Madrid. Der Kuss-Skandal im spanischen Fußball zieht groteske Kreise. Erst verkündet die neue Nationaltrainerin Tomé das Ende des Länderspiel-Streiks der Spielerinnen - dann vermelden diese das Gegenteil.

Der Kuss-Skandal um den inzwischen zurückgetretenen Verbandspräsidenten Luis Rubiales hat den spanischen Frauenfußball nach dem jüngsten Weltmeister-Titel endgültig ins Chaos gestürzt. Nach ihrer Nominierung für die ersten beiden Spiele der UEFA Nations League teilten die Nationalspielerinnen um Weltfußballerin Alexia Putellas überraschend mit, sie würden ihren Länderspiel-Streik fortsetzen.

Das Groteske daran: Wenige Stunden zuvor hatte die neue Nationaltrainerin Montse Tomé vor Journalisten in Madrid versichert, sie habe mit den von ihr nominierten Fußballerinnen gesprochen und keine von ihnen habe die Teilnahme an den Begegnungen am Freitag in Schweden sowie am Dienstag darauf daheim gegen die Schweiz verweigert.

Rubiales hatte bei der Siegerehrung nach dem Final-Triumph der Spanierinnen über England am 20. August in Sydney die Spielerin Jennifer Hermoso ungefragt auf den Mund geküsst und damit weltweit riesige Empörung ausgelöst. Der Weltverband FIFA suspendierte den 46-Jährigen für 90 Tage und leitete eine Untersuchung ein. Nach langem Widerstand trat der Funktionär jüngst von seinem Posten als RFEF-Chef zurück. Die spanische Justiz leitete Ermittlungen ein.

Doch das genügte den Fußballerinnen nicht. 21 Angehörige des Weltmeisterkaders und 18 weitere Topspielerinnen forderten unter anderem auch die Absetzung von RFEF-Interimschef Pedro Rocha und weiterer Funktionäre, die Rubiales nahestehen. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, kündigten sie einen Länderspiel-Streik an.

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Nach der Nominierung von 15 Weltmeisterinnen und den Worten von Tomé hatte man in Spanien angenommen, der Ausstand sei abgeblasen worden. In dem von der zur besten WM-Spielerin gekürten Aitana Bonmatí auf X, vormals Twitter, kurz vor Mitternacht veröffentlichten Kommuniqué heißt es aber unter anderem: „(...) unser fester Wille, aus berechtigten Gründen nicht nominiert zu werden (...) bleibt in vollem Umfang gültig.“ Hermoso war nicht von Tomé berufen worden. Zu den Gründen der Nichtnominierung der 33-Jährigen hatte die Trainerin, die den nach der WM im Zuge des Skandals geschassten Jorge Vilda abgelöst hatte, gesagt, man wolle Hermoso so „beschützen“.

Verband drohte mit Geldstrafen und Sperren

Der Verband hatte den streikenden Spielerinnen nach Medienberichten erst am Sonntag personelle Änderungen in der Organisation angeboten, ihnen gleichzeitig aber auch ein Ultimatum gestellt, das in der Nacht von Sonntag auf Montag um 0 Uhr ablief. Demnach drohte der RFEF mit Geldstrafen und mehrjährigen Sperren für jene Spielerinnen, die sich weigern sollten, für „La Roja“ anzutreten. Eine offizielle Bestätigung für diese Information gab es vorerst nicht.

Am Montag hatte der RFEF anlässlich der Kader-Nominierung ein Kommuniqué herausgegeben und betont: „Wir garantieren den Spielerinnen ein sicheres Umfeld und setzen uns für ein Klima des gegenseitigen Vertrauens ein, um gemeinsam dafür zu sorgen, dass sich der Frauenfußball in Zukunft noch stärker entwickelt.“

Rubiales beteuert bis heute, der Kuss direkt nach dem WM-Sieg sei in beiderseitigem Einvernehmen erfolgt. Hermoso erklärte aber, sie habe sich „als Opfer einer impulsiven, sexistischen und unangebrachten Handlung gefühlt, der ich nicht zugestimmt habe“. Die Spielerin erstattete Anzeige und ermöglichte somit einen Strafantrag der Staatsanwaltschaft beim Staatsgerichtshof. Der Ermittlungsrichter muss nun entscheiden, ob Rubiales auf die Anklagebank kommt. Ihm droht eine Haftstrafe von bis zu vier Jahren.