Champions League

Rassismus-Eklat: Paris- und Istanbul-Profis setzen Zeichen

Lesedauer: 16 Minuten
Die Spieler von Basaksehir Istanbul und Paris Saint-Germain sowie das Schiedsrichterteam setzten vor Wiederanpfiff ein Zeichen gegen Rassismus.

Die Spieler von Basaksehir Istanbul und Paris Saint-Germain sowie das Schiedsrichterteam setzten vor Wiederanpfiff ein Zeichen gegen Rassismus.

Foto: Xavier Laine / dpa

Der Vierte Offizielle aus Rumänien soll Pierre Webo rassistisch beleidigt haben. Alles zum Eklat in der Champions League im Blog.

Paris/Hamburg. Der finale Spieltag der Gruppenphase in der Champions League wird von einem beispiellosen Rassismus-Vorwurf überschattet. Im Duell zwischen Paris Saint-Germain (PSG) und Başakşehir Istanbul soll der Vierte Offizielle Sebastian Colţescu (Rumänien) am Dienstagabend den Co-Trainer der Gäste rassistisch beleidigt haben.

Adressat Pierre Webo (Kamerun) hielt dem Schiedsrichter-Assistenten vor, ihn "Negro" genannt zu haben. Die Partie wurde nach einem Protest der Profis, die nach gespielten 15 Minuten den Innenraum des Stadion geschlossen verließen, beim Stand von 0:0 abgebrochen. Bereits am heutigen Mittwoch wurde das Spiel nachgeholt.

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Nach Rassismus-Eklat: PSG besiegt Basaksehir klar

Die Spielunterbrechung am Dienstag wegen des Rassismus-Skandals um den rumänischen Vierten Offiziellen Sebastian Colţescu hat Paris Saint-Germain in der Champions League auf dem Weg zum Gruppensieg nicht stoppen können. Mit einem Tag Verspätung setzte sich das Team von Coach Thomas Tuchel gegen Istanbul Basaksehir mit 5:1 (3:0) durch und verdrängte damit RB Leipzig in der Abschlusstabelle der Gruppe H noch von der Spitze.

In einer einseitigen Partie stellte der französische Meister schon vor der Pause die Weichen auf Sieg. Superstar Neymar traf in der 21. und 38. Minute, in der 42. Minute verwandelte Kylian Mbappé einen Foulelfmeter. Nach dem Seitenwechsel waren Neymar (50.) und Mbappé (62.) erneut erfolgreich, für die überforderten Gäste traf Mehmet Topal (57.).

Paris Saint-Germain gegen Basaksehir Istanbul – Höhepunkte

Webo darf trotz Roter Karte auf die Bank

Bei der Fortsetzung des am Dienstag abgebrochenen Spiels in der Champions League zwischen Paris Saint-Germain und Basaksehir Istanbul kann der mit einer Roten Karte bestrafte Istanbuler Co-Trainer Pierre-Achille Webo auf der Bank Platz nehmen. Wie PSG am Mittwoch auf seiner Homepage mitteilte, hat die Europäische Fußball-Union die Rote Karte ausgesetzt. „Der Assistenztrainer kann für das Spiel, das am Abend wiederholt wird, auf der Bank sitzen“, teilten die Pariser mit.

Der frühere kamerunische Nationalspieler Webo hatte in der ersten Halbzeit die Rote Karte gesehen. Dabei soll es zu der rassistischen Beleidigung durch den Vierten Offiziellen Sebastian Colţescu gekommen sein.

Vor Wiederanpfiff: Spieler setzen Zeichen gegen Rassismus

Bei der Erwärmung trugen Webo, die Spieler beider Teams sowie die Schiedsrichter weiße T-Shirts mit den Logos von PSG und Basaksehir und der Aufschrift „No to Racism“ (Nein zu Rassismus). Vor dem Anpfiff knieten die Spieler rund um den Mittelkreis nieder und hatten eine Faust erhoben. Die Geste gilt als Anti-Rassismus-Zeichen, das vom US-Footballprofi Colin Kaepernick initiiert wurde.

Vor dem Anpfiff am Mittwoch waren im Stadion Prinzenpark Transparente mit Botschaften gegen Rassismus aufgehängt worden, wie Fotos im Twitter-Account des Fernsehsender „beIN Sports“ zeigten. Darauf stand unter anderem „Unterstützung für M. Webo … Stolz auf die Spieler … gegen Rassismus“ und „Paris vereint gegen Rassismus“. Zudem war auf der Tribüne ein Banner mit den Logos beider Vereine und dem Slogan „No to Racism“ (Nein zu Rassismus) aufgespannt.

Cacau zum Rassismus-Vorwurf: "Neues Level"

Der DFB-Integrationsbeauftragte Cacau hat das Verhalten der Profis beim Spielabbruch in Paris als „angemessen und vorbildlich“ bezeichnet. „Wenn ich die Szene noch mal sehe und das höre, geht es mir schon sehr nahe“, sagte der 39 Jahre alte frühere Profi des VfB Stuttgart am Mittwoch bei Sky. Es sei erschreckend, dass die angebliche rassistische Beleidigung vom Schiedsrichter kam. „Das ist ein neues Level, wenn man es so sagen darf“, sagte Cacau.

Wegen der mutmaßlichen rassistischen Beleidigung durch den Vierten Offiziellen gegen Basaksehirs kamerunischen Assistenztrainer Pierre Webo hatten am Dienstagabend sowohl die Istanbuler wie auch Gastgeber Paris Saint-Germain den Rasen verlassen. „Am Ende bleibt für mich ein vorbildliches Handeln von den Personen und ein klares Zeichen“, sagte Cacau.

Pressestimmen: Rumänen stützen Colţescu

Die internationalem Medien verurteilen größtenteils die Vorgänge von Paris, die zu einer "surrealen Situation" ("Il Messaggero") führten. Eine rumänische Zeitung hebt indes das schwierige Jahr des beschuldigten Schiedsrichters Sebastian Colţescu hervor.

Uefa setzt Ethik- und Disziplinarinspektor ein

Die Uefa hat nach dem Spielabbruch in der Champions League einen Beauftragten für das Untersuchungsverfahren ernannt. Dieser namentlich nicht genannte Ethik- und Disziplinarinspektor werde die Vorfälle während der Partie zwischen PSG und Başakşehir prüfen. Weitere Informationen werde es „in Kürze“ geben, hieß es in der Mitteilung des Dachverbandes.

Sarpei fordert Handeln im Kampf gegen Rassismus

Der ehemalige ghanaische Nationalspieler Hans Sarpei fordert nach dem Eklat von Paris energischeres Handeln im Kampf gegen Rassismus. „Immer nur 'Say No To Racism' als Banner zu zeigen, ist schön. Aber das reicht nicht. Da muss mehr gemacht werden. Mehr Aufklärung, mehr Miteinander. Das muss mehr gelebt werden. Das wünsche ich mir“, sagte Sarpei im Gespräch mit Focus Online.

Dies sei wie in Deutschland beim DFB, „wenn die Spieler einmal im Jahr ein Trikot gegen Rassismus tragen. Da muss mehr gemacht werden. Denn das Problem ist, dass sich die Schwarzen immer rechtfertigen müssen. Es wird Zeit für einen “Act2unite'“, so Sarpei.

Seiner Meinung nach hätte man das Spiel in Paris „sofort abbrechen müssen, um die Sachlage zu klären und um klarzumachen, dass das einfach nicht geht. Es ist schade, dass die türkische Mannschaft das erst klarstellen musste, was passiert war“, sagte Sarpei. Natürlich treffe ihn das auch persönlich. „Aber die Sache ist, wie geht man damit um? Die Uefa hat es verpasst, das ganz klar zu kommunizieren. Das war ein Tiefschlag für die Champions League“, betonte Sarpei.

Rassismus: "Falscher" Colţescu entschuldigt sich

Der unter Rassismusverdacht stehende rumänische Schiedsrichter Sebastian Colţescu hat sich entgegen anderslautenden Berichten nicht in sozialen Medien für sein Verhalten beim Spiel in Paris entschuldigt. Der rumänische Fußball-Verband (FRF) teilte mit, dass der am Dienstag eingesetzte Vierte Offizielle keine Accounts bei sozialen Medien habe.

Die Deutsche Presse-Agentur hatte am Mittwoch zuvor unter Berufung auf einen angeblichen Twitter-Account unter dem Namen von Coltescu berichtet, er habe sich nach mutmaßlichen Rassismusvorwürfen gegen ihn entschuldigt.

„Meine Absicht war niemals Rassismus. In einer solchen Umgebung können Menschen ihre Gefühle manchmal nicht richtig ausdrücken und können missverstanden werden. Ich entschuldige mich im Namen der Uefa Champions League“, war dort zu lesen.

Über den Account wurden außerdem Anti-Rassimus-Tweets der PSG-Profis Presnel Kimpembe und Kylian Mbappé geteilt. Zuvor hatte der rumänische Verband bereits mit Konsequenzen gedroht, sollten sich die Anschuldigungen bewahrheiten (siehe auch früherer Eintrag).

Regierungssprecher verurteilt Rassismus

Nach den Ereignissen beim Champions-League-Spiel in Paris hat der französische Regierungssprecher Gabriel Attal Rassismus im Sport verurteilt. Er lobte zudem die Solidarität der Spieler von PSG und Başakşehir. „Jeglicher Rassismus ist nicht hinnehmbar“, sagte Attal im Sender CNews. Er wies auf die Untersuchung der Vorfälle durch die Uefa hin.

Initiative Schwarze Menschen: "Gutes Signal"

Der Verein Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) hat den Spielabbruch in Paris als „gutes Signal“ bezeichnet. „Es zeigt deutlich, dass es ganz viele Menschen gerade auch im Profifußball gibt, die sich gegen solche Äußerungen, gegen solche rassistischen Äußerungen stellen und auch da ganz klar machen, dass das mit ihnen nicht zu machen ist und dann natürlich auch das Spiel abgebrochen wird“, sagte ISD-Sprecher Tahir Della am Mittwoch.

Rumäniens Fußballverband distanziert sich

Nach den Rassismusvorwürfen gegen den rumänischen Schiedsrichter-Assistenten Sebastian Colţescu hat der rumänische Fußballverband (FRF) mit Konsequenzen gedroht, sollten sich die Anschuldigungen bewahrheiten.

„Der Rumänische Fußballverband distanziert sich mit Nachdruck von jeder Aktion oder Erklärung rassistischer oder fremdenfeindlicher Art“, hieß es in einer Stellungnahme am Mittwoch. Man habe die Vorgänge von Dienstagabend zur Kenntnis genommen und warte hierzu auf das Prüfungsergebnis der Uefa.

Neymar und Mbappé mit Statements

Neymar, Kylian Mbappé, Thilo Kehrer – in den Stunden nach dem abgebrochenen Spiel zeigten sich die PSG-Profis auch im Internet solidarisch. „Diskriminierung hat keinen Platz. Nicht im Fußball, nicht auf der Welt“, schrieb Nationalspieler Kehrer auf Instagram, Neymar veröffentlichte ein „BLACK LIVES MATTER“ (Schwarze Leben zählen) und von Mbappé hieß es: „Say no to Racism. M. Webo we are with you“ (Wir sind bei dir).

Nachdem das Team von Trainer Thomas Tuchel wie die Gegner das Feld verlassen und ein deutliches Signal gegen Rassismus gesetzt hatten, bewiesen die Pariser auch danach Haltung.

Rassismus: Auch Bundesligisten solidarisch

Başakşehir twitterte sofort nach dem Vorfall das Logo der Uefa-Kampagne „No to Racism – Respect“. In den sozialen Netzwerken bekundeten Tausende ihre Solidarität, auch deutsche Vereine wie Werder Bremen oder FC St. Pauli positionierten sich gegen Rassismus.

Ex-HSV-Profi Özcan hautnah dabei

Başakşehirs Mittelfeldspieler Berkay Özcan, im August fest vom HSV zum türkischen Meister gewechselt und gegen PSG in der Startelf, teilte bei Instagram ebenfalls die Anti-Rassismus-Kampagne der Uefa.

"N-Wort" im TV deutlich zu hören

Warum das nötig war? Der Assistenztrainer der Gäste, der frühere kamerunische Nationalspieler Pierre Webo, hatte in der ersten Halbzeit die Rote Karte gesehen, dabei soll es zu einer rassistischen Beleidigung durch den Vierten Offiziellen gekommen sein.

Sebastian Colţescu wurde vorgeworfen, eine rassistische Formulierung für Schwarze benutzt zu haben, die im Deutschen inzwischen mit dem Begriff „N-Wort“ umschrieben wird. Dieser Ausdruck war im leeren Prinzenpark-Stadion während der TV-Übertragung deutlich zu hören.

Colţescu verteidigt sich mit "negru"-Erklärung

Wie zudem zu hören war, soll das Schiedsrichter-Team aus Rumänien versucht haben, sich damit zu verteidigen, dass der Vierte Offizielle das rumänische Wort für Schwarzer (negru) benutzt habe und nicht das „N-Wort“.

Webo, der frühere Hoffenheimer Demba Ba und andere waren anschließend zu hören, wie sie lautstark darauf hinwiesen, dass die Schiedsrichter bei einem weißen Spieler auch nicht „der Weiße“ gesagt hätten, um diesen zu identifizieren.

Schiedsrichter hat Erfahrung mit Rassismus

Schiedsrichter Ovidiu Hategan, der versuchte, die Spieler zum Weitermachen zu bewegen, hatte schon mal mit Rassismus in einem Champions-League-Spiel zu tun. Vor sieben Jahren leitete er die Partie von Manchester City bei ZSKA Moskau, in der ihn Yaya Touré auf beleidigende Rufe aus dem Publikum aufmerksam gemacht hatte.

Hategan hatte die Vorfälle in seinen Spielbericht aufgenommen, aber ansonsten keine weiteren Maßnahmen eingeleitet. ZSKA hatte in der Folge im Heimspiel gegen den FC Bayern München auf einen Teil der Zuschauer verzichten müssen.

Nachholspiel: Uefa tauscht Schiedsrichter aus

Die Partie PSG gegen Başakşehir soll an diesem Mittwoch (18.55 Uhr) fortgesetzt werden. Die Uefa teilte mit, dass das komplette Schiedsrichter-Team ausgetauscht werde. Dieses solle die verbleibenden Minuten leiten.

Zum Einsatz kommen sollen nun der niederländische Schiedsrichter Danny Makkelie, 37, sowie sein Landsmann Mario Diks und der Pole Marcin Boniek als Assistenten. Als Vierter Offizieller wurde Bartosz Frankowski (Polen) nominiert.

Der Dachverband kündigte eine „gründliche Untersuchung“ an. Durch das 3:2 von RB Leipzig gegen Manchester United im Parallelspiel der Gruppe H ist Paris sicher im Achtelfinale, kann die Sachsen aber noch von Platz eins der Gruppe verdrängen.

Anti-Rassismus-Netzwerk: Abbruch "Zeichen"

Das „Fare“-Netzwerk gegen Diskriminierung sieht in den Ereignissen von Paris ein wichtiges Signal im Kampf gegen Rassismus. „Dass Başakşehir und PSG zusammen das Spielfeld verlassen haben, setzt ein Zeichen in Europa“, sagte der Fare-Geschäftsführer Piara Powar der Nachrichtenagentur AP. Viele Fußballprofis seien halbherzige Maßnahmen gegen Rassismus leid und mehr denn je gewillt, bei Vorfällen selbst ein Spiel zu unterbrechen.

„Wenn Offizielle nicht mit ihrem eigenen Verhalten Standards setzen können, dann kann man sich auch nicht darauf verlassen, dass sie mit Rassismus auf dem Platz oder den Tribünen umgehen können“, sagte Experte Powar. Das Fare-Netzwerk berät die Uefa bei der Strafverfolgung von Vorfällen wie denen in Paris.

Nach Angaben von Fare wird das Wort "negru" auch von Rumäniens staatlicher Anti-Diskriminierungsbehörde als rassistisch betrachtet, wenn ein Spieler über seine Hautfarbe angesprochen wird. „Da gibt es keine zwei Meinungen. Dieser Vorfall zeigt die Notwendigkeit für ein deutlich besseres Training der Offiziellen. Auch unbeabsichtigter Rassismus ist Rassismus“, sagte Powar.

Başakşehir-Fan Erdogan reagiert schnell

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verurteilte „die rassistische Aussage gegenüber Pierre Webo“ und teilte noch am Dienstagabend via Twitter mit: „Wir sind bedingungslos gegen Rassismus und Diskriminierung im Sport und in allen Lebensbereichen.“ Er glaube, dass die Uefa die notwendigen Schritte unternehmen werde, schrieb der Edelfan von Başakşehir.

Frankreichs Sportministerin lobt Spieler

Frankreichs Sportministerin Roxana Maracineanu lobte das Verhalten der Profis beider Teams. „Heute Abend haben Sportler, Athleten eine historische Entscheidung getroffen gegenüber einer Einstellung, die sie als inakzeptabel beurteilt haben“, schrieb die Ministerin am späten Dienstagabend bei Twitter. Sie warte die Ergebnisse der Untersuchung ab. „Aber ich kann die starke Symbolik ihrer Geste und ihrer Solidarität nur begrüßen.“

Nagelsmann über Vorfall: "Es ist traurig"

RB Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann bekam die Vorfälle im Parallelspiel zunächst nur am Rande mit. Er habe während der Partie gegen Manchester United (3:2) zunächst nur gehört, dass es „um Beleidigungen geht“, sagte er.

„Das verurteile ich aufs Schärfste. Wir leben in einer bunten Gesellschaft, das ist auch gut so. Das sollte jeder auch für gut befinden.“ Ein solcher Vorfall sollte nicht passieren, sagte der 33-Jährige. „Es ist traurig. Das gehört nicht auf den Fußballplatz, aber auch sonst nirgends hin.“