Verlängerung: Das Sportgespräch heute mit dem deutschen Nationalspieler Philipp Lahm vom FC Bayern München

"In erster Linie spielen wir für die Nation"

Lesedauer: 8 Minuten

Abendblatt:

Herr Lahm, wie ist aus Ihrer Sicht eine Leistung wie gegen Portugal angesichts einer sehr durchschnittlichen Vorrunde zu erklären?

Philipp Lahm:

Wir waren von Anfang an hellwach und hatten immer eine Antwort parat. Wir waren aggressiv. Das, was uns in den letzten Spielen gefehlt hat, haben wir beherzigt: immer am Mann dran zu sein. So kann man dann auch gegen eine Weltklassemannschaft wie die Portugiesen bestehen.



Abendblatt:

Gab es etwas, das Ihnen nicht gefallen hat?

Lahm:

Wenn man zwei Gegentore kassiert, kann man als Abwehrspieler nicht zufrieden sein. Außerdem muss man auch zugeben, dass wir nicht allzu viele Torchancen herausgearbeitet haben - allerdings haben wir endlich mal bei Standards unsere Klasse bewiesen.



Abendblatt:

Hat die Mannschaft auch für den Trainer gespielt, der oben in der Loge hockte?

Lahm:

In erster Linie spielen wir für die Nation. Aber klar, die letzten Prozente haben wir vielleicht auch rausgelockt, weil er da oben in einer verschlossenen Kabine zuschauen musste.



Abendblatt:

Sie haben in dieser taktischen Formation seit vier Jahren nicht mehr gespielt. Wieso hat das so gut geklappt?

Lahm:

Uns war klar, dass wir mit einem Fünfer-Mittelfeld kompakter agieren würden, dass wir öfter in Überzahlsituationen geraten würden, weil ja auch der Gegner in dem System mit nur einem Stürmer gespielt hat.



Abendblatt:

Wie spielen Sie in Zukunft? Weiter mit nur einem Stürmer oder wieder im 4-4-2-System?

Lahm:

Kommt drauf an. Gegen eine spielstarke Mannschaft wie Portugal ist es auf jeden Fall gut, wenn man im Mittelfeld einen Mann mehr hat und vorne einen, der noch viel arbeitet.



Abendblatt:

Bei der EM 2004 waren Sie der Lausbube, der wilde Haken schlug und die Fußballwelt überrascht hat. Wie viel Lausbube ist davon vier Jahre später noch übrig geblieben?

Lahm:

Nicht mehr allzu viel, glaube ich. Ich bin einfach ein gutes Stück erfahrener geworden. Immerhin stehe ich jetzt schon in meinem dritten Turnier.



Abendblatt:

Wenn Sie diese aktuelle Nationalmannschaft mit der vor vier Jahren vergleichen, und jener von 2006, als Sie zum international hoch geachteten Klassespieler aufstiegen - was macht die Unterschiede aus?

Lahm:

Wir haben uns deutlich weiter entwickelt. Jeder einzelne Spieler ist noch stärker geworden.



Abendblatt:

Wie hat sich Ihre Rolle in der Nationalmannschaft verändert?

Lahm:

Ich bin jetzt eine feste Größe geworden, über Jahre schon dabei. Und ich bin einer, der mehr Verantwortung übernehmen soll und auch will.



Abendblatt:

Wie sieht das aus?

Lahm:

Ich sage meine Meinung und spreche inzwischen auch mal Dinge an, die mir nicht so passen. Wenn ich sehe, dass etwas aus der Bahn läuft, reagiere ich. Aber das kommt hier bei der Nationalmannschaft nur sehr selten vor.



Abendblatt:

Spüren Sie, dass Sie gehört werden?

Lahm:

Ja klar. Ich bin mit 19 Jahren Nationalspieler geworden. Ich bin jetzt 24, habe einige Titel gewonnen, da zählt die Meinung natürlich schon viel mehr.



Abendblatt:

Ihr Vereinspräsident Frank Beckenbauer hat gemeckert, Sie hätten sich seit der WM nicht entscheidend weiterentwickelt. Ärgert Sie so etwas?

Lahm:

Nein. Entscheidend ist, dass ich es anders sehe.



Abendblatt:

Und wie sehen Sie es?

Lahm:

Dass ich mich sehr weiterentwickelt habe, vor allem defensiv. Mein Spiel ist vielleicht nicht mehr so spektakulär wie noch bei der WM, aber das ist mir nicht wichtig.



Abendblatt:

Sie waren zu Beginn der EM Ihrem Wunsch entsprechend auf die rechte Abwehrseite gerückt, nun spielen Sie wieder links. Fühlen Sie sich wie ein Notnagel?

Lahm:

Überhaupt nicht. Ich fühle mich als rechter Verteidiger am stärksten. Auf der Position kann ich mit rechts den Gegenspieler besser angreifen. Wenn eine Flanke hereinkommt, kann ich mit rechts besser klären. Wenn ich auf der rechten Seite unter Druck gerate, kann ich den Ball mit rechts besser die Linie lang schlagen als mit links. Es sind Kleinigkeiten, aber diese Unterschiede sind wichtig im Fußball. Dennoch bin ich in erster Linie Abwehrspieler. Heute braucht man im Fußball Topleute auf jeder Position, Spezialisten, die sich in den Dienst der Mannschaft stellen, das ist die Zukunft. Es kommt auf meiner Position weniger auf spektakuläre Tore an. Es sind am Ende die großen Titel, die zählen.



Abendblatt:

Die hätten Sie bei einem Vereinswechsel vielleicht schneller holen können als mit dem FC Bayern. Welche Rolle hat Jürgen Klinsmann bei Ihrer Vertragsverlängerung gespielt?

Lahm:

Ich habe meine Entscheidung nicht vom Trainer abhängig gemacht, aber Klinsmann hat natürlich eine Rolle gespielt. Ich kenne ihn aus der Nationalmannschaft und weiß, was ungefähr passieren wird. Das Training, die äußeren Umstände - alles wird topprofessionell organisiert sein. Das war mir wichtig, denn nach zwei Doublegewinnen will ich jetzt auch internationale Titel gewinnen.



Abendblatt:

Zuletzt haben Sie mehrfach erklärt, dass München nicht das Zeug hat, in den nächsten Jahren ins Champions-League-Finale zu kommen.

Lahm:

Zu dieser Meinung stehe ich auch. Die Erfahrung lehrt, dass man nicht aus dem Uefa-Cup in die Champions League kommt und gleich Sieger wird. Da muss man sich hocharbeiten. Ich wäre zufrieden, wenn wir in drei Jahren ernsthaft um den Titel mitspielen. Aber dafür muss alles passen.



Abendblatt:

Woran spüren Sie, dass sich bei den Bayern etwas bewegt?

Lahm:

An allem, nicht nur an dem neuen Gebäude, das auf dem Trainingsgelände gebaut wird. Ich habe wirklich das Gefühl, dass hier in den nächsten Jahren Großes entstehen wird. Und ich will ein Teil dieser Aufbruchstimmung sein.



Abendblatt:

Ist der Traum vom Ausland erledigt?

Lahm:

Nein. Ich bin 24 Jahre alt, und es ist nicht so, dass ich nicht später irgendwo hingehen kann. Aber vorerst habe ich mich für Bayern entschieden.



Abendblatt:

Sie haben Ihren ursprünglich bis 2009 laufenden Vertrag bis 2012 verlängert. Bestimmt haben Sie eine Ausstiegsklausel einbauen lassen.

Lahm:

Nein, das ist ein ganz normaler Vertrag.



Abendblatt:

Wer wird denn Kapitän in der neuen Saison, steht das da auch drin?

Lahm:

Nein (lacht). Aber wenn die Wahl mich treffen würde, würde ich nicht ablehnen.



Abendblatt:

Und haben Sie sich schriftlich zusichern lassen, rechts verteidigen zu dürfen, so wie Klinsmann sich einst eine Stammplatzgarantie in den Vertrag schreiben ließ?

Lahm:

Nein (lacht wieder). Es ist ja nicht so, dass ich nicht bereit wäre, auch woanders zu spielen. Aber die Mehrzahl der Spiele sollte schon rechts sein.



Abendblatt:

Miroslav Klose hat auf die Frage nach dem möglichen Topstar der EM Ihren Namen genannt.

Lahm:

Das freut mich sehr, dass ein Mitspieler so überzeugt ist von mir.



Abendblatt:

Sind Sie selber auch so überzeugt von sich?

Lahm:

Ja. Aber ich glaube nicht, dass ich als Verteidiger der Topstar eines so großen Turniers werde.



Interview: Dieter Matz

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