Hamburger Stadtduell

St. Pauli gegen HSV - "Ein Derbysieg ist lebenswichtig"

| Lesedauer: 6 Minuten
Kai Schiller und Lutz Wöckener

Foto: Roland Magunia

St. Pauli gegen den HSV - das Derby am Sonntag elektrisiert die ganze Stadt. Das Abendblatt sprach mit den Fanbeauftragten der Klubs.

Hamburg. Niemand weiß wenige Tage vor dem Stadtderby so gut über die Befindlichkeiten der Anhänger Bescheid wie HSV -Fanbeauftragter Mike Lorenz, 27, und St. Paulis Fanbeauftragter Stefan Schatz, 37. Das Abendblatt bat die beiden unweit des Millerntors, aber natürlich auf neutralem Terrain, zum Doppelinterview.

Abendblatt:

Herr Lorenz, Herr Schatz, am Sonntag steht das erste Derby seit acht Jahren an. Schon nervös?

Mike Lorenz:

Nervös ist das falsche Wort, vorfreudig trifft es besser. Es kribbelt ganz einfach.

Stefan Schatz:

So geht es mir auch. Alle haben darauf lange gewartet, und am Sonntag ist es endlich so weit. Ich bin nicht nervös, ich bin euphorisch.

Darf man als HSV-Fan auch St.-Pauli-Sympathisant sein und umgekehrt?

Lorenz:

Das geht, das gibt es auch, aber in unserem Fall ist das definitiv nicht so. Und ich bin auch der Meinung, dass es nicht so sein muss. Das Derby lebt von seiner Rivalität.

Schatz:

Ich kenne viele St.-Pauli-Fans, die sich darüber freuen, wenn der HSV verliert - oder auch umgekehrt. Ganz ehrlich: Mir ist der HSV an 363 Tagen im Jahr total egal.

Lorenz:

Ich muss gestehen, dass mir der FC St. Pauli nicht ganz egal ist. Nach unseren HSV-Spielen schiele ich schon auf das Ergebnis von unseren Nachbarn. Klar freue ich mich auch ein wenig, wenn St. Pauli verliert.

Freuen Sie sich mehr über einen Derbysieg als über einen Sieg gegen Werder?

Lorenz:

Definitiv. Die Rivalität zwischen Bremen und dem HSV ist sportlich bedingt. Die Rivalität zwischen St. Pauli und dem HSV ist dagegen historisch gewachsen. Ein Derbysieg ist lebenswichtig.

Haben sich die Vereine nicht auch ein wenig angeglichen über die Jahre?

Schatz:

Außerhalb Hamburgs wird St. Pauli immer gerne als der etwas andere Kultverein dargestellt, das stimmt so nicht mehr ganz. Wir sind ein normaler Fußballverein, haben sogar Logen, die bei uns nur Separees heißen.

Lorenz:

Viele glauben immer noch, dass beim HSV in der Halbzeit Scampi gegessen werden, während am Millerntor nur Punks abhängen. Beides stimmt natürlich nicht. Und trotzdem sind beide Vereine eben doch völlig anders, weswegen das Derby ja auch so emotional ist.

Was ist - abgesehen von drei Punkten - Ihr konkretes Ziel am Sonntag?

Schatz:

Wir wollen, dass der Derbytag trotz großer Rivalität ohne Ausschreitungen über die Bühne geht. Deswegen hatten Mike und ich auch unzählige Treffen in der letzten Zeit. Ich habe fast das Gefühl, dass wir uns häufiger sehen als unsere Frauen.

Lorenz:

Wir sehen uns zu oft. (lacht) Wichtig ist, dass die Kommunikation zwischen uns stimmt. Wir müssen einfach wissen, wie die Fanlager ticken. Über den Zwischenfall in Altona, als vermeintliche HSV-Hooligans ein paar St.-Pauli-Fans aufgelauert haben, wurde ich beispielsweise zuerst durch St. Paulis Fanladen informiert.

Hat der HSV bösere Fans als St. Pauli?

Lorenz:

Es gibt auf beiden Seiten "Fans", die Probleme suchen. Wir haben insgesamt mehr Anhänger, deswegen haben wir wohl auch mehr Problemfälle. Aber prozentual dürfte das Verhältnis von normalen und nicht ganz so normalen Fans ähnlich sein.

Muss man sich denn als Anwohner rund um das Millerntor Sorgen machen?

Schatz:

Nein. Obwohl es das brisanteste Duell Deutschlands ist, gehe ich davon aus, dass es überwiegend friedlich bleibt. Allerdings ist auch klar, dass es vereinzelte Zwischenfälle geben wird.

Macht es Ihre Arbeit schwieriger, dass mit Poptown und Chosen Few die beiden größten HSV-Fanklubs dazu aufgerufen haben, die Viertel rund um das Millerntor zu erobern?

Lorenz:

Ob der Aufruf tatsächlich von den beiden kommt, steht noch gar nicht fest. Fakt ist: Wenn man den Aufruf wörtlich nimmt, dann lädt er nur zum gemeinsamen Fußballgucken in den Kneipen von St. Pauli und der Schanze ein. Aber durch die Blume wird wohl noch eine andere Message verbreitet. Und das erleichtert unsere Arbeit nicht unbedingt.

Schatz:

Ein derartiger Aufruf ist genauso wenig hilfreich wie die prompte Antwort aus unseren Fankreisen, dass St. Pauli HSV-frei bleiben soll. Natürlich gibt es auch auf St. Pauli und in der Schanze HSV-Anhänger, die ihr Fandasein ruhig ausleben sollen.

Lorenz:

Von Vereinsseite haben wir uns schon im Vorfeld um eine intelligente Alternative bemüht. Deswegen bieten wir auch ein Public Viewing in unserem Stadion an.

Schatz:

Eine gute Idee. Wir haben sogar schon angefragt, ob der HSV einen Gästeblock bereitstellt.

Beim HSV ist der Fanbeauftragte beim Verein angestellt, beim FC St. Pauli ist er das nicht. Was sind die Vor- und Nachteile?

Schatz:

Ich darf sagen, was ich denke. Mike darf das nicht.

Lorenz:

Alles hat seine Vor- und Nachteile. Ich kann mich aktiv an der Vereinspolitik beteiligen, kann Entscheidungen mit beeinflussen.

Sie machen beide Ihren Job schon ein paar Jahre. Hat sich die Fanszene grundlegend geändert?

Schatz:

Nein. In den Medien wird immer sehr viel über Verfehlungen von Fans geschrieben. Aber wenn wir ehrlich sind, gibt es wohl nicht mehr Ausschreitungen, sondern mehr Medien, die darüber berichten.

Wer muss wen am Sonntag nach dem Derby trösten?

Schatz:

Sollten wir 5:0 gewinnen, schicke ich Mike gerne eine SMS.

Lorenz:

Eigentlich haben wir nach dem Spiel für so etwas gar keine Zeit. Aber jetzt darf sich Stefan nach unserem Sieg auf eine nette SMS freuen.

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