Der Torwart-Torjäger

Der Schweizer Marwin Hitz sorgt mit einem Drehschuss für das 2:2 in der Nachspielzeit gegen Bayer Leverkusen

Augsburg. Am Ende hätte Halil Altintop Augsburgs Mann des Tages beinahe ein wenig die Show gestohlen, doch so konnte Marwin Hitz in aller Ausführlichkeit von seinem Comeback der besonderen Art berichten. Altintop hatte in der fünften Minute der Nachspielzeit den Pfosten getroffen, Hitz war dafür eine Minute zuvor sein erstes Bundesligator geglückt. Der 27-Jährige hatte dem FCA damit zu einem späten 2:2 (0:1) gegen Bayer Leverkusen verholfen. Vor allem aber hatte Hitz etwas vollbracht, was für seinen Berufsstand ziemlich untypisch ist. Hitz ist hauptberuflich Torverhinderer – und dazu einer, der nun erstmals und exakt drei Monate nach seiner Kreuzbandverletzung im November wieder für seinen FC Augsburg auf dem Platz stand.

Gemessen an den spektakulären Umständen hat der Torwart all die Glückwünsche zu seinem Drehschuss mit rechts ziemlich gelassen über sich ergehen lassen. Zumal ihm ja ein historisches Tor gelungen war, das erst dritte eines Torhüters in der Bundesliga aus dem Spiel heraus, nach jenen von Jens Lehmann 1997 für den FC Schalke (Kopfball zum 2:2 gegen Borussia Dortmund) und Frank Rost 2002 für Werder Bremen (Schuss zum 3:3 gegen Hansa Rostock, Endstand 4:3). Lehmann gratulierte übrigens umgehend via Twitter.

Und was sagte nun dieser Hitz? Ziemlich unterhaltsame Sätze, die nach dem, vor allem am Ende, sehr turbulenten Spiel mindestens ebenso beachtlich waren wie sein Tor. „Ich habe so einen schönen Old-School-Schoner an, vielleicht war das das Entscheidende“, scherzte der Schweizer, er meinte seinen Schienbeinschützer. Mit dieser Mischung aus Humor, Understatement und Gemütsruhe ging das weiter. „Ich wollte kurz jubeln und eigentlich direkt zurück, aber dann bin ich leider festgehalten worden. Dann musste ich noch ein bisschen mitjubeln“, berichtete Hitz. Und zum Einwand, dass Torhüter, wenn überhaupt, doch für Kopfballtore prädestiniert seien, befand er: „Ich glaube, mit dem Kopf hätte ich den nicht hingekriegt.“

Völlig entrückt waren seine Kollegen auf ihn zugestürmt, wenig später fand er sich am Tribünenrand bei der Familie ein, dahinter tobten die Menschen noch immer. Dann begann der Marathon bei den Medien. Alle suchten nun seine Nähe, und sie wollten wissen, wie das genau war mit seinem Tor. Hitz setzte ein Lausbubengrinsen auf und begründete seinen Verbleib im Strafraum des Gegners nach Shawn Parkers erster abgewehrter Flanke mit Faulheit. „Ich habe gedacht: ‚Komm, ich bleibe gleich hier, der Weg ist zu weit nach hinten.‘ Und dann, ja dann stand ich am richtigen Ort.“

Leverkusens Trainer Schmidt moniert die mangelnde Chancenverwertung

Dass dieser Sonnabend so vergnüglich für ihn enden würde, war lange Zeit nicht abzusehen gewesen. Einige Unsicherheiten hatte Hitz ja gezeigt, nicht nur beim ersten Gegentor durch Josip Drmic (8.). Dass Augsburg nach einer schwachen ersten Hälfte wieder zurückkam und durch Caiuby ausglich (59.), wäre durch Stefan Reinartz' abgefälschten Schuss zum 1:2 (84.) beinahe wertlos gewesen. Doch dann belohnte Hitz den FCA für ein bemerkenswertes Anrennen. Was Trainer Markus Weinzierl ebenfalls lustig kommentierte. „Ich habe kein System mehr erkennen können, aber Willen“, sagte er.

Leverkusen hatte die erste Halbzeit klar dominiert und hätte deutlicher führen müssen, spätestens aber nach den Kontern in der zweiten Hälfte. Weshalb Trainer Roger Schmidt vor dem Achtelfinalhinspiel in der Champions League am Mittwoch gegen Atlético Madrid angesäuert bilanzierte: „Wir müssen lernen, ein Auswärtsspiel mit so vielen Chancen für uns zu entscheiden.“ Rudi Völler, der ehemalige Stürmer, sah das ähnlich. „Wir müssen unsere guten Angriffe besser zu Ende spielen“, monierte der Sportdirektor.

Hitz hatte es gewissermaßen vorgemacht und sich wohl selbst überrascht mit seiner Pointe, genauso wie die Mitspieler und seinen Trainer. „Ich habe nicht gewusst, dass ich einen Torjäger ins Tor stelle“, witzelte Weinzierl. Und Mittelfeldspieler Halil Altintop befand: „Nach seiner Verletzung so aus der Drehung – also Respekt.“ Das war durchaus ernst gemeint – jedenfalls ein bisschen. Eine Frage an den Mann des Tages musste dann noch sein. Ob er eine Torprämie im Vertrag stehen habe? „Leider nein. Schlecht verhandelt“, sagte Hitz. Er grinste noch einmal. Und sagte dann, dass er mit seiner Frau noch eine Flasche Rotwein aufmachen werde.