Serie: Gewalt im deutschen Fußball, Teil 7

Kicken, bis die Polizei kommt

Die Brutalität auf den Plätzen nimmt zu, die Hemmschwelle ist gesunken. Dabei ist die Zahl der Spielabbrüche auf dem niedrigsten Stand seit 1999.

Hamburg. René Jacobi liegt am Boden und wird minutenlang malträtiert. Hass und Verachtung prasseln in Form von ungezählten Schlägen und Tritten auf seinen Körper nieder. Irgendwann verliert er das Bewusstsein, das seinen Peinigern längst abhandengekommen ist. Brutalität, die nicht erklärbar scheint. Täter und Opfer kannten sich nicht, Provokationen hatte es keine gegeben. Die Szene spielt auf dem Fußballplatz. Genauer: in der Kreisliga A in Bremen. Jacobi ist Schiedsrichter und hatte nach einer Rangelei zweier Spieler in der Partie zwischen dem SV Mardin und dem FC Mahndorf beiden Beteiligten die Rote Karte gezeigt.

Man muss nicht bis nach Bremen schauen, um Gewaltausbrüche auf Amateurplätzen zu erleben, doch die Konsequenzen, die dieser Fall vom 10. Juni 2007 nach sich zog, sind einzigartig. Der SV Mardin, als Schuldiger ausgemacht, aufgrund mangelnder Zeugen aber nur mit einer zwölfmonatigen Sperre gegen Trainer Cindi Tuncel belegt, stieg ein Jahr darauf in die Bezirksliga auf. Mit der fantastischen Punktzahl von 72 Zählern, da sich alle Gegner weigerten, gegen den kurdischen Klub aus dem Problemstadtteil Tenever weiter anzutreten, und lieber eine kampflose 0:2-Niederlage akzeptierten.

Von einem Boykott kann Volker Sontag nicht berichten. "Aber es gab immer wieder vereinzelt Anträge von Vereinen, nicht gegen bestimmte Klubs mit Migrationshintergrund in einer Staffel spielen zu wollen", sagt der Sicherheitsbeauftragte des Hamburger Fußball-Verbands (HFV). Einzelfälle, wie auch die Spielabbrüche in Hamburg. 27 waren es 2009 im Bereich des HFV, witterungsbedingte Ursachen nicht eingerechnet. Bei über 50 000 Spielen pro Saison eine verschwindend kleine Zahl. "Das ist der niedrigste Stand der letzten zehn Jahre", bilanziert Sontag, "zumal die Statistik auch Spiele beinhaltet, bei denen es wegen zu vieler Verletzter vorzeitig endete. Nicht immer ist Gewalt der Grund."

Dass die Zahl der Abbrüche gefühlt deutlich zugenommen hat, liegt zum einen an der stärker sensibilisierten Öffentlichkeit, zum anderen aber auch an der neuen Qualität der Gewalt. Während diese sich von der Bundesliga bis zur Regionalliga mehrheitlich in der gesunkenen Hemmschwelle sogenannter Problemfans ausdrückt und nicht in Übergriffen auf dem Spielfeld, "kehrt sich diese Problematik im Amateur- beziehungsweise Jugendbereich um", heißt es in der Antwort des Hamburger Senats auf eine Große Anfrage der SPD-Fraktion vom 19. Februar 2010, "es wirken das Spiel, der Spielverlauf, Entscheidungen der Schiedsrichter oder sonstige Anlässe als Auslöser von Auseinandersetzungen, bei denen zum Beispiel Spieler auf Schiedsrichter losgehen. Diese Aktionen können auch von Zuschauern ausgehen beziehungsweise Zuschauer in Mitleidenschaft ziehen, wobei aber dann immer Spieler und/oder Schiedsrichter mitbetroffen sind. Der HFV verfolgt die Entwicklung im Bereich von Gewalt im Amateurfußball in Hamburg mit der notwendigen Aufmerksamkeit und Sorgfalt."

Und greift angesichts der immer respektloser und brutaler gewordenen Taten - bei elf der 27 Vorfälle war es zum Polizeieinsatz gekommen - auch härter durch. So wurde 2009 mit dem FC Bingöl erstmals ein Verein zumindest vorübergehend vom Spielbetrieb suspendiert und mit einer Strafe von 1500 Euro belegt, nachdem es am 8. November im Bezirksligaspiel gegen Türk-Birlikspor zu Übergriffen gegen Spieler und Zuschauer der Gastmannschaft gekommen war. Die Körperverletzungen, die dem Schiedsrichtergespann beim Bezirksligaspiel zwischen dem SV Wilhelmsburg und Camlica Genclik drei Wochen zuvor zugefügt worden waren, zogen Sperren gegen Einzelpersonen und Strafen in Höhe von insgesamt 2000 Euro nach sich. "Diese Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem und Phänomen", sagt der ehemalige Polizist Sontag, "Erziehungsberechtigte, Schulen und das soziale Umfeld sind gefordert."

Der HFV hat Konsequenzen gezogen. Zukünftig sollen häufiger neutrale Beobachter eingesetzt werden, bei Spielen vor politischem Hintergrund, wie im Fall des kurdischen FC Bingöl gegen einen türkischen Verein, wird den Klubs nahegelegt, einen Ordnungsdienst zu stellen. Konkrete Anweisungen gibt der HFV auf Grundlage von Empfehlungen des DFB in seinen "besonderen Sicherheitslinien für die Oberliga Hamburg", die ab der kommenden Saison für die fünfthöchste Spielklasse greifen. Demnach hat jeder der 18 Klubs einen Sicherheitsbeauftragten zu benennen, der Verbindung zur Polizei hält und die Sicherheitsmaßnahmen, die bei Risikospielen auch den Einsatz eines gewerblichen Ordnungsdienstes beinhalten, vor Ort koordiniert. Zudem ist jeder Oberligist verpflichtet, ein Sicherheitskonzept für seine Spielstätte zu verfassen. "Wir wollen damit Hilfe zur Selbsthilfe leisten und bieten diesbezüglich auch Schulungen an", ergänzt Sontag.

Der Verband handelt präventiv, um Szenarien wie in Bremen zu verhindern. Der Fall des SV Mardin zog übrigens eine Satzungsänderung nach sich. Vereine, die durch Gewalt auffällig werden, müssen mit Ausschluss vom Spielbetrieb rechnen. Außerdem wurde die Zahl der am grünen Tisch zu erreichenden Punkte auf maximal 15 pro Saison begrenzt.