Nachspiel

Die wachsende Angst der Vereine vor den militanten Fans

Die hasserfüllten "Oenning raus"-Rufe hallten noch Minuten nach dem Schlusspfiff durch das Stadion. Irgendwann reichte es auch HSV-Trainer Bruno Labbadia. Ungefragt gab er nach dem 4:0-Sieg eine Solidaritätsadresse für seinen Nürnberger Kollegen Michael Oenning und dessen Team ab. So dürfe man mit dieser Mannschaft nicht umgehen.

Labbadia hat recht. Schließlich wurde Oenning noch im Sommer als Aufstiegsheld gefeiert. Nur Fantasten durften nach dem erst in der Relegation erreichten Sprung ins Oberhaus erwarten, dass der Klub dem Abstiegskampf entgehen würde.

Wer indes die Mechanismen der Branche kennt, weiß, dass Labbadias gut gemeinter Appell nichts nutzen wird. Was Oenning derzeit in Nürnberg erlebt, haben Marcel Koller und Markus Babbel schon hinter sich. Auch sie mussten bei ihren Klubs gehen, als gewaltbereite Fans die Hetzjagd auf die Trainer eröffneten.

In Bochum wurde Koller von Rowdys verfolgt; sie postierten sich sogar vor dessen Privathaus. Beim VfB Stuttgart brüllte der Mob gegen Babbels Team: "Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot." Chaoten stürmten sogar den Bus, bei den Jagdszenen gab es zwei verletzte Polizisten. Erschüttert konstatierte Babbel: "Es haben sich Dinge abgespielt, die habe ich in meiner langen Karriere noch nicht erlebt. Selbst die sogenannten Fußball-Millionäre haben es nicht verdient, dass man ihnen Mordgesten und solchen Hass entgegenbringt."

Nun ist der Protest gegen Spieler, Trainer und Vorstände kein wirklich neues Phänomen. Gellende Pfeifkonzerte und wütende Sprechchöre gab es auch vor Jahrzehnten. Sie gehören zum Fußball - kein Verein darf erwarten, dass schlechte Leistungen auch noch gefeiert werden.

Doch inzwischen hat die Militanz eine neue Dimension erreicht. Die zunehmende Gewaltbereitschaft der Gesellschaft, zu besichtigen jüngst in Hamburg bei bürgerkriegsähnlichen Krawallattacken gegen Polizisten, greift auch auf den Fußball über. In Nürnberg gerät Sportdirektor Martin Bader ins Fadenkreuz: "Die Polizei hat mir nach massiven Drohungen nahe gelegt zu Hause zu bleiben. Da hört der Spaß auf."

Gefordert sind jetzt vor allem die organisierten Fans, die in der weitaus überwiegenden Zahl mit Gewalt und Hass nichts am Hut haben. Sie müssen die Chaoten ausgrenzen, bei schwerwiegenden Verstößen bei der Polizei melden. Gefordert sind auch die Vereine und Kommunen. Es ist grotesk, dass in dem Milliarden-Business Bundesliga angestrebte Fan-Projekte - wie jetzt in Stuttgart geschehen - an der ungeklärten Finanzierung scheitern.

Gefordert sind ebenso die Manager und Vorstände der Klubs. Sie dürfen nicht den Hauch des Anscheins erwecken, sie würden sich bei ihrer Entscheidung für oder gegen einen Trainer oder Spieler von gewaltbereiten Fans beeinflussen lassen. Denn genau das ist die Blaupause für Aktionen ähnlicher Art bei der Konkurrenz.

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