Frankfurt/Main. Nach einem ganz schwierigen 2023 mit WM-Debakel und Hängepartie um Voss-Tecklenburg wollen die deutschen Fußballerinnen zu Olympia. Ein Paris-Ticket würde die Trainerfrage aber nur aufschieben.

Bei einer verpassten Olympia-Teilnahme der deutschen Fußballerinnen wäre Horst Hrubesch vielleicht noch ein allerletztes Mal und ganz kurz der Not-Helfer - dann aber steht der DFB bei der Bundestrainersuche endgültig unter Zugzwang.

„Die Szenarien sind klar und wir sind auf alles vorbereitet“, versicherte Sportdirektorin Nia Künzer vor dem Nations-League-Halbfinale der DFB-Frauen am Freitag (21.00 Uhr/ARD) in Lyon gegen Frankreich. Falls das Team von Interimscoach Hrubesch die Qualifikation für die Sommerspiele in Paris verpatzt, wäre die Amtszeit des 72-Jährigen in wenigen Tagen eigentlich beendet.

Die Personalie - Mann oder Frau? Jemand aus dem Ausland oder nicht? Jemand aus dem eigenen Verband oder nicht? - gestaltet sich schwierig. Künzer wollte bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in Frankfurt/Main angesichts des so wichtigen Frankreich-Spiels nur „ungern“ über die Nachfolgefrage reden. Die 44-Jährige, die mit den deutschen Frauen 2003 den WM-Titel gewonnen und im Finale gegen Schweden das Golden Goal erzielt hatte, besetzt seit Jahresbeginn den neuen Direktoren-Posten. Die Bundestrainerfrage ist die Aufgabe, an der man sie erst einmal messen wird. „Wir haben unsere Aufgaben gemacht und sind handlungsfähig“, sagte Künzer - viel mehr aber auch nicht.

DFB will keine erneute Hängepartie

Bereits im April muss das Frauen-Nationalteam in der Qualifikation für die EM 2025 in der Schweiz ran. Hrubesch hat längst klargemacht, dass seine Mission Olympia heißt und spätestens danach Schluss ist. Notfalls würde er für eine mögliche „Übergangszeit“ weiter aushelfen, falls nach Tokio auch die Spiele von Paris ohne das deutsche Frauen-Team stattfindet. Aber der DFB braucht in jedem Fall eine schnelle und klare Lösung: Im vergangenen Jahr gab es schon mit Martina Voss-Tecklenburg eine Hängepartie.

Noch könnte der Verband etwas Aufschub bei der Trainersuche bekommen. Mit einem Sieg gegen die Französinnen hätten Hrubesch und seine Spielerinnen um Kapitänin Alexandra Popp das Olympia-Ticket für Paris sicher. Selbst bei einer Niederlage bekämen die Vize-Europameisterinnen am kommenden Mittwoch in Sevilla oder Heerenveen noch eine zweite Chance gegen den Verlierer der Partie zwischen den Weltmeisterinnen aus Spanien und den Niederlanden, da die Französinnen als Olympia-Gastgeber für die Spiele gesetzt sind.

Kandidatenkreis für Nachfolge überschaubar

Der Kandidatenkreis für die Hrubesch-Nachfolge ist überschaubar, vor allem wenn man sich nur im Frauenfußball umschaut. Joti Chatzialexiou, 2023 noch Leiter Nationalmannschaften beim DFB, würde sich für einen Mann aussprechen. „Ich sehe aktuell keine Deutsch sprechende Frau auf der Trainerposition, die sich so aufdrängt, dass man an ihr nicht vorbeikommt“, sagte er dem Nachrichtenportal t-online. Er habe „ein, zwei Personen im Kopf, weil ich mich ja auch mit diesem Thema beschäftigt habe. Aber das habe ich intern geäußert und das bleibt auch so“.

Auch Emma Hayes (47/zuvor FC Chelsea) sei eine Trainerin gewesen, die man sich beim DFB „sehr gut hätte vorstellen können. Aber die USA waren einfach ein bisschen schneller“. Die Schwedin Pia Sundhage (64), bei der WM in Australien für Brasiliens Auswahl verantwortlich, hat in der Schweiz angeheuert. Nach Angaben der „Frankfurter Rundschau“ traf sich der Verband mit Jills Ellis: Die 57-Jährige führte die USA 2015 und 2019 zum WM-Titel.

„Es zählt nur Kompetenz“

Ein ausländischer Verantwortlicher oder eine ausländische Verantwortliche für ein A-Nationalteam wäre jedenfalls ein Novum beim DFB. Im deutschen Fußball gab es zuletzt wenige Trainerinnen, die auf sich aufmerksam gemacht haben - außer Marie-Louise Eta: Die 32-Jährige ist bei Union Berlin die erste Co-Trainerin in der Männer-Bundesliga.

Innerhalb des DFB hat sich Christian Wück als Coach der deutschen U17-Weltmeister für höhere Aufgaben empfohlen. Ein Wechsel vom Männer- zum Frauenfußball - wie zum Beispiel bei Frankreichs Nationalcoach Hervé Renard - ist bisher aber eher selten.

Abgesehen von Hrubesch als Zwischenlösung wie schon 2018 und Gero Bisanz in der Anfangszeit hatte der DFB nur Nationaltrainerinnen: Tina Theune, Silvia Neid, Steffi Jones und Martina Voss-Tecklenburg. „Es zählt nur Kompetenz. Deshalb würde ich immer noch sagen: Es ist grundsätzlich egal - aber dann sagt mein Bewusstsein schon: Okay, wir wollen ja grundsätzlich schon Frauen in Positionen bringen und pushen“, sagte die frühere Nationalspielerin Kim Kulig, derzeit Coach beim Frauen-Erstligisten FC Basel der dpa. „Von daher ist es immer ein Zwiespalt.“