Rassistische WhatsApp

Dennis Aogo über Jens Lehmann: "Respektlos", aber menschlich

Lesedauer: 9 Minuten
Jens Lehmann hat sich durch eine rassistische WhatsApp-Nachricht an Dennis Aogo ins Abseits gestellt.

Jens Lehmann hat sich durch eine rassistische WhatsApp-Nachricht an Dennis Aogo ins Abseits gestellt.

Foto: Imago/Ulrich Hufnagel

Ex-HSV-Profi will Vorfall "wie zwei Männer" klären. Aogos Ehefrau: "Dieses Land macht mir Angst." Lehmann verliert nächsten Job.

Hamburg. Der frühere Fußball-Nationaltorhüter Jens Lehmann hat mit einer rassistischen Nachricht an den langjährigen HSV-Profi Dennis Aogo für einen Eklat gesorgt.

Lehmann hatte per WhatsApp gefragt: „Ist Dennis eigentlich euer quotenschwarzer?“ Versehen war der Satz mit einem Lach-Smiley vor dem Fragezeichen.

Aogo, der als Experte für den TV-Sender Sky arbeitet, schrieb dazu: „WOW dein Ernst? @jenslehmannofficial Die Nachricht war wohl nicht an mich gedacht!!!“

Lehmann entschuldigte sich für die irritierende Nachricht. Dennoch ist der 51-Jährige sowohl seinen Posten im Aufsichtsrat des Bundesligisten Hertha BSC als auch seinen Expertenstatus bei Sky und Sport1 los.

Abendblatt.de hält Sie über den Fall Jens Lehmann auf dem Laufenden:

Laureus suspendiert Lehmann als Botschafter

Nach Jens Lehmanns rassistischer Nachricht an Dennis Aogo hat auch die Laureus World Sports Academy reagiert. „Angesichts der weit verbreiteten Kommentare haben wir Jens Lehmann informiert, dass er auf unbestimmte Zeit von seiner Rolle als Laureus-Botschafter suspendiert wurde“, hieß es in einer Pressemitteilung der Organisation. Laureus „widersetzt sich allen Formen von Rassismus“, hieß es weiter.

Lehmann war 2015 zum Laureus-Vorstandsmitglied berufen worden, seit 2012 arbeitete er als Botschafter. Die Organisation vergibt ihre Awards an diesem Donnerstag. Zu den Nominierten gehört unter anderem der FC Bayern München.

Dennis Aogo: "So etwas schreibt man nicht"

Dennis Aogo hat die Entschuldigung von Jens Lehmann angenommen. "Ich habe ihm abgenommen, dass es ihm leid tut", sagte der ehemalige HSV-Profi am Mittwochnachmittag in einer Videobotschaft auf Instagram. Zuvor habe er bereits zweimal mit dem früheren Torhüter über den Vorfall telefoniert.

Gleichwohl betonte Aogo noch einmal, dass er Lehmanns Nachricht "nicht gut" und "auch ein Stück weit respektlos" fand – "weil man so etwas nicht schreibt. Egal, an wen die Nachricht adressiert war".

Er wolle sich nun zeitnah noch einmal mit Lehmann treffen, um das Thema "wie zwei Männer" endgültig aus dem Weg zu räumen. Jeder Mensch mache Fehler und habe eine zweite Chance verdient, so Aogo im Bezug auf Lehmann: "Ich finde es auch nicht richtig, dass sich jetzt alle auf ihn stürzen."

Ina Aogo: "Schäme mich manchmal, dass ich Deutsche bin"

Ina Aogo hat sich nach Lehmanns WhatsApp-Nachricht an ihren Ehemann Dennis entsetzt geäußert. „Ich frage mich echt, was hier los ist. Dieses Land macht mir Angst mittlerweile“, sagte sie am Mittwoch bei Instagram und nannte als Beispiel ein Video, das einen Mann zeigt, der einen Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln tritt.

Lehmanns Post habe ihren Mann verletzt, sagte Ina Aogo. „Mein Mann war menschlich so enttäuscht von dieser Person. Es tat mir einfach sehr, sehr leid. Enttäuscht und verletzt ist, glaube ich, das richtige Wort“, sagte die 31-Jährige. „Ich schäme mich manchmal, dass ich Deutsche bin. Wenn ich sehe, wie sich manche verhalten oder wie manche reden – dann schäme ich mich dafür.“

„Wir müssen einfach versuchen, dass wir alle besser miteinander umgehen“, sagte Ina Aogo und riet, „dass Eltern mal einfach bessere Arbeit leisten zu Hause, um ihre Kinder vernünftig zu erziehen, dass sie nicht solche Sachen im Kopf haben“.

Baumann zu Lehmann: "Schon damals ein Vollidiot"

Jens Lehmanns ehemaliger Mitspieler Karsten Baumann hat mit einer eindeutigen Aussage auf die rassistische WhatsApp an Dennis Aogo reagiert. "Du warst schon damals ein Vollidiot", schrieb Baumann bei Twitter unter die Entschuldigung des früheren Nationaltorhüters (siehe auch diesen Eintrag).

Der ehemalige Verteidiger Baumann (u.a. auch 1. FC Köln) stand zwischen 1998 und 2000 für zwei Spielzeiten gemeinsam mit Lehmann im Kader von Borussia Dortmund.

DFB-Botschafter Hartwig: Erschreckendes Denken

DFB-Botschafter Jimmy Hartwig hat Jens Lehmanns Verhalten scharf verurteilt. „Mir ist es unverständlich, dass ein überragender Torwart wie Jens Lehmann von 'Quotenschwarzen' spricht“, schreibt der frühere Nationalspieler und Profi des Hamburger SV in einem vom Deutschen Fußball-Bund veröffentlichten Statement. „Nicht nur die Sprache ist das Erschreckende, sondern auch das Denken, das dahinter steckt.“

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„Der DFB und die Vereine leisten viel gegen Rassismus. Aber es ist leider immer noch ein weiter Weg in die Köpfe einiger Menschen“, sagte Hartwig. Das schnelle und entschlossene Handeln von Hertha BSC bezeichnete der 66-Jährige als „dringend geboten“. Investor Lars Windhorst hat den Beratervertrag mit Lehmann beendet (siehe auch diesen Eintrag).

Sky und Sport1 laden Lehmann nicht mehr ein

Der Pay-TV-Sender Sky wird künftig auf den Einsatz von Jens Lehmann verzichten. „Wir hatten Jens Lehmann oft bei Sky als Gast in unserem Programm, sind sehr enttäuscht über sein Verhalten und planen, ihn jetzt nicht mehr als Gast in unsere Sendungen einzuladen“, schrieb Sky-Sportchef Charly Classen. Auch bei Sport1 wird der Ex-Torhüter nicht mehr eingeladen.

Aogo war zuletzt beim Zweitligisten Hannover 96 unter Vertrag und arbeitet seit September im Experten-Team von Sky. „Dennis Aogo ist ein hoch geschätzter Kollege und exzellenter Experte und wir sind sehr froh, ihn in unserem Team zu haben“, schrieb der Sportchef weiter. „Wir bei Sky verurteilen jegliche Form von Rassismus und geben Rassismus keinen Raum und keine Plattform.“

Lehmann selber hatte bereits einige Jahre als Experte bei Sky und später bei RTL gearbeitet, wo er Vorgänger von Jürgen Klinmann war. Zuletzt hatte er als Gast bei Sky, im „Doppelpass“ von Sport1 und in der Vorwoche bei der ARD TV-Auftritte.

Dardai begrüßt schnelle Hertha-Entscheidung

Trainer Pal Dardai hat das schnelle Handeln der Verantwortlichen bei Hertha BSC nach dem Eklat um Jens Lehmann als „sehr gut“ bezeichnet. „Die neue Führung von Hertha ist sehr konsequent, und das ist sehr positiv“, sagte der Ungar am Mittwoch bei einer Pressekonferenz zum Nachholspiel in der Bundesliga an diesem Donnerstag (18.30 Uhr/Dazn) im Berliner Olympiastadion gegen den SC Freiburg.

Dardai wollte gar nicht „so viel darüber reden. Wir müssen uns konzentrieren aufs Fußballspielen“, betonte er. Es sei jetzt nicht der Moment für eine derartige Ablenkung, sagte Dardai, der mit seinem Team gegen den Abstieg kämpft. Er habe aber auch nicht gespürt, dass Lehmann eng bei der Mannschaft gewesen sei, sagte Dardai.

„Natürlich ist das eine sehr, sehr unglückliche Situation“, kommentierte Hertha-Keeper Alexander Schwolow am Mittwoch den Vorfall mitten in den Stresswochen der Hertha nach einer zweiwöchigen Quarantäne wegen mehrerer Corona-Fälle.

Lehmann verliert Posten im Hertha-Aufsichtsrat

Jens Lehmann hat nach seiner WhatsApp-Nachricht an Ex-Profi Dennis Aogo seinen Posten im Aufsichtsrat von Hertha BSC verloren. „Wir haben den Beratervertrag mit Jens Lehmann aufgelöst. Damit ist auch seine Tätigkeit im Aufsichtsrat von Hertha BSC beendet“, sagte Sprecher Andreas Fritzenkötter von der Tennor Holding.

Lehmann hatte einen Beratervertrag bei Tennor für Sport- und Fußballfragen und saß für das Unternehmen von Hertha-Investor Lars Windhorst im Kontrollgremium des Bundesligisten. Der Vorfall sei nicht vereinbar mit den Grundsätzen des Unternehmens, sagte Fritzenkötter.

Lehmann entschuldigt sich bei Aogo

Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann hat sich für eine irritierende WhatsApp-Nachricht beim ehemaligen Profi Dennis Aogo entschuldigt. „In einer privaten Nachricht von meinem Handy an Dennis Aogo ist ein Eindruck entstanden für den ich mich im Gespräch mit Dennis entschuldigt habe“, schrieb Lehmann am Mittwochmorgen bei Twitter. Der 51-Jährige ergänzte: „Als ehemaliger Nationalspieler ist er sehr fachkundig und hat eine tolle Präsenz und bringt bei Sky Quote.“

Gegenüber der Bild-Zeitung versicherte der 51-Jährige zudem, die Nachricht sei „überhaupt nicht so gemeint“ gewesen, „sondern positiv“. Es sei von ihm „unglücklich ausgedrückt“ gewesen: „Da die WhatsApp von meinem Handy rausging, übernehme ich die Verantwortung dafür. Es war eine private Nachricht.“

( HA/dpa/sid )