American Football

Wie die Hamburg Sea Devils die Saison planen

Lesedauer: 7 Minuten
Maximilian Bronner und Björn Jensen
Max Paatz, Geschäftsführer und Ted Daisher, Head Coach der Hamburg Sea Devils.

Max Paatz, Geschäftsführer und Ted Daisher, Head Coach der Hamburg Sea Devils.

Foto: Roland Magunia

Hamburgs neues Footballteam trainiert in Bahrenfeld, spielt an der Hoheluft und empfängt zum Auftakt Frankfurt.

Hamburg. Wer auf 43 Jahre Erfahrung als Übungsleiter im American Football zurückschauen kann, der muss nicht mehr aufgeregt sein, wenn der Trainingsauftakt für eine neue Saison ansteht. Dennoch sagt Ted Daisher: „Ich bin sogar sehr aufgeregt, dass es endlich losgeht!“

Zwar hinterlässt der 66 Jahre alte US-Amerikaner, als er am Mittwochmittag die Redaktion des Abendblatts am Großen Burstah besucht, beileibe nicht den Eindruck eines Nervenbündels. Aber eine positive Angespanntheit, die ist ihm anzumerken, und wer wollte ihm das auch verdenken? Schließlich sind die Hamburg Sea Devils, die Daisher als Headcoach in ihre Premierensaison in der neu gegründeten Europaliga ELF führen wird, seine erste Auslandsstation.

Sea Devils: Kick-off-Meeting in der edel-optics.de Arena

„Für mich ist alles neu: die Liga, die Stadt, die Kultur, und vor allem meine Mannschaft, deshalb bin ich sehr gespannt auf den Start“, sagt der drahtig wirkende Mann, der an diesem Donnerstagabend seinen 65-Mann-Kader erstmals persönlich in Augenschein nehmen wird. In der edel-optics.de Arena, in der die Bundesliga-Basketballer der Hamburg Towers ihre Heimspiele austragen, kommen die Footballprofis zum Kick-off-Meeting zusammen, nachdem sich der Kontakt bislang auf Zoom-Konferenzen beschränkt hat.

Am Freitagabend wird zum ersten Mal gemeinsam trainiert. Dann soll der gesamte Kader anwesend sein. Superstar Kasim Edebali (31), der nach sieben Jahren in der US-Eliteliga NFL in seine Heimatstadt zurückkehrt, fliegt am Freitagmorgen ein. Auch Runningback Xavier Johnson (27) und Defensive Back Justin Rogers (22), die wegen Corona-Reisebeschränkungen am Dienstag ihren Flug nicht hatten antreten können, sollen es bis dahin nach Hamburg geschafft haben. Fraglich ist noch, ob der britische Defensivspieler Keanu Ebanks (27) und der dänische Kicker Phillip Andersen (30) zum Aufgebot zählen werden.

Sea Devils: Coach Daisher ist mit seinem Kader sehr zufrieden

Beide waren für den Draft der Canadian Football League (CFL) gemeldet, der in der Nacht zu diesem Donnerstag stattfand. „Wenn sie die Chance haben, CFL zu spielen, werden wir ihnen die nicht verbauen. Für den Fall haben wir längst einen Plan B“, sagt Geschäftsführer Max Paatz (44), der Cheftrainer Dai­sher zum Redaktionsbesuch begleitete.

Daisher ist mit seinem Kader sehr zufrieden, auch wenn er dessen Leistungsfähigkeit mangels Vergleichsmöglichkeiten mit den anderen sieben Teams der ELF-Premierensaison nicht einzuschätzen vermag. „Aber mir gefällt der Charakter der Jungs, den ich bislang wahrgenommen habe“, sagt er. Edebali, Quarterback Jadrian Clark (26) und Linebacker Miguel Boock (28) traut er die wichtigsten Führungsrollen zu. „Alle weiteren Spieler möchte ich jetzt 14 Tage in Bewegung sehen, damit ich beurteilen kann, wie wir die vorhandenen Puzzleteile so zusammenfügen, dass daraus ein stimmiges Gesamtbild wird“, sagt er.

Trainingsgelände der Sea Devils in Bahrenfeld bald fertig

Da die gesamte Ausrüstung wegen coronabedingter Lieferprobleme noch in den USA lagert, wird erst Anfang Mai footballspezifisch mit Körperkontakt trainiert werden können. Dann soll auch das Trainingsgelände auf Naturrasen am Stiefmütterchenweg in Bahrenfeld bezugsfertig sein. Testspiele gegen GFL-Teams sind nicht möglich, da die ELF nach NFL-Regeln spielt. Stattdessen sind zwei Camps mit ELF-Konkurrenten geplant, die die Liga festlegt.

Die ersten Trainingseinheiten an diesem Wochenende finden in der Heimspielstätte, dem Stadion des Fußball-Oberligaclubs SC Victoria an der Hoheluft, auf Kunstrasen statt, anschließend haben die Hamburg Swans ihren Platz in Bergedorf zur Verfügung gestellt, solange er benötigt wird. „Dafür sind wir sehr dankbar, das zeigt den Zusammenhalt in der Hamburger Football-Familie“, sagt Max Paatz.

Hamburg Sea Devils haben schon zwei Fanclubs

Überhaupt spüre er von allen Seiten großes Interesse an dem Projekt. „Wir bekommen täglich bis zu 50 Anfragen nach Tickets“, sagt er. Zwei Fanclubs haben sich bereits gegründet, einem ist Coach Daisher spontan beigetreten. Auch Gespräche mit potenziellen Sponsoren stehen für Paatz regelmäßig an. Acht Unternehmen, die mittlere fünfstellige Beträge beisteuern, zählen schon zum Unterstützerkreis.

Lesen Sie auch:

Die DAK finanziert die Corona-Tests für die rund 80 Personen im Spieler- und Trainerteam, die zweimal pro Woche und vor jedem Spiel vorgeschrieben sind. Das Immobilienunternehmen Köhler & von Bargen stellt Wohnungen für die Importspieler und Daisher in Alsternähe zur Verfügung. Dazu gibt es den „Booster Club“, einen Zusammenschluss für Kleinsponsoren. Ein Hauptgeldgeber wird noch gesucht.

8000 Zuschauer dürften bei maximaler Auslastung ins Stadion Hoheluft

Die Höhe des Etats für die Premierensaison will Paatz nicht beziffern, „zumal vor allem wegen Corona ständig neue Posten dazukommen, die wir nicht auf dem Zettel hatten.“ Ein wichtiger Posten sind die Einnahmen aus dem Ticketing. 8000 Zuschauer dürften bei maximaler Auslastung ins Stadion Hoheluft, mit einer Zahl zwischen 2000 und 3000 zu jedem der fünf Heimspiele – je eins gegen die Gegner aus der eigenen Staffel plus zwei Interconference-Games – kalkuliert Paatz. „Wir wollen eine eigene Teststation am Stadion aufbauen und sind guter Dinge, dass wir diese Zahl erreichen“, sagt er. Fakt sei aber, dass die Liga dank des TV-Vertrags mit ProSieben auch ohne Zuschauer an den Start gehen würde.

Das jedoch wäre bitter, schon angesichts des Auftaktspiels, das am 20. Juni um 15 Uhr die Frankfurt Galaxy an die Hoheluft bringt. Ein Duell, das Erinnerungen an 2007 weckt, als die Sea Devils im World Bowl, dem Finale der damaligen NFL Europa, in Frankfurt die Galaxy mit 37:28 schlugen und sich den letzten NFLE-Titel sicherten. Kurz darauf schloss die NFL ihren Europa-Ableger. „Das ist für uns natürlich ein toller Start. Es wird das erste Livespiel im TV sein“, sagt Max Paatz. Der Ticketverkauf soll innerhalb der nächsten zehn Tage starten, sobald der gesamte Spielplan veröffentlicht wird. Dann wird auch die Internetpräsenz der Sea Devils online gehen. Bei Instagram haben die Hamburger bereits mehr als 11.000 Follower

Paatz will die Sea Devils am Millerntor auflaufen sehen

Den Plan, das Auftaktspiel im Stadion eines der Hamburger Fußball-Zweitligisten auszutragen, habe man wegen der unsicheren Lage verworfen. Perspektivisch träumt Max Paatz aber weiterhin davon, die Sea Devils am Millerntor auf St. Pauli auflaufen zu lassen. Coach Daisher schwebt vor, aus Heimspieltagen große Familienevents zu machen, wie er sie aus seiner Heimat kennt. „Wir wollen ein Team zum Anfassen sein. Wenn Corona besiegt ist, wäre es toll, wenn wir unseren Sport allen Hamburgerinnen und Hamburgern näherbringen könnten“, sagt er. Das wäre auch für ihn ein weiterer Grund, aufgeregt zu sein.