Mit harten Checks und klaren Worten

Freezers-Stürmer Thomas Oppenheimer streitet auch mit dem Trainer, wenn er Probleme im Team sieht. Heute will er gegen Augsburg treffen

Hamburg. „Er ist ein kompletter Spieler, der den Sport in all seinen Facetten versteht. Er ist ein Anführer, der sehr emotional, körperlich hart und technisch stark spielt. Alles, was er tut, tut er für das Team. Deshalb gehört er zu den besten Eishockeyspielern, die Deutschland derzeit hat.“

Serge Aubin, seit 25. September Cheftrainer der Hamburg Freezers aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), hat diese Worte gesagt, und wenn man nicht wüsste, wem sie galten, dann würde man viel dafür geben, diesen Spieler kennenzulernen. Doch dann sitzt er neben einem, dieser Thomas Oppenheimer, verschränkt die Arme wie einen Schutzpanzer, der die Emotionen bremsen soll, vor der Brust, und verzieht nicht einmal eine Miene, als er mit der Lobpreisung seines Coaches konfrontiert wird. Ja, sagt er, sei schon schön irgendwie, wenn die eigene Arbeit anerkannt werde, aber man müsse das auch nicht überbewerten. Ohne seine Mitspieler sei man im Mannschaftssport nichts, und so sei es doch ganz normal, dass er seinen Job so gut wie möglich zu machen versuche. „Es geht nur um den Erfolg des Teams!“

Das Gute an Thomas Oppenheimer ist, dass er diese Worte nicht dem Interview-Handbuch für Profisportler entnommen hat wie so manche Kollegen, die sich öffentlich in den Dienst ihrer Mannschaft stellen, aber abseits von Kameras und Mikrofonen als Erstes ihre persönlichen Statistiken checken. Der 25 Jahre alte Angreifer ist ein Mensch, der schon im Elternhaus in Bayern gelernt hat, sich selbst nicht wichtig zu nehmen, der zwar weiß, was er will und was er kann, aber der für das eigene Fortkommen niemals den Erfolg der Gruppe gefährden würde.

Seit 2010 spielt er für die Freezers, die am Wochenende gegen Augsburg (Fr., 19.30 Uhr) und Düsseldorf (So., 14.30 Uhr, jeweils O2 World) ihren dritten Tabellenrang zementieren wollen, und die Entstehung der Mannschaft ist eng mit der Entwicklung Oppenheimers verknüpft. Er ist im Gleichschritt mit seinem Club gewachsen, von einem hoch veranlagten, aber nicht in allen Belangen ausgereiften Talent hin zu einem Profi mit Führungsanspruch, so wie die Freezers sich vom Play-off- zum Titelkandidaten mauserten.

Thomas Oppenheimer war 17 Jahre alt, als er bei den Frankfurt Lions in der DEL debütierte. Als größtes deutsches Talent feierten ihn Experten und Medien, und manch Sportler, nicht nur im Eishockey, ist unter der Last eines solchen Rucksacks im Verlauf der Karriere zusammengebrochen. Oppenheimer hat es, das darf man acht Jahre später konstatieren, geschafft, die Vorschusslorbeeren mit Leistung zu untermauern. Gelungen sei ihm dies, weil er schon damals nichts auf das gegeben habe, was von außen herbeigeredet wurde. „Vor allem aber hatte ich in Frankfurt Vorbilder, die mir den Weg gewiesen haben, den ich als meinen erkannt habe: Dass diejenigen die besten Spieler werden, die hart arbeiten und sich verbessern wollen“, sagt er.

Dieses Streben nach Perfektion, das Oppenheimer antreibt, äußert sich darin, dass er in Schwächephasen schnell mit sich und der Welt zu hadern scheint und darüber zu verkrampfen droht. Trainer Aubin glaubt jedoch, dass „er nur deshalb ein so guter Spieler geworden ist, weil er sich nie zufrieden gibt mit dem Erreichten“. Und „Oppi“, wie ihn im Eishockey alle nennen, ist beileibe kein Stinkstiefel, der sich in Negativität verliert, im Gegenteil: Er ist einer der wenigen Spieler, die auch unter Aubins Vorgänger Benoît Laporte in der Kabine Probleme offen ansprachen. Fast schon legendär sind seine Trainingsstreitereien mit dem im Sommer nach Nordamerika gewechselten David Wolf, dem als Platzhirschen und Aggressivanführer kaum jemand Kontra zu geben vermochte. Oppenheimer gelang das, weil Wolf ihn und seine Leistung respektierte.

Genau diese Art der Menschenführung, Beispielgeben durch Leistung und durch mit Bedacht gesetzte Worte, bringt der Nationalstürmer, der die Freezers gemeinsam mit Jerome Flaake beim Deutschland-Cup in München (7. bis 9. November) vertreten wird, in sein Amt als Assistent von Kapitän Christoph Schubert ein. „Ich mag es nicht, wenn hintenherum gelästert wird, sondern spreche Probleme sofort offen an“, sagt er. Dass diese Art der Kommunikation im Medienzeitalter der sozialen Netzwerke immer weniger geschätzt werde, sei ein Generationsproblem, das ihm missfalle. „Aber ich weiß auch, dass nicht jeder mit offener Kritik umgehen kann. Ich empfinde Diskussionen als sehr fruchtbar, weil man etwas lernen kann, auch wenn man die Meinung des anderen nicht teilt“, sagt er.

Mit einem, findet Thomas Oppenheimer deshalb auch, habe Serge Aubin bei seiner Lobrede auf jeden Fall unrecht gehabt. „Ich wäre zwar gern ein kompletter Spieler, aber ich bin es nicht. Man ist niemals komplett.“ Er kann eben nicht aus seiner Haut, dieser Perfektionist.