Gastbeitrag: Björn Lengwenus

Wir haben 26 Jahre kein großes Spiel gewonnen

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Dieser Brief erreichte die Redaktion am Tag nach dem Aus, wenige Stunden nach dem ganz großen HSV-Drama im Volkspark. Björn Lengwenus schrieb ihn.

"Wieder kein Titel für den HSV. Als ich im August 1983 im Alter von elf Jahren ins Volksparkstadion gelockt wurde, gab es niemanden, der mir die Wahrheit, die volle Wahrheit erklärte. Der HSV war gerade deutscher Meister und Europapokalsieger geworden, und ich war sicher, dass es so weitergehen würde. Aber einem Kind muss man doch die Wahrheit sagen, zum Beispiel dass es möglich ist, sein Herz zu verschenken und trotzdem 26 lange Jahre kein großes Spiel zu gewinnen. Nach gefühlten 500 Spielen im Stadion und vor dem Fernseher weiß ich, was Realität bedeutet: Es kann sein, dass ich in diesem Leben auch kein großes Spiel mehr sehen werde. Ich meine damit keine einfachen Siege, sondern echte, wahre große Spiele, wie sie andere erleben: all die 'Wunder von der Weser' oder ein Champions-League-Finale zu drehen wie ManU, im letzten Moment Meister werden, wie es der FC Bayern gern erledigt, oder auch nur gigantische Pokalsensationen, wie sie der kleine Nachbar St. Pauli all die Jahre immer mal wieder feiern darf.

Beim DFB-Pokal-Sieg 1987 war ich zu jung, um dabei zu sein, die verlorenen Elfmeterschießen gegen Sparta Rotterdam und Montpellier sah ich im Stadion. Auf das Halbfinale im DFB-Pokal gegen Werder verzichtete ich, weil ich sicher war, dass das Team nur ohne mich im Stadion gewinnen könne. Wir verloren trotzdem. Soeben komme ich aus dem Stadion, wo ich das Halbfinale im Uefa-Cup sehen konnte. Natürlich gewannen wir nicht. Niemand hat daran geglaubt. Ich hatte trotzdem schon ein Flugticket nach Istanbul, unstornierbar! Naiv? Das größte Spiel des HSV der vergangenen 26 Jahre war bezeichnenderweise ein Unentschieden. Ein 4:4 in der Gruppenphase der Champions League gegen Juve. Ich hatte übrigens keine Karte.

Ich habe für diesen Verein gezittert und geweint, meine alte Fahne im Abstiegskampf aus dem Keller geholt und allein die Hymne gesungen, ich bin nie vor dem Schlusspfiff aus dem Stadion gegangen und habe sogar ein HSV-Team ertragen, in dem 'Lumpi' Spörl der beste Spieler war ...

Ich war nicht jedes Spiel im Stadion und auch nur ganz selten bei Auswärtsspielen. Stattdessen hörte ich Radio, zitterte in der verrauchten Eckkneipe vor Premiere und erlebte Spiele sogar in der Wildnis Neuseelands im Liveticker. Wann immer es passte, machte ich mich auf den Weg ins Stadion, um meinen HSV anzufeuern, der es all die Jahre nicht zurückzahlte.

Ich bin nicht nachtragend, es ist egal - ich stehe das schon durch, aber eines müsst ihr wissen:

Falls eines fernen Tages dieses Team einen Titel holen wird, wird keiner der Spieler auf dem Rasen diesen Sieg verdient haben. Nicht ein einziger hat das ertragen, gelitten und investiert, was wir Fans durchgemacht haben. Es wird mein Titel sein. Dieser Titel wird allein mir gehören. Und feiern werde ich mit all den anderen, die diese oder ähnliche HSV-Biografien haben. 26 Jahre ohne großes Spiel, und niemand, aber auch wirklich niemand hat mich im August 1983 davor gewarnt ..."

Björn Lengwenus (37) ist Direktor der Ganztagsschule Fraenkelstraße. 2009 erhielt er den "Deutschen Schachpreis" für sein Engagement im Schulschach.

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