U-21-EM: DFB-Nachwuchs holt den Titel

Ein Mittsommermärchen in Schweden

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Ronald Reng

Castro, Özil und Wagner setzen den goldenen Schlusspunkt unter die Erfolgsgeschichte der deutschen Junioren.

Malmö. Eine Uhr und das Glück fand Horst Hrubesch am gestrigen Montag im Rasen des Stadions von Malmö. Die Uhr gehörte ihm, er hatte sie, tobend vor Nervosität, zuvor vom Arm geschleudert; das Glück machte sich er sich selbst: Die taktische Umstellung des Juniorenbundestrainers, im Finale der U-21-Europameisterschaft den Dortmunder Mats Hummels als Abräumer vor der Abwehr ins Spiel zu nehmen, war eine Offenbarung. Mit einem brachialen 4:0-Sieg über England durch Tore von Gonzalo Castro, Mesut Özil und zweimal Sandro Wagner wurde die deutsche Auswahl erstmals in dieser Altersklasse Europameister. Sie zelebrierte ihre Jugend: Oft genug hatte sie während der EM das Gewagte und das Leichtsinnige auf irritierende Art verbunden, an diesem Abend wurde daraus eine betörende Schau, junger Fußball im besten Sinne, ein Spiel, das wogte und das die Deutschen mit ihrem großen Esprit und ihren kleinen Fehlern verdient gewannen. Hummels überragte in einer Elf, der jeder ansah, wie unbedingt sie ein Team sein wollte.

Selbstverständlich wurde, wie immer wenn sich Deutsche und Engländer messen, schon lange vor Anpfiff gegeneinander gespielt. Die Trikots strapazierten diesmal die Nerven. Die Deutschen wählten überraschend statt des klassischen weißen Jerseys den roten Ersatzdress. "Die Deutschen verweigern uns eine Wiederholung des WM-Siegs von 1966, als Bobby Moore und Co. rot trugen", fauchte der "Daily Mirror". Tatsächlich wollten die deutschen Spieler mit der neuen Trikotfarbe nur das Glück sanft stimmen: In der Vorrunde hatten sie in Weiß gegen England fahrig agiert.

Sie waren aber auch in den ungewohnten Trikots unschwer wiederzuerkennen: ein Team, das im permanenten Wechsel mitreißende Pässe und erstaunliche Fehler kombiniert. Zweimal musste Hummels in den ersten 20 Minuten in höchster Not mit Tacklings retten, die dem Zerstören eine ungeahnte Schönheit verliehen. Kein Vergleich war zu hoch für Hummels' erste Aktion gegen den berühmtesten Spieler des Turniers, Theo Walcott vom FC Arsenal, der uneinholbar enteilt gewesen wäre: Da tackelte Hummels so verwegen und graziös wie Bobby Moore bei der WM 1970 gegen Jarzinho, was die Popgruppe Lightning Seeds im englischen Fußballlied "Three Lions" in dieser Textzeile verewigte: "Aber noch immer sehe ich Moores Tackle."

Das 1:0 durch Castro nach feinem Steilpass von Mesut Özil fiel, wie gewohnt bei diesem Team, plötzlich wie ein Blitz, in der 22. Minute. Danach eroberten die Deutschen die Initiative, und das zentrale Mittelfeld, angeführt von Hummels, ergänzt von Sami Khedira und Castro, gab dem Spiel eine Ordnung. Nicht, dass man bei ihnen als Trainer deshalb beruhigt sein könnte: Der nächste Fehler lauert überall. Trainer Hrubesch entlud seine Nervosität am armen Stürmer Sandro Wagner. "Waaagner", schrie Hrubesch mehr als einmal, "bist du bekloppt?!" Doch die ewige englische Tragödie war schon auf dem Weg; nicht das Elfmeterschießen, sondern der tollpatschige Torwart. Scott Loach, vor 14 Monaten noch in der fünften Liga bei den Stafford Rangers beschäftigt - was für Engländer wie Buxtehuder SV klingt -, lenkte nach einem Stellungsfehler einen Özil-Freistoß unmittelbar nach der Halbzeit ins eigene Tor. Der als Dampfablasser von Hrubesch missbrauchte Wagner durfte sich mit dem 3:0 und 4:0 entschädigen. Die Partie war entschieden, Hrubesch hatte Wort gehalten. "Keine Sorge", hatte er vor dem Spiel die von Niederlagen im Elfmeterschießen traumatisierten Engländer beruhigt: "Wir gewinnen in der regulären Spielzeit."