Nationalmannschaft

Selbstbewusst und schlau: Flick vertraut der Jugend

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Sebastian Weßling
 Jamal Musiala (l.) feiert mit Karim Adeyemi (2.v.l.) und Florian Wirtz seinen Treffer gegen Nordmazedonien.

Jamal Musiala (l.) feiert mit Karim Adeyemi (2.v.l.) und Florian Wirtz seinen Treffer gegen Nordmazedonien.

Foto: AFP

Jamal Musiala, Florian Wirtz und Karim Adeyemi, die Teenager im DFB-Team, überzeugen, weil Bundestrainer Flick das Trio spielen lässt.

Skopje. Hansi Flick tat sich schwer. Der Bundestrainer hatte seine liebe Mühe, als er in den Katakomben der Tose-Proeski-Arena von Skopje saß und positive Aspekte zum Spiel gegen Nordmazedonien aufzählen sollte. Das aber hatte keine inhaltlichen Gründe, sondern war allein Flicks Verfassung geschuldet: Den 56-Jährigen hatte eine heftige Erkältung erwischt und gegen Ende eines langen Abends drohte die Stimme nun vollends zu versagen.

Aber Flick kämpfte sich durch, wie sich auch seine Spieler vorher durch das Spiel gekämpft hatten – und so konnte der Bundestrainer übermitteln, dass er im Großen und Ganzen ziemlich zufrieden war mit seiner Mannschaft. Sie hatte ja immerhin 4:0 (0:0) gegen Nordmazedonien gewonnen, auch wenn die Tore durch Kai Havertz (50.), Timo Werner (70./73.) und Jamal Musiala (83.) spät gefallen waren. Und sie hatte damit vorzeitig die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar geschafft, als erste Mannschaft weltweit.

Flick: „Man hat gesehen, welche Mentalität auf dem Platz war“

Dass sie sich lange schwergetan hatte, dass vor allem im ersten Durchgang Präzision und Durchschlagskraft gefehlt hatten, war Flick nicht entgangen. Aber ihm gefiel, wie seine Spieler mit den vielen Widerständen, mit einem tapfer kämpfenden Gegner, einem schweren Platz und einem enthusiastischen Publikum umgegangen war: „Man hat heute gesehen, welche Mentalität auf dem Platz war“, lobte Flick. „Natürlich hat nicht alles zu 100 Prozent gepasst, aber die Mannschaft hat nie nachgelassen.“

Vor allem die Jüngsten wurden auffällig

Besonders die Schlussphase stimmte ihn zufrieden, als die deutsche Mannschaft gegen einen müde werdenden Gegner immer befreiter aufspielte – und sich vor allem die Jüngsten in seiner Mannschaft bemerkbar machten. Musiala (18) lieferte mit seinem Treffer zum 4:0 den Schlusspunkt und wurde nebenbei zum zweitjüngsten Torschützen der deutschen Länderspielgeschichte – hinter Marius Hiller, der 1910 im zarten Alter von 17 Jahren und 241 Tagen getroffen hatte. Zuvor hatte sich Musiala immer wieder elegant durch die Abwehrreihen geschlängelt, hatte seine außergewöhnlichen Fähigkeiten im Dribbling und im Passspiel gezeigt. „Er ist intelligent, sehr schlau, kann ein Spiel lesen, Bälle klauen“, lobte Flick schon vor einiger Zeit. Auch im Starensemble des FC Bayern spielt der Offensivallrounder regelmäßig.

Florian Wirtz (18) bereitete das 3:0 vor und steuerte zwei Torschussvorlagen bei. Der Mittelfeldspieler leistete sich zwar auch einige durchaus gefährliche Ballverluste, dennoch beeindruckte die Selbstverständlichkeit, mit der er wieder einmal auftrat – wie schon in Leverkusen, wo er seit Wochen verlässlich als Leistungsträger und Spielentscheider auftritt: Sechs Treffer und fünf Vorlagen kann er nach acht Saisonspielen vorweisen. „Einfach klasse, wie er sich aktuell entwickelt“, lobt Flick.

Das gilt auch für Karim Adeyemi, mit 19 Jahren fast schon alt. Er bereitete Musialas Treffer vor und legte einen weiteren Torschuss auf. Ihn machen nicht nur sein Tempo und seine technischen Fähigkeiten zu einem aufregenden Spieler – sondern auch seine Position: Adeyemi ist Mittelstürmer, ein treffsicherer noch dazu – und die gehören in Deutschland zu einer seltenen Spezies. Elf Tore in 16 Pflichtspielen für RB Salzburg kann er vorweisen, damit macht er sich nicht nur für die Nationalmannschaft interessant: Viele deutsche Spitzenklubs wollen ihn holen, bei Borussia Dortmund rechnet man sich aktuell große Chancen aus, dass es klappt.

Flick vertraut den jungen Spielern

Warum aber spielt das Trio aktuell groß auf? Klare Antwort: Weil Flick es lässt, weil ihm das Alter der Akteure egal ist und er seinen jungen Spielern vertraut. Klar, sein Vorgänger Löw hatte Jamal Musiala davon überzeugt, für Deutschland statt England zu spielen, hatte ihn mit zur Europameisterschaft genommen – dort aber weitgehend ignoriert. Wirtz hatte er vor der EM mal berufen, aber nie eingesetzt. Und Adeyemi war überhaupt nie dabei.

Flick gewährt reichlich Spielzeit: Wirtz und Adeyemi wechselte er in Skopje in der 61. Minute ein, da führte die Mannschaft gerade erst 1:0 und wie ein beruhigendes Polster erschien das niemandem angesichts der dann und wann gefährlich konternden Gastgeber.

Dafür nahm der Bundestrainer Leon Goretzka und Kai Havertz vom Platz, was durchaus als hübsche Pointe taugte: Beide waren ja selbst lange die großen Zukunftsversprechen der Nationalmannschaft und werden gerade zu ihrer Gegenwart. Und der 22-Jährige Havertz wird stets herangezogen, wenn es um Sorgen im deutschen Nachwuchs ging. Klar, ein überragendes Talent sei der Offensivspieler, aber danach komme niemand mehr, klagten auch die Experten beim Deutschen Fußball-Bund mal mehr mal weniger offen. Jetzt hat Flick gleich drei aufgetan, mit einem Mal ballt sich in der Offensive das Zukunftspotenzial.

Der Bundestrainer hat ohnehin nie eingestimmt in die Klagen. „Über den Nachwuchs haben wir immer viel gesprochen“, sagte er erst kürzlich. „Und jetzt sind relativ schnell mit Karim Adeyemi, Jamal Musiala und Florian Wirtz drei ganz junge tolle Spieler dabei. Da sollte man einfach Vertrauen haben.“

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