Beschallungs-Skandal

Experte hält Hörschaden für möglich

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Foto: dpa / dpa/DPA

Auf Basis der Angaben der Heidelberger Polizei sei davon auszugehen, dass Lärm von 125 bis 130 Dezibel (db) auf die direkt über dem Fluchtweg positionierten Fans ausgestrahlt wurde.

Berlin. Die Beschallung der Dortmunder Fans im Gästeblock des Hoffenheimer Stadions kann laut Einschätzung eines Experten durchaus Hörschäden verursacht haben. Auf Basis der Angaben der Heidelberger Polizei sei davon auszugehen, dass Lärm von 125 bis 130 Dezibel (db) auf die direkt über dem Fluchtweg positionierten Fans ausgestrahlt wurde. „Das ist natürlich schon reichlich und kann auch bei kurzer Expositionsdauer von wenigen Minuten schon Hörschäden verursachen“, sagte Anselm Goertz, Professor mit Fachgebiet Audiokommunikation an der Technischen Universität Berlin der dapd am Mittwoch.

Goertz erklärte, dass der Lärmpegel in einem Betonschacht wie im Stadion nicht so schnell abfalle wie auf freiem Feld. „Der relativ kleine Lautsprecher erreicht unter günstigen Umständen 130 dB in einem Meter Entfernung“, teilte Goertz der dapd per E-Mail mit.

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Hochfrequenz in Hoffenheim

Der idyllische Kraichgau soll ja eigentlich einer der ruhigeren Landstriche Deutschlands sein. Doch seit Anfang der Woche ist es mit der Ruhe in und um Sinsheim erst einmal vorbei. Grund: Seltsamer Lärm bis an die Schmerzgrenze im Gästeblock bei der Bundesligapartie zwischen der TSG Hoffenheim und Borussia Dortmund am vergangenen Samstag. Dieser kam allerdings nicht nur von den zahlreichen Dortmunder Fans, sondern auch aus einer seltsam anmutenden Apparatur, die sich unterhalb deren Tribünenbereich befand. Wenn der BVB-Anhang den Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp in Sprechchören oder Gesängen mit Schmähungen bedachte, erklang ein schriller Signalton.

Die TSG Hoffenheim hatte am Montag mitgeteilt, ein Mitarbeiter habe „eine entsprechende Apparatur eigenmächtig zum Einsatz gebracht“, als „Gegenmittel“ gegen die Anti-Hopp-Gesänge. Alle Klubverantwortlichen distanzierten sich in der Pressemitteilung ausdrücklich von der Aktion und entschuldigten sich bei den Dortmunder Fans.

Die Heidelberger Polizei hat Ermittlungen wegen Körperverletzung eingeleitet. Bis zum frühen Dienstagnachmittag seien fünf Anzeigen und fünf weitere Hinweise per E-Mail von betroffenen Fans eingelaufen, sagte Sprecher Harald Kurzer auf dapd-Anfrage. Der Hoffenheimer Angestellte habe die Apparatur am Dienstag auf die Dienststelle gebracht. Es handele sich um „zwei über einen Verstärker betriebene Druckkammer-Lautsprecher“.

Am Dienstag aktualisierte der Klub auch sein Statement: Der Mitarbeiter habe die Apparatur bereits bei vier Spielen der Saison 2010/11 aufgebaut, „wohl aber nicht immer zum Einsatz gebracht“. Es handele sich um die Heimspiele gegen Köln (19. Februar), Mainz (26. Februar), Dortmund (12. März) und Frankfurt (16. April).

Axel Hoffmann befand sich im April im Frankfurter Block: „Als die üblichen Gesänge kamen, gab es kurzzeitig einen merkwürdigen Ton im Stadion, der für uns in dem Moment gar nicht greifbar war. Ich habe es zuerst mit dem Gepfeife der Einheimischen assoziiert, aber es war klar, dass es das nicht ist“, sagte er der dapd.

Die Beschreibung der Störquelle durch einen User in einem Fanforum auf eintracht.de deckt sich mit dem hochauflösenden Foto der Lautsprecher-Vorrichtung, aufgenommen am Samstag, das die Dortmunder Fanseite schwatzgelb.de der dapd zur Verfügung gestellt hat. Neben der Apparatur sind drei Personen zu erkennen, zwei von ihnen sitzen auf einer Bierbank.

Aussagen von Beobachtern am Samstag lassen Zweifel an der vom Klub verbreiteten Einzeltäter-Version aufkommen. Auf der BVB-Seite hat man ein koordiniertes Vorgehen mehrerer Personen beobachtet. Thilo Danielsmeyer vom Dortmunder Fanprojekt stand am Samstag unmittelbar vor dem Gästeblock. Er sagt, dass mehrere umstehende Personen über Sinn und Zweck des Beschallungsapparats im Bilde waren. „Die Polizei wusste davon. Der Ordnungsdienst hat es auch gewusst“, sagte Danielsmeyer der Nachrichtenagentur dapd.

Ein Verantwortlicher habe ihm das System sogar erklärt. „Er dachte sich gar nichts dabei. Er sagte: Hinter dem Tor sitzt einer und macht ein Zeichen, sobald Schmährufe ertönen“, sagte Danielsmeyer. Dann habe jemand den Signalton ausgelöst: „Das Gerät wurde definitiv von weiter weg bedient.“

Die Polizei bestätigte am Dienstag, die Apparatur sei von der gegenüberliegenden Stadionseite über ein rund 60 Meter langes Kabel betrieben worden. Der Beschuldigte habe ausgesagt, die Anlage mit einem Bekannten gebaut und eigenverantwortlich betrieben zu haben.

Dass Polizisten die Lärmquelle wahrgenommen haben, hält Sprecher Kurzer für gut möglich. „Ich gehe schon davon aus, dass Beamte, die im Bereich der Gästefanbetreuung tätig waren, dieses Gerät und seine Funktionsweise wahrgenommen haben“, sagte Kurzer der dapd. Für die Einsatzleitung könne er dies jedoch ausschließen. „Von uns wusste keiner etwas“, sagte Kurzer, der darauf hinwies, dass die Polizei innerhalb des Stadions „gar keine Funktion“ habe, außer bei Schlägereien und sonstigen Notfällen.

Danielsmeyer geht davon aus, dass „auch Entscheidungsträger“ von dem Lärmmacher wussten: „Der Bereich vor dem Gästeblock ist der sensibelste Bereich, den es im Stadion gibt. Normalerweise wird da selbst das kleinste Fitzelchen, das auf dem Boden liegt, weggemacht. Bei uns in Dortmund wüsste das zumindest ein Vorstandsmitglied.“

Dass es beleidigende Schmähungen gegen den in einigen Fankreisen massiv abgelehnten Klub-Mäzen Hopp gegeben hat, ist unstrittig. „Es waren Beleidigungen unter der Gürtellinie, darüber müssen wir nicht streiten“, sagte Nicolai Mäurer von schwatzgelb.de der dapd.

Mäurer bestätigt Augenzeugenberichte, wonach es bereits vor dem offiziellen Einlass Stunden vor der Partie am Samstag einen gut hörbaren „Soundcheck“ mit dem durchdringenden Signalton in der Arena gegeben haben soll. „Es haben Leute gesagt, dass sie das Geräusch schon vor dem Einlass hören konnten“, sagte Mäurer.

Es könnte noch eine Weile dauern, bis wieder Ruhe einkehrt im schönen Kraichgau nach den Störgeräuschen, die am Samstag aufhorchen ließen. Derzeit breitet sich die Schallwelle noch aus. (dapd)

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