Rudern

Warum Tim Ole Naske die Corona-Zeit als „erholsam“ empfand

Tim Ole Naske (24) am Anleger seines Vereins RG Hansa an der Außenalster.

Tim Ole Naske (24) am Anleger seines Vereins RG Hansa an der Außenalster.

Foto: Roland Magunia

Der Hamburger Jugendolympiasieger freut sich über seine Versetzung. Doch auf die Aussagen des Verbands verlässt er sich nicht mehr.

Hamburg. Oft hat man sie gehört in den vergangenen Wochen, diese Klagen. Dass es unheimlich schwer sei, Motivation für das Training aufzubringen, wenn ein konkretes Ziel fehlt, empfinden viele Leistungssportler, denen der Ausbruch der Corona-Pandemie die Jahresplanung zerschlagen hat.

Ruderer Naske hat keine Motivationsprobleme

Tim Ole Naske dagegen kann mit dieser Art Problem überhaupt nichts anfangen. „Mir fällt es wirklich nicht schwer, mich fürs Training zu motivieren“, sagt der 24-Jährige von der Ruder-Gesellschaft Hansa, „ich versuche einfach, jede Einheit zu nutzen, um den Bundestrainer davon zu überzeugen, dass ich ins Team gehöre.“

Intrinsische, also von innen kommende Motivation nennt man so etwas, und Marcus Schwarzrock kann sich ein zufriedenes Schmunzeln nicht verkneifen, wenn er Athleten solche Dinge sagen hört.

„Toles Wettkampfhärte ist hervorragend, und er hat in den vergangenen Monaten sehr gut trainiert“, sagt der leitende Bundestrainer der männlichen Skuller-Nationalmannschaft.

Spaß am Sport dank Versetzung enorm gewachsen

Tatsächlich ist Naske, Spitzname Tole, ein Emotionsmensch, der seine Motivation vor allem aus zwei Dingen zieht: Sich jeden Tag verbessern zu wollen. Und Spaß an dem zu haben, was er tut.

Dieser Spaß ist enorm gewachsen, seit Schwarzrock und sein Trainerteam Anfang des Jahres beschlossen hatten, den Hamburger aus dem Doppelzweier, den er bei der WM 2019 in Linz (Österreich) mit dem Rostocker Stephan Krüger (31) für Olympia qualifiziert hatte, in den Doppelvierer zu versetzen.

Naske als Schlagmann für Olympia 2021 eingeplant

Das Paradeboot der Skuller, die im Gegensatz zu den Riemenruderern pro Hand ein Ruder bedienen, gewann 2012 in London sowie 2016 in Rio de Janeiro olympisches Gold und soll bei den in den nächsten Sommer verschobenen Spielen in Japans Hauptstadt Tokio das Triple schaffen.

Naske ist im Verbund mit Karl Schulze (32/Dresden), Hans Gruhne (31/Berlin) und Max Appel (24/Magdeburg) als Schlagmann eingeplant. Sofern keiner aus dem Quartett einen Leistungseinbruch erleidet, soll diese Besetzung auch für Olympia 2021 Gültigkeit behalten.

Schwarzrock: "Gute Alternativen im Kader"

„Wir wollen den Sportlern damit auch ein Stück Sicherheit geben. Natürlich ist jeder für seine Fitness verantwortlich, und es gibt immer gute Alternativen im Kader. Aber die Besetzung, mit der wir vor Corona für die Olympiasaison geplant haben, soll grundsätzlich bestehen bleiben“, sagt Schwarzrock.

Tim Ole Naske allerdings schenkt derlei Aussagen wenig Glauben. Der Juniorenweltmeister und Jugendolympiasieger im Einer ist ein gebranntes Kind, seit der Deutsche Ruderverband (DRV) 2018 den Ingolstädter Oliver Zeidler (23) an Naskes Stelle im Einer für die WM in Bulgarien nominierte, obwohl Naske deutscher Meister geworden war.

„Ich hatte schon einige böse Überraschungen, deshalb verlasse ich mich nicht mehr darauf, was im DRV gesagt wird. Meine Aufgabe ist, mich unentbehrlich zu machen. Und daran arbeite ich in jedem Training“, sagt er.

Tim Ole Naske hat sich im Doppelvierer voll integriert

Der Fakt, dass Zeidler im August 2019 Weltmeister wurde, unterstreicht indes, dass man im DRV nicht den schlechtesten Riecher für Bootsbesetzungen hat. Warum er sich für Naske als Schlagmann des Doppelvierers entschieden hat, erklärt Bundestrainer Schwarzrock mit der Wertschätzung für die Qualitäten des meinungsstarken Jurastudenten.

„Tole bringt sehr viele Skills mit, die im Doppelvierer gefragt sind, dazu ist sein Bootsgefühl hervorragend. Er hat sich bereits sehr gut in das Team integriert“, sagt er. Und das, obwohl Corona auch die Ruderer weit zurückgeworfen hat.

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach Nominierung kam die Zwangspause

Kurz nach der Nominierung kam die Zwangspause, die Tim Ole Naske in erster Linie auf dem Rennrad verbrachte. Rund 2000 Kilometer sei er innerhalb von sechs Wochen vorrangig am Elbdeich gefahren, „und ich muss sagen, dass ich diese Zeit sogar als ganz erholsam empfunden habe.“

Seitdem seit drei Wochen wieder am Stützpunkt in Ratzeburg und auf der Regattastrecke in Allermöhe vollumfänglich trainiert werden kann, hatte das Team zwei einwöchige gemein­same Trainingsblöcke.

"Schlagdynamik liegt mir besser als im Doppelzweier"

„Ich fühle mich im Doppelvierer sehr wohl, weil mir die Schlagdynamik, die wir fahren, besser liegt als im Doppelzweier. Das Wohlfühlen ist der Grund dafür, dass ich wieder deutlich mehr Spaß am Rudern habe“, sagt Tim Ole Naske, der trotz Olympia kein Urlaubssemester eingelegt hatte.

Er ist deshalb von Corona weniger betroffen ist als andere wie zum Beispiel Karl Schulze, der seine Wohnung in Hamburg bereits zu Ende Juni gekündigt hatte im Vorhaben, nach Olympia in seine Heimat Dresden zurückzukehren. Das ist nun hinfällig geworden.

Für mich hat Corona nicht viel verändert"

„Für mich hat Corona nicht viel verändert, außer dass es in diesem Jahr wohl keine Wettkämpfe geben wird“, sagt Naske. Die EM im Oktober in Posen (Polen) steht als einziger internationaler Termin noch im Kalender, sie hat aber keine Priorität, da die Skuller Ende August noch einmal drei Wochen Urlaub machen sollen.

„Wir können nicht ein Jahr durchpowern, sondern müssen die Trainingssteuerung jetzt darauf abzielen, dass wir in knapp 14 Monaten in Tokio auf dem Leistungszenit sind“, sagt Marcus Schwarzrock.

Internationale Weltcups nicht simulierbar

Tim Ole Naske hat sich damit abgefunden, auf Wettkämpfe noch etwas verzichten zu müssen. Interne Leistungsüberprüfungen werde es wohl geben, sagt er. „Aber einen internationalen Wettkampf wie Weltcup, EM oder WM kann man eh nicht simulieren.“

Also arbeitet er am Olympiastützpunkt in Dulsberg daran, im Kraftbereich Fortschritte zu machen und alles dafür zu tun, bereit zu sein, wenn es darauf ankommt. Wann immer das auch sein mag: Motivation wird ihm nicht fehlen.