeitlichen Hoch. Kein Wunder, dass Westermann bei der Frage passen muss, wann der HSV zuletzt zwei Spiele in Folge gewinnen konnte: „Das muss lange her sein.“

Sehr lange, um genau zu sein. Fast auf den Tag anderthalb Jahre ist es nun schon her, dass dem HSV die kleinste aller möglichen Siegesserien gelang. Geglückt ist das Kunststück in der Vorvorsaison. Nach einem glücklichen 2:1 gegen Mainz siegten die Hamburger am 20. April 2013 durch zwei Treffer von Rafael van der Vaart ebenfalls glücklich mit 2:1 gegen Düsseldorf. „Jetzt ist alles wieder drin“, hatte der Matchwinner frohlockt und so nur drei Wochen nach der historischen 2:9-Niederlage gegen Bayern sogar Europacup-Hoffnungen artikuliert. Doch bekanntlich kam alles anders: Die „Unberechenbaren“, so die damalige Überschrift im Abendblatt, verloren eine Woche später sang- und klanglos 1:4 gegen Schalke, verpassten Europa und konnten seitdem nie mehr zwei Partien in Folge gewinnen.

18 Monate später ist nicht nur van der Vaart schlauer. „Ein vernünftiger Umgang mit kleinen Erfolgen ist mindestens so wichtig wie der richtige Umgang mit Misserfolg“, sagt der geläuterte Kapitän, der auch einen Erklärungsansatz für die fußballerische Achterbahnfahrt der vergangenen Jahre parat hat: „In der Vergangenheit ist häufig mal nach einem Sieg, den wir unbedingt brauchten, eine ganze Menge Druck abgefallen. So ist es vielleicht auch zu erklären, dass wir nach einem tollen Sieg im Spiel danach zu oft enttäuschten.“ Seine Lehre aus dem ständigen Auf und Ab: „Für uns muss jetzt das wichtigste Ziel sein, uns zunächst mal auf unserem bestmöglichen Niveau zu stabilisieren.“

„Wir sind klarer Außenseiter gegen Hoffenheim“


Genau diesen Leitgedanken, den Neu-Sportchef Peter Knäbel bei seinem Antrittsbesuch in der Kabine ähnlich formuliert hatte, will auch Westermann beherzigen. „Die fehlende Konstanz war über Jahre unser Hauptproblem“, sagt der Abwehrmann. „Uns sind in den vergangenen Jahren immer mal wieder gute Spiele wie gegen Dortmund gelungen. Nur eine Bestätigung des Erfolgs haben wir nie geschafft“, sagt Westermann, der wie van der Vaart auch damals schon gegen Düsseldorf dabei war.

Und beide sind deshalb auch einer Meinung, dass der Sieg gegen Dortmund keinesfalls überbewertet werden darf: „Wir haben bewusst versucht, den schönen Sieg auch intern richtig einzuordnen. Es war ein wichtiges Spiel, aber eben auch nur eines von 34“, erklärt van der Vaart. „Es war keinesfalls ein Brustlöser. Von diesem Gedanken müssen wir wegkommen.“ Auch Westermann hat die ständigen Hochs und Tiefs als Kardinalproblem des HSV ausgemacht: „Konstanz ist das Hauptmerkmal von Qualität. Ein gutes Team muss beweisen, dass Siege nicht zufällig sind.“

Tatsächlich gibt es außer dem HSV keine andere Bundesligamannschaft, die weder in dieser noch in der vergangen Saison nicht zweimal in Folge gewinnen konnte. „Wenn es keine Konstanz in der Mannschaft und rund um die Mannschaft gibt, dann gibt es auch keine Konstanz in den Ergebnissen“, sagt Westermann. So hat es seit dem Doppelsieg gegen Mainz und Düsseldorf mit Thorsten Fink, Bert van Marwijk, Mirko Slomka und nun eben Josef Zinnbauer gleich vier Cheftrainer mit vier unterschiedlichen Vorstellungen gegeben. Zudem wurde der ganze Club im Sommer auf links gedreht, der Verein ausgegliedert, eine neue Führungscrew und ein neuer Aufsichtsrat installiert. Das erklärte Ziel der Neuen: Konstanz – was sonst?

„Schaut man sich die Tabelle an, dann sind wir der klare Außenseiter“, sagt Westermann ganz realistisch, „aber das waren wir auch gegen Dortmund.“ Und gewinnt der HSV tatsächlich gegen die seit acht Spielen ungeschlagenen Hoffenheimer, dann wäre zumindest die Diskussion über die einzigartige Negativserie von nicht mal zwei Erfolgen am Stück beendet – und die Diskussion über einen möglichen dritten Sieg in Folge umgehend eröffnet. Den hat es im Übrigen vor sage und schreibe vier Jahren in der Saison 2010/11 gegeben. Am Sonntag heißt es aber zunächst ganz bescheiden: Aller guten Dinge sind zwei.