FC St. Pauli

Aufstieg verpasst: Entlädt sich am Sonntag der Fan-Frust?

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Rupert Fabig
Die Fans halten die Fahne des FC St. Pauli im Stadion hoch.

Die Fans halten die Fahne des FC St. Pauli im Stadion hoch.

Foto: Daniel Bockwoldt / picture alliance/dpa

Die Anhänger sehen das kontinuierliche Verpassen von Saisonzielen kritisch. Wie wird sich ihre Verärgerung gegen Düsseldorf äußern?

Hamburg. Ausgerechnet ein Herz sorgte für Verstimmung in der Fanszene des FC St. Pauli. Der langzeitverletzte Ex-Kapitän Christopher Avevor hatte darauf geklickt. Ihm gefiel ein Video seines ehemaligen Teamkollegen Rodrigo Zalazar – von dessen Torjubel nach seinem 3:2-Siegtreffer für den FC Schalke 04 gegen St. Pauli.

Man möchte meinen, kein großer Akt. Wohl eher die Art Avevors, im Social-Media-Zeitalter Zalazar zum Aufstieg zu beglückwünschen. Und dennoch: „In meinen Augen mehr als unglücklich“, twitterte St.-Pauli-Fan Peter Böhmer, und war damit nur einer von zahlreichen angesäuerten Anhängern der Braun-Weißen, die ihrem Frust nach dem verpassten Aufstieg dort freien Lauf ließen, wo man heutzutage seinem Frust eben freien Lauf lässt: im Internet.

FC St. Pauli: Fans prangern zu schnelle Zufriedenheit beim Verein an

„Union spielt bald Champions League aber wir sind mit zweite Liga Platz 13 nächste Saison schon zufrieden ja nee is klar…“, prognostizierte etwa „GrenzenlosFCSP“. Der Verein sei gar nicht mit letzter Konsequenz daran interessiert, eine Liga aufsteigen zu wollen, sondern mit dem Status quo schon zufrieden. Lieber eine weitere Saison Zweite Liga mit reichlich gewinnbaren Spielen als harter Abstiegskampf in der Bundesliga also?

Da ist sie wieder, die Sorge vor der Selbstzufriedenheit, die noch aus der gemeinsamen Zeit von Sportchef Uwe Stöver, der mittlerweile in gleicher Funktion beim Ligakonkurrenten Holstein Kiel beschäftigt ist, und Ex-Trainer Markus Kauczinski (2017 bis 2019) rührt. Vor allem Zweitgenannter besaß – seiner unbestrittenen guten Arbeit zum Trotz – die im Trainerbusiness nicht ungewöhnliche Angewohnheit, die anstehenden Gegner besonders stark und die Qualitäten der eigenen Mannschaft kleinzureden. In Folge machten es sich immer mehr St.-Pauli-Spieler allerdings in der flauschigen „Alles geht, nichts muss“-Wohlfühloase bequem. Und damit willkommen im Mittelmaß.

Führung muss sich Ambitionslosigkeit vorwerfen lassen

Erstklassig dagegen sind zwar zum überwiegenden Teil die Fans der Kiezkicker, aber auch in ihren Reihen gibt es Anhänger des „Zweite Liga, St. Pauli ist dabei“-Kults. Man sei eben kein gewöhnlicher Verein. Vereint in der Uneinigkeit. Und daher sah sich der Fanclubsprecherrat um Tilman M. Brauns dazu veranlasst, ein Statement herauszugeben, in dem unterstrichen wird, dass man kein Statement herausgibt: „Die Erwartungen und Enttäuschungen über das Abschneiden der Lieblingsmannschaft scheint uns sehr individuell. Aus diesem Grund sehen wir weder das Mandat noch die Notwendigkeit, uns dazu stellvertretend zu äußern.“

Den Vorwurf der Ambitionslosigkeit in Richtung Vereinsführung zu äußern, erscheint aus rationaler Sicht nicht gerechtfertigt. Präsident Oke Göttlich sprach im „NDR Sportclub“ zwar von einer „positiven Entwicklung in den vergangenen Jahren“, dies lässt allerdings nicht die Interpretation zu, das Ende der Fahnenstange sei nun erreicht. Im Gegenteil: So sprach Göttlich auch davon, der Club sei „Opfer unseres Erwartungsmanagements“ geworden. Der verpasste Aufstieg, er macht sie derzeit fast alle fertig beim FC St. Pauli. Allen voran Trainer Timo Schultz, der in den vergangenen Wochen erstaunlich offen immer wieder das Ziel Bundesliga ausgegeben hatte und dessen Enttäuschung über das Scheitern bemitleidenswert war.

Was die Frage aufwirft, welche Reaktionen darauf folgen? Die des Clubs scheint klar zu sein. Sportchef Andreas Bornemann ist gewillt, abermals eine schlagkräftige Mannschaft zusammenzustellen, die in der Lage ist, um den Aufstieg zu spielen. Was nicht nur wegen der wahrscheinlichen Abgänge eigener Leistungsträger, sondern auch der Konkurrenz alles andere als ein Selbstläufer wird. Ungeachtet der möglichen Aufstiege von Werder Bremen und des HSV sowie der Bundesliga-Absteiger, dürfte die zweitligainterne Konkurrenz aus Düsseldorf, Nürnberg und Hannover stärker in die kommende Spielzeit gehen.

Aktuell spannender ist ohnehin die Frage nach der Reaktion der Fans beim finalen Saisonspiel am Sonntag gegen Fortuna Düsseldorf. Gibt es ein letztes Fanfest in Anbetracht der unterm Strich guten Saison? Oder hält sich die Menge im ausverkauften Millerntor-Stadion aus Ärger über die zweitschlechteste Rückrunde der vergangenen elf Jahre sowie darüber, noch vom HSV abgefangen worden zu sein, zurück? „Die Mannschaft sollte jedenfalls keine Jubelstürme erwarten“, sagt ein Insider. Doch die lassen sich erzeugen. Am besten dadurch, auf dem Platz Herz zu zeigen.

Beim Dienstagstraining fehlten neben den Langzeitverletzten Leart Paqarada, Christopher Buchtmann, Rico Benatelli und Simon Makienok.

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