Fußball-Bundesliga

Van der Vaart öffnet dem HSV das Tor nach Europa

Mit dem 1:0 gegen Gladbach hat der HSV erstmals den Sprung auf Platz sechs geschafft. Nur darüber reden will keiner. Zumindest fast keiner.

Hamburg. Bereits am frühen Sonntagmorgen wurde vor dem Kabinentrakt der Imtech Arena über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens gesprochen. Rund 30 Fans hatten sich nicht durch die Ansage Thorsten Finks abschrecken lassen, der kurzerhand das Vormittagstraining nach dem mühsamen 1:0-Sieg am Vortag gegen Borussia Mönchengladbach um eine Stunde auf 9 Uhr vorverlegt hatte, und diskutierten vor Ort zu früher Stunde die Ereignisse des Wochenendes. Schmeckt die Currywurst am Millerntor besser als im Volkspark? Mehrheitliches Ja! Sehen die Auswärtstrikots des HSV ansehnlicher aus als die Heimtrikot? Vorsichtiges Ja! War der Arbeitssieg gegen Gladbach überhaupt verdient? Schlicht und einfach Ja! Und: Darf der HSV nach dem Sprung auf Platz sechs auch ganz offiziell wieder von Europa träumen? Ja?! Nein!? Jein!

"Natürlich schauen wir auf die Tabelle. Wir sind oben jetzt mit dabei", sagte Rafael van der Vaart, der mit seinem Sonntagsschuss am Sonnabend gegen Gladbach die Europa-Diskussion überhaupt erst entfacht hatte. Aus nachgemessenen 26 Metern hatte der 30-Jährige den Ball mit Vollspann ins linke Eck geschossen, nachdem er bereits in der Hinrunde ein Traumtor gegen Gladbach erzielt hatte. "Schade, dass wir nicht jedes Wochenende gegen Gladbach spielen", witzelte van der Vaart, "aber ich wusste sofort, dass dieser Ball perfekt einschlagen würde."

Ein ähnlich gutes Gefühl hatte Trainer Fink, der sein Glück an der Seitenlinie gar nicht fassen konnte. Immer wieder hüpfte der Coach auf und ab, herzte seine Trainerkollegen und schrie seine ganze Freude heraus. "Rafa hat mit seinem Tor das Spiel zu unseren Gunsten entschieden. Seine individuelle Klasse war an diesem Tag ausschlaggebend", lobte der 45-Jährige, der sich bei aller Euphorie über den Schuss ins Glück nur auf die aus seiner Sicht überflüssige Diskussion über Europa nicht einlassen wollte: "Ich werde mich da von niemanden locken lassen. Natürlich wollen wir Platz sechs jetzt erst mal verteidigen, aber wir nehmen das Wort Europa League nicht in den Mund."

"Wir können uns selbst eine richtig schöne Saison bereiten"

Tatsächlich fand sich kaum ein Hamburger, der sich an die verabredete Doktrin nicht halten wollte. "Die Europa League ist noch zu hoch gegriffen", sagte Kapitän Heiko Westermann, Marcell Jansen betonte noch mal, wie ausgeglichen das Bundesliga-Mittelfeld sei, und dass bei der Endabrechnung wahrscheinlich Kleinigkeiten den Ausschlag geben würden. Der einzige, der sich an das abgesprochene Understatement nicht halten wollte, war ausgerechnet Matchwinner van der Vaart. "Wir können uns selbst eine richtig schöne Saison bereiten", sagte der Niederländer, der nach den beiden Siegen gegen Dortmund und Gladbach offenbar Lust auf mehr bekommen hat.

+++DIE HÖHEPUNKTE DER PARTIE ZUM NACHLESEN+++

Die theoretische Rechnung, wie sich der HSV für den internationalen Wettbewerb qualifizieren könnte, klingt denkbar einfach: Offensiv muss das Team wie vor einer Woche in Dortmund spielen, defensiv wie am Wochenende gegen Gladbach, und diese beiden Faktoren möglichst konstant abrufen. So weit die Theorie. In der Praxis erinnerte am Sonnabend dagegen nur wenig an die internationale Klasse, die Finks Mannschaft noch eine Woche zuvor auf die schönste Art und Weise beim 4:1 gegen den BVB bewiesen hatte. "Wenn wir mehr erreichen wollen, dann müssen wir einfach besser spielen", gab selbst van der Vaart zu, der immerhin mit gutem Beispiel voranging.

Der Mittelfeldregisseur war nach Artjoms Rudnevs, der das Tor des Tages mit einer wahren Energieleistung vorbereitet hatte, mit 11,7 Kilometern am meisten von allen Feldspielern unterwegs, zog beeindruckende 15-mal zum Sprint an und legte zu zwei weiteren Torschüssen auf. 74 Prozent seiner Pässe kamen an, und am wichtigsten: van der Vaart hielt Wort. "Rafael hatte sein Tor zuvor ja angekündigt. So etwas kann man nur machen, wenn man davon absolut und total überzeugt ist", zeigte sich Trainer Fink beeindruckt.

Eberl: "Wir waren spielbestimmend, die klar bessere Mannschaft"

Weniger beeindruckt hat den Coach dagegen, was seine Mannschaft spielerisch gegen die harmlosen Gladbacher, die trotz ihres kräftezehrenden Europa-League-Spiels gegen Lazio Rom zwei Tage zuvor gegen Ende des Spiels gleichwertig waren, zu bieten hatte: "Wir haben den Sieg nicht gestohlen, aber spielerisch muss das besser werden." So konnten diesmal in der Abteilung Attacke weder Heung Min Son noch Rudnevs, die in der Vorwoche jeweils zweifach erfolgreich waren, entscheidend in Szene gesetzt werden. Erstaunlich war nur, wie Max Eberl das Spiel später analysierte: "Wir waren spielbestimmend, die klar bessere Mannschaft", sagte Gladbachs Manager bei "Liga total", "wenn ich Hamburg wäre, würde ich Kerzen anzünden in der Kirche! Ich würde froh sein, das Spiel gewonnen zu haben." Dies sah Fink etwas differenzierter, wobei er gleichzeitig auf eine Leistungssteigerung im nächsten Spiel bei Hannover 96 hofft.

Genau wie Gladbach muss auch Hannover, das am Donnerstagabend in der Europa League zu Hause gegen Anschi Machatschkala antritt, 40,5 Stunden später gegen den HSV spielen. Fink, der den Restsonntag nach der frühmorgendlichen Trainingseinheit mit Fußball satt - live vor Ort die U19 gegen Halle, anschließend die Sonntagspartien der Bundesliga am Fernseher - genoss, relativiert: "Das ist schon anstrengend, aber mal trifft es die einen, mal die anderen." Und mit einem breitem Grinsen fügte er hinzu: "Vielleicht trifft es in der kommenden Saison ja noch jemand ganz anderen ..."