Dortmunds realer Traum vom Endspiel

Der BVB kann nach dem 4:1 im Hinspiel gegen Real Madrid am Dienstag erstmals nach 16 Jahren wieder in das Champions-League-Finale einziehen

Madrid . Schon bei der Ankunft in Madrid war der Stellenwert zu erkennen, den Borussia Dortmund mittlerweile im Land des Weltmeisters genießt. Als die Mannschaft und die Delegation des BVB auf dem Flughafen Madrid-Barajas aus ihrem Charterflieger stiegen, hatten sich bereits mehrere Dutzend spanischen Fans in Stellung gebracht und warteten vor dem Terminal-Gebäude. Der Wunsch der Aficionados: Einen Blick auf die Spieler zu werfen, die vor einer Woche Real Madrid deklassiert und vorgeführt hatten.

"Es ist allein schon großartig, dass wir hier spielen können", sagte Ilkay Gündogan voller Vorfreude auf das Rückspiel im Halbfinale der Champions League beim spanischen Rekordmeister an diesem Dienstag: "Aber noch schöner ist es, dass wir eine gute Chance haben, ins Endspiel einzuziehen." Es werde nicht leicht, sagte der Nationalspieler vor dem bislang bedeutendsten Spiel seiner Laufbahn: "Es kann unangenehm werden. Aber wir wollen der unangenehmste Gegner sein, gegen den Real je gespielt hat."

Der Traum von einem Finale von wahrhaft historischer Bedeutung elektrisiert: Nach dem 4:1 im Hinspiel sind alle Dortmunder - Spieler, Trainer, Funktionäre und vor allem Fans - beseelt von der sehr real erscheinenden Vorstellung, am 25. Mai in London, im neuen Wembleystadion, erstmals seit dem Gewinn der Champions League 1997 wieder um die begehrteste Trophäe im Vereinsfußball spielen zu können. Vorausgesetzt, die Überraschungsmannschaft der aktuellen Saison in der Königsklasse übersteht auch diesen Abend im Estadio Santiago Bernabeu unbeschadet.

Dort wird der BVB um 20.45 Uhr (Sky und Liveticker bei abendblatt.de) auf einen Gegner treffen, der um seine Reputation kämpfen und nichts unversucht lassen wird, um den Dortmunder Traum doch noch zu zerstören."Es wird eine Lawine auf uns zurollen", warnt Nuri Sahin seine Teamkollegen. Noch bis Januar hat der Mittelfeldspieler bei Real Madrid unter Vertrag gestanden. Er könne gut nachfühlen, unter welchem Druck seine ehemaligen Mitspieler stehen. "Noch nie", sagt Sahin, habe er sie "so ratlos gesehen wie beim Hinspiel." Und das werde fast zwangsläufig eine besonders emotionale Gegenreaktion zur Folge haben. Jakub Blaszczykowski prophezeite deshalb sogar einen "Krieg" auf dem Platz: "Aber diesen Krieg müssen wir gewinnen."

Der Stachel vom 1:4 aus dem Hinspiel sitzt tief im Fleisch der erfolgsverwöhnten Königlichen, deshalb werden alle Register gezogen, um noch ein Wunder herbeizuführen. "Nuestra fuerza eres tu", sagen die Stars von Real in einem Video im vereinseigenen YouTube-Kanal: "Unsere Kraft bist du." Mit geradezu flehentlichen Aufrufen versuchen Cristiano Ronaldo, Gonzalo Higuain, Sergio Ramos, Xabi Alonso und Iker Casillas ihre Fans im Hinblick auf den Dienstagabend hinter sich zu bringen, beschwören die großen Fußballwunder der Vergangenheit, die Real schon bewerkstelligt hat.

Jürgen Klopp machen die Kampfansagen nicht nervös. "Ich kenne die Geschichte der Aufholjagden", sagte der BVB-Trainer und ratterte einige der vielen Mannschaften runter, die trotz einer guten Ausgangsposition im Bernabeu jäh aus allen Träumen gerissen worden sind: "Celtic Glasgow, Derby County, zweimal Inter Mailand, Rijeka, Anderlecht, Mönchengladbach." Auch die Geschichte vom "Geist des Juanito", den die spanischen Zeitungen bemühen, ist ihm bekannt: Der große Kämpfer der Madrilenen aus den 70er- und 80er-Jahren, soll nach einem 1:3 bei Inter Mailand im Halbfinale des Uefa-Pokals seinem Gegenspieler zugeraunt haben: "90 Minuten im Bernabéu können sehr lang sein." Das Rückspiel gewann Real mit 5:1. Deshalb wollen die Real-Ultras aus gegebenem Anlass mit einer Choreografie an den vor 21 Jahren verstorbenen Juanito erinnern. "Ich verstehe, dass hier solch eine Atmosphäre geschaffen wird", sagte Klopp allen madrilenischen Mythen zum Trotz: "Aber wir wollen das Finale unbedingt erreichen."

Der Coach stand auch am "Matchday minus one", wie der Tag vor dem Spiel im Uefa-Jargon genannt wird, im Mittelpunkt des Interesses. Die spanischen Journalisten verfassten seitenlange Abhandlungen über Klopp, der sie seit dem Hinspiel tief beeindruckt hat. Seine Schlagfertigkeit, seine Lockerheit und sein Humor, gerade auch in einer schwierigen Phase - als nämlich der Wechsel von Mario Götze zu den Bayern publik wurde - hatte sie fasziniert. Klopp wirkt auf sie wie ein Gegenentwurf zu den meisten Trainern der Primera Division, wo die Coaches eher ein distanziertes Verhältnis zu Presse und Fans pflegen.

Personell kann Klopp aller Voraussicht nach aus dem Vollen schöpfen. Lukasz Piszczek, der wegen Adduktorenbeschwerden am Sonntag nur ein leichtes Laufprogramm absolvierte, konnte die Reise nach Madrid mitantreten. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der BVB mit der gleichen Elf spielen wird wie vor einer Woche im Hinspiel. "Unsere Chancen, diesen historischen Finaleinzug zu schaffen, stehen knapp über 50 Prozent", sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, sonst eher ein Pessimist. Bei der Ankunft in Madrid wirkte er genauso angespannt wie die meisten Fans.

Etwa 5000 BVB-Anhänger werden zum Spiel in Madrid erwartet. Viele von ihnen sind bereits am Montag angereist und pilgerten kurz nach ihrer Ankunft zum Bernabeu-Stadion oder umlagerten das Hotel Eurostars Madrid Tower, wo die Dortmunder Spieler Quartier bezogen haben. Es ist übrigens das Hotel, in dem auch der FC Barcelona vor Ligaspielen gegen Real wohnt.

Da viele der mitgereisten Anhänger keine Eintrittskarten mehr bekommen haben, werden sie das Spiel bei einem großen Fantreff in einem Park am Paseo de la Castellana, einer der großen Boulevards der spanischen Hauptstadt, verfolgen. Sie wollen zumindest in der Nähe sein, wenn der BVB ins Endspiel einzieht und Geschichte schreibt.

Real Madrid: Diego López - Essien, Ramos, Varane, Coentrão - Khedira, Xabi Alonso - Di María, Özil, Cristiano Ronaldo - Higuaín.

Borussia Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Gündogan, Bender - Blaszczykowski, Götze, Reus - Lewandowski.

Schiedsrichter: Howard Webb (England).