FC Schalke 04

Das Schalke-Beben: Königsblau wird sich radikal verändern

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Andreas Ernst
Schalke-Fans haben vor der Einfahrt zum Spielerparkplatz eine eindeutige Botschaft hinterlassen.

Schalke-Fans haben vor der Einfahrt zum Spielerparkplatz eine eindeutige Botschaft hinterlassen.

Foto: tt / ffs

Krisen-Klub Schalke 04 schmeißt am Sonntag fünf Verantwortliche raus. So ein Wochenende hat es in der Vereinsgeschichte noch nie gegeben.

Gelsenkirchen. Margret Wiescher zog es am Sonntag mit ihrem Mann Willi zum Trainingsgelände des FC Schalke 04. Als „Oma Schalke“ ist die 79-Jährige bekannt, und an einem Tag wie diesem, an dem der große, stolze Verein zu implodieren schien, wollte sie vor Ort sein. „Auch wenn es Richtung Zweite Liga geht, bleibe ich Schalkerin. Liebe kennt keine Liga“, sagte sie. Fans wie sie machen Mut, die Entscheidungen der Führungsgremien kaum noch. Fünf Gegentore gab es beim 1:5 (1:3) beim VfB Stuttgart am Samstag, . Ein solches Wochenende hat es in 116 Jahren Vereinsgeschichte noch nicht gegeben.

Vor einer Woche schien das 0:4 im Derby gegen Borussia Dortmund mit anschließenden Fan-Protesten schon der tiefste Tiefpunkt dieser tragischen Saison der Königsblauen gewesen zu sein. Neun Punkte haben sie erst gesammelt, von den vergangenen 39 Bundesliga-Spielen lediglich eins gewonnen. Die Bilanz eines Absteigers. Doch das neueste Drama begann erst nach dem Derby.

Schalke-Spieler forderten Ablösung des Trainers

Anfang der Woche hatten sich einige Führungsspieler um Kapitän Sead Kolasinac zur sportlichen Leitung begeben. Sie redeten vor allem über eine mögliche Ablösung von Christian Gross, der schon der vierte Trainer in dieser Saison war. Die taktischen Schwächen und das Coaching während der Spiele seien sehr schlecht, trugen die Spieler vor. Die Trainingsgestaltung des 66-Jährigen sei eintönig, zuweilen würde er Spielernamen verwechseln. Schneider hörte sich die Bedenken an, lehnte die Bitte der Spieler aber ab. Die gingen aber nicht zu Gross selbst, um auch ihm gegenüber offen zu sein, sondern trainierten weiter, bereiteten sich auf das Spiel beim VfB Stuttgart vor.

Schalke: Riether dementiert Revolte halbherzig

Von diesem offensichtlichen Vertrauensbruch erfuhr Gross erst am Spieltag durch die Medien. Kolasinac blieb aber dennoch Kapitän und stand in der Startelf. Etwas enttäuscht sagte Gross vor der Partie nur: „Wenn die Spieler etwas stört, sollen sie auf mich zukommen. Bisher ist das nicht passiert.“ Schneider sagte in Stuttgart gar nichts, schickte Teammanager Sascha Riether vor die Mikrofone. Der dementierte die Spieler-Revolte nur halbherzig. Im Anschluss verlor Schalke 1:5 – ein Debakel mit Ansage.

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Noch in der Nacht zum Sonntag schalteten sich die elf Aufsichtsräte in einer Telefonkonferenz zusammen. Und sie trafen folgenschwere Entscheidungen. Sportchef Schneider, der am Saisonende ohnehin gegangen wäre, flog mit sofortiger Wirkung raus. Schneider hatte im Sommer zu lange an dem schon in der Sommerpause umstrittenen Trainer David Wagner festgehalten. Auch die Entscheidung, Manuel Baum als Wagner-Nachfolger zu verpflichten, war falsch. Von zehn Spielen unter Baums Regie gewann Schalke keins. Dass Schneider Ende Dezember 2020 dann Christian Gross aus dem Ruhestand zurückgeholt hatte, war der letzte von vielen Fehlern.

Auch Gross musste gehen, ebenso der kürzlich erst geholte Co-Trainer Rainer Widmayer, Teammanager Sascha Riether und Athletiktrainer Werner Leuthard. Vor allem Leuthard war im Mannschaftskreis sehr umstritten. Ihm wird angelastet, dass die Verletztenliste so lang ist. „Die getroffenen Entscheidungen sind nach den enttäuschenden Auftritten gegen Dortmund und Stuttgart unausweichlich geworden“, sagte Aufsichtsrats-Chef Jens Buchta. Und so offen wie selten zuvor sprach er über den unabwendbar scheinenden Abstieg: „Wir brauchen nicht drumherum zu reden: Die sportliche Situation ist eindeutig, deshalb müssen wir bei jeder noch zu treffenden Personalentscheidung auch über die Saison hinausdenken.“

Und das ist nicht einfach. Am Sonntag konnte Schalke noch keinen Gross-Nachfolger präsentieren, niemand scheint den Abstieg abwickeln und den noch elf Spieltage dauernden Schrecken ohne Ende begleiten zu wollen. An diesem Montag werden die verbliebenen Assistenten die Einheit leiten. Athletiktrainer Quirin Löppert kümmert sich um die Fitness, von den Co-Trainern sind Onur Cinel, Naldo und Matthias Kreutzer noch da. Doch keiner aus dem Trio hat derzeit das Zeug dazu, Cheftrainer zu sein. Ex-Profi Naldo fehlt gar die passende Trainerlizenz.

Die sportliche Verantwortung übernimmt vorläufig Peter Knäbel, der Direktor der Nachwuchsabteilung „Knappenschmiede“. Die Aufgaben des Teammanagers erfüllt bis zum Saisonende Klub-Idol Gerald Asamoah, der sich eigentlich als Manager um die Regionalliga-Mannschaft der Schalker kümmert.

Schalke wird sich radikal verändern

Wie es im Sommer weitergeht, ist noch unklar. Die Zeit drängt, die Zweitliga-Vorbereitung beginnt in dreieinhalb Monaten. Der verbliebene Vorstand kratzt gerade jeden Euro zusammen, damit der neue Sportchef – wer immer es sein wird – einen brauchbaren Kader zusammenstellen kann. Im Juni wird wieder ein neuer Trainer beginnen, der den Wiederaufstieg schaffen soll – es wird der sechste in nur zehn Monaten sein. Etwa 15 Spieler werden den Klub verlassen, fünf Mandate des Aufsichtsrats stehen zur Wahl. Schalke wird sich radikal verändern.

Doch egal, was passiert – „Oma Schalke“ wird mit ihrem Mann weiter bei Wind und Wetter zum Vereinsgelände laufen. Ein paar Meter von ihrem Beobachtungsposten entfernt flatterten am Sonntagvormittag zwei Transparente im Wind. Auf dem einen prangte ein schwarzes Kreuz auf blauem Untergrund. Auf dem anderen stand schwarz auf weiß: „Bundesliga ade. Wir kommen wieder!“