Eishockey

Crocodiles-Trainer ist bereit fürs neue Hamburg-Abenteuer

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Alexander Berthold und Björn Jensen
Crocodiles-Trainer Henry Thom an seiner neuen Wirkungsstätte, dem Eisland Farmsen.

Crocodiles-Trainer Henry Thom an seiner neuen Wirkungsstätte, dem Eisland Farmsen.

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt/Funke Foto Services

Henry Thom war Co-Trainer der Freezers. Am Freitag startet er als Chef mit den Crocodiles in die Saisonvorbereitung. So tickt der Neue.

Hamburg. Guten Freunden zu häufig abzusagen, das könnte der Freundschaft schaden. Seit sie vor rund 25 Jahren gemeinsam für den EHC Timmendorfer Strand aufliefen, halten Sven Gösch (49), Geschäftsführer und Sportdirektor des Eishockey-Oberligisten Crocodiles Hamburg, und Henry Thom (51) regelmäßig Kontakt.

„Immer wenn bei den Crocodiles ein Wechsel auf der Trainerposition anstand, hat Göschy mich angerufen und nach meinen Plänen gefragt, aber irgendwie hat es dann nie gepasst“, sagt Henry Thom, der sich große Mühe gibt, seine in diesem Sommer erfolgte Zusage nicht als Freundschaftsdienst aussehen zu lassen. „Ich hatte diesmal tatsächlich das Gefühl, dass ich in einen Verein wollte, in dem ich mich zu Hause fühle und die nötige Rückendeckung erhalte“, sagt der neue Mann an der Bande.

Thom war schon Trainer der Hamburg Freezers

An diesem Freitag startet Thom, der zunächst für ein Jahr unterschrieben hat, nun in sein zweites Hamburg-Abenteuer. Zwischen 2011 und 2013 war er bei den 2016 vom Spielbetrieb abgemeldeten Hamburg Freezers in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) als Co-Trainer von Benoit Laporte tätig. Die drittklassigen Crocodiles sind nun nach Timmendorf (2006 bis 2008, 2010/11 und 2014/15), den Rostock Piranhas (2008 bis 2010), dem italienischen Club Gherdeina (2013/14 und 2015/16), den Selber Wölfen (2016 bis 2020) und dem Deggendorfer SC (2020/21) seine sechste Station als Hauptübungsleiter.

Der Hauptgrund für seinen Entschluss sei gewesen, dass er sich der Mentalität von Mannschaft und Verein sehr verbunden fühle. „Ich habe die Crocodiles über die vergangenen Jahre verfolgt und gesehen, dass sie sich nach dem Insolvenzantrag im Dezember 2018 sehr gut entwickelt haben“, sagt er. Der Zusammenhalt, das habe er bereits in den ersten Gesprächen gespürt, „ist hier riesengroß, was es nicht mehr oft gibt im Profisport. Das macht für mich die Arbeit leichter, weil es den Spaßfaktor erhöht“, sagt er.

„Man wird mich nie auf der Bank ausflippen sehen"

Tatsächlich sei ihm wichtig, Freude an der Arbeit auszustrahlen und zu vermitteln. Aus seiner Zeit unter Laporte hat sich der frühere Stürmer den Ruf erworben, ein Freund der Spieler zu sein. Zwischen dem oft poltrigen Frankokanadier und dem Team musste er damals oft vermitteln. Wer nun aber glaube, er sei zu nett für das Krokodilsbecken Profieishockey, den müsse er enttäuschen. „Man wird mich nie auf der Bank ausflippen sehen, weil ich der Meinung bin, dass das nie dem Team dient. Das wäre nicht authentisch und würde nicht zu mir passen“, sagt er. „Aber in der Kabine spreche ich alles sehr deutlich an, auch die Dinge, die mich stören.“

Bevor an diesem Freitagabend das erste Eistraining im Eisland Farmsen ansteht, hat er davon allerdings noch nicht viele gefunden. Sein Vorgänger Jacek Plachta (52), der nach drei erfolgreichen Spielzeiten in seine polnische Heimat zu GKS Kattowitz gewechselt ist, habe ein solides Fundament hinterlassen.

Nils Kapteinat soll auf Torhüterposition

Die Zusammenstellung des Kaders lasse ihn hoffen, in der am 24. September mit einem Gastspiel bei den Hannover Indians beginnenden Saison 2021/22 eine gute Rolle spielen zu können. Auf der Torhüterposition solle der neue Back-up-Goalie Nils Kapteinat (21) dem etablierten Kai Kristian (30) Druck machen. In der Abwehr wurden mit Thomas Gauch (23) und Tobias Schmitz (24) entwicklungsfähige Offensivverteidiger mit schneller Spieleröffnung geholt. Im Angriff wurde der Vertrag mit Patrick Saggau (37) am Donnerstag offiziell um ein Jahr verlängert, zudem erhält der Deutschkanadier Josh Stephens (20) aus Adendorf einen Dreimonatskontrakt.

Ein Saisonziel werde er gemeinsam mit dem Team in den kommenden Wochen definieren. Die angesichts einer tauglichen Eishalle in Hamburg fehlende Perspektive, in die DEL 2 aufsteigen zu können, solle kein Hindernis darstellen. „Die Hoffnung darauf hat hier niemand aufgegeben. Wir können mit sportlichem Erfolg dazu beitragen, unsere Stellung zu verbessern. Dazu müssen wir aber auf allen Ebenen noch mehr tun, um deutlicher wahrgenommen zu werden“, sagt er.

Henry Thom wohnt mit Familie in Timmendorf

Klar ist die Ausrichtung, die er seiner Mannschaft verordnen möchte. „Wir werden in der Offensive aggressiveres Forechecking spielen und die Scheibe schneller aus unserem Drittel herausspielen“, sagt er. Die Weisheit, dass die Defensive Meisterschaften gewinne, teile er zwar, „aber je länger der Puck nicht in unserem Drittel ist, desto kleiner ist das Risiko, Gegentore zu kassieren“.

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Grundsätzlich sieht sich Henry Thom, der in Frankfurt am Main geboren wurde, als Dreijähriger nach Montreal (Kanada) in die Heimat seines Vaters ging und mit 18 nach Deutschland zurückkam, um in Bad Nauheim in der Zweiten Liga seine aktive Karriere zu starten, als entspannten Menschen. Dazu tragen zum einen regelmäßige Saunabesuche und lange Spaziergänge mit Hund am Ostseestrand bei, die der mit Frau und Tochter (18) in Timmendorf lebende Coach als Ausgleich zum Job unternimmt. Zum anderen hilft ihm die Erfahrung, eine Phase ohne Leistungssport erfolgreich gemeistert zu haben.

Neuer Coach der Crocodiles ohne Assistenten

Nach seinem Karriereende besaß Thom fünf Jahre lang die Kneipe „Chevy“ in Timmendorfer Strand – und widerstand nur knapp der Gefahr des Gastronomen, sein bester Kunde zu werden. „Nach einem harten ersten Jahr habe ich einen Tag pro Woche festgelegt, an dem ich Alkohol trank. Leider haben das schnell alle spitzgekriegt und sind genau an dem Tag gekommen“, sagt er. Nach fünf Jahren fand er über einen Bekannten, der beim EHC Timmendorfer Strand Jugendmannschaften trainierte, den Einstieg ins Trainergeschäft – und ist seitdem Coach mit Leidenschaft.

Dass er trotz seiner Erfahrungen als Co-Trainer auf einen Assistenten verzichtet, hat finanzielle Gründe. Darüber zu klagen fiele Henry Thom nicht ein. Er hat ja seinen Kumpel Sven Gösch, mit dem er sich austauschen kann.

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