Corona-Krise im Sport

"Populistisch": Rummenigge attackiert DFB-Boss Keller

Auslandspresse kritisiert DFL für fehlende Schweigeminute. Corona-Rekordstrafe in Spanien. Freude bei Sky und Werder.

Nach zehn Wochen Corona-Pause rollte an diesem Wochendende der Fußball in den Bundesligen wieder. Ein erster Schritt – doch ein Ende der Krise ist noch lange nicht im Sicht. Der Sport leidet weltweit unter den Folgen der Pandemie.

Die Entwicklungen am Sonntag, den 17. Mai 2020:

Bayern glanzlos beim Geister-Auftakt

Bayern München hat beim Bundesliga-Neustart seinen Vier-Punkte-Vorsprung vor Verfolger Borussia Dortmund verteidigt. Der Spitzenreiter setzte sich am Sonntagabend mit 2:0 (1:0) bei Union Berlin durch. Robert Lewandowski (40./Foulelfmeter) und Benjamin Pavard (80.) erzielten die Tore für die überlegenen Münchner.

Der Aufsteiger aus Berlin rutschte durch die Niederlage im praktisch leeren Stadion an der Alten Försterei vor dem Derby gegen Hertha BSC auf Rang zwölf hinter den Hauptstadtrivalen ab. Die Bayern erwarten Eintracht Frankfurt. Der Titelverteidiger hat nach dem 26. Spieltag weiter vier Punkte Zähler Vorsprung auf die Dortmunder, die am Vortag das Revierderby gegen den FC Schalke 04 mit 4:0 gewonnen hatten.

Rummenigge dankt und mahnt

Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge hat den deutschen Profifußball nach dem geglückten Wiederbeginn der Bundesliga zu weiterer Vorsicht aufgefordert. "Es ist wichtig, dass wir damit zufrieden sind, aber jetzt nicht locker lassen", sagte er vor Münchens Spiel bei Union Berlin (2:0) am Sonntagabend bei Sky. "Wir müssen auch in der Zukunft diszipliniert mit den Vorgaben der Politik umgehen."

Unter anderem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte den Neustart als Erfolg gewertet und gesagt, dass "das Experiment gelungen" sei. "Wir müssen uns bei der Politik sehr herzlich bedanken", sagte Rummenigge. "Erstmal, weil sie einen großartigen Job gemacht hat in der Coronavirus-Krise und damit uns auch die Möglichkeit gegeben hat, dass wir einen Restart konzeptionell in Anspruch nehmen konnten."

Auch die eutsche Fußball Liga erhielt von Rummenigge ein Lob: "Ich denke, der gestrige Tag hat gezeigt, dass die Liga gut gearbeitet hat. Die DFL hat hier einen großartigen Job gemacht.“

Der frühere Vorsitzende der Europäischen Clubvereinigung ECA wertete den Re-Start der Bundesliga auch als positives Signal für ausländische Ligen. "Alle waren glücklich, dass das in Deutschland so gut funktioniert hat und das lässt dann auch für die Kollegen in anderen Ländern hoffen, dass sie irgendwann den Spielbetrieb wieder aufnehmen dürfen", sagte Rummenigge.

Rummenigge attackiert DFB-Chef Keller

Über die Forderung von DFB-Präsident Fritz Keller nach mehr Demut im deutschen Profifußball zeigte sich Rummenigge wenig erfreut. "Vielleicht sollte man sich beim DFB mal einen Besen kaufen, um vor der eigenen Tür zu fegen, das wäre in dem Fall auch angebracht“, sagte der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern bei Sky. Er sei "irritiert über die – meiner Meinung nach populistische – Wortwahl von Fritz Keller“, sagte Rummenigge.

Der DFB-Boss hatte in einem "Spiegel"-Interview gesagt, man sehe nun, "wozu es führt, wenn die Neureichen, von denen einige auch in der Bundesliga am Ball sind, mit ihrem Geld herumprotzen. Diese Großkotzigkeit fällt uns allen auf die Füße. Das ist eine Katastrophe für das Image des Fußballs. Wir müssen uns damit befassen, wie es nach der Krise weitergeht. Mit mehr Demut, nah bei den Menschen."

Rummenigge sagte dazu: "Wenn wir eine Krise in den letzten Jahren hatten, dann war sie beim DFB zu suchen.“ Er würde sich wünschen, dass der DFB in der Corona-Krise seine "Hausaufgaben" mache. "Bis heute steht noch nicht fest, wann die Frauen-Bundesliga und die 3. Liga den Spielbetrieb wieder aufnehmen können. Jetzt ist es wichtig, dass auch die anderen uns folgen können", forderte der 64-Jährige.

Internationale Presse zu Bundesliga: Lob und Kritik

Mit "Deutschland als Kapitän" ist der Fußball zurück: Der Restart der Bundesliga nach der Corona-Zwangspause hat international ein großes Echo gefunden. Vor allem die Vorbildfunktion für die Profiligen weltweit wurde betont.

"Die Bundesliga stillt den Fußballhunger", schrieb die spanische Sportzeitung Sport, das brasilianische Blatt Zero Hora stellte fest: "Der Erfolg oder das Scheitern ihres Versuchs, die Meisterschaft zu Ende spielen zu wollen, dürfte für die Pläne der andere Ländern entscheidend sein."

Lesen Sie auch:

Bundesliga-Neustart: Ein Team hält sich nicht an Spielregeln

Doch es klang durchaus auch Kritik durch. "Die Bundesliga spielt den Vorreiter mit einigen Polemiken", kommentierte etwa Clarin (Argentinien): "Es gab keine Schweigeminute für die Verstorbenen, und einige vergaßen die Vorgaben und umarmten sich beim Torjubel."

Sky-Rekord zum Bundesliga-Restart

Der Wiederbeginn der Fußball-Bundesliga hat dem TV-Sender Sky eine Rekordquote beschert. Mehr als fünf Millionen Fans sahen die Liveübertragungen der Spiele am Sonnabend im TV und im Livestream. Das gab Sky am Sonntagnachmittag bekannt. Die insgesamt 5,36 Millionen Zuschauer bedeuteten nach eigenen Angaben die stärkste Reichweite der Sendergeschichte.

Lesen Sie auch:

3,81 Millionen schalteten am Sonnabendnachmittag bei der Konferenz und den Einzelspielen ein. Allein 2,45 Millionen verfolgten die frei empfangbare Konferenz bei Sky Sport News HD. Der Marktanteil am Nachmittag lag bei 27,2 Prozent. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen erreichte Sky sogar einen Marktanteil von 60,3 Prozent.

"Die überragenden Quoten zeigen, dass unser Sendungskonzept voll aufgegangen ist", jubelte Jacques Raynaud, Sport- und Vermarktungschef bei Sky Deutschland.

TV-Streit: DAZN überträgt Werder-Spiel

Am Sonntag wurde auch der TV-Blackout für den Montagabend abgewendet. Die Live-Übertragung der Partie Werder Bremen gegen Bayer 04 Leverkusen werde im Streamingdienst DAZN gezeigt, teilte die DFL via Twitter mit. "Hinsichtlich weiterer Spiele befindet sich die DFL in Gesprächen.“

Lange Zeit stand eine Übertragung der letzten Partie des 26. Spieltags auf der Kippe. Hintergrund des Problems ist ein Streit um den TV-Vertrag zwischen dem Konzern Eurosport/Discovery und der DFL.

DAZN hat eine Sublizenz vom Spartensender Eurosport erworben, der sich in der bisher letzten Ausschreibung die Rechte für insgesamt 40 Punktspiele live gesichert hatte: für die 30 Bundesliga-Partien am Freitag, jeweils fünf am Sonntag und Montag.

Spanien: Rekordstrafe für Corona-Verstoß

Angreifer Pione Sisto vom spanischen Fußball-Erstligisten Celta Vigo wurde wegen eines Verstoßes gegen die nationalen Lockdown-Regeln zur Kasse gebeten. Wie mehrere spanische Medien übereinstimmend berichten, war der 25-Jährige trotz der strikten Ausgangssperre zwischenzeitlich über 3000 Kilometer in sein Heimatland Dänemark gefahren und muss dafür nun eine vereinsinterne Rekordstrafe von 60.000 Euro zahlen.

Der Flügelstürmer sei nach Medienberichten bereits am 27. März nach Skandinavien gereist und erst am 6. Mai wieder nach Vigo zurückgekehrt. Dort kann der dänische Nationalspieler allerdings noch nicht wieder am Kleingruppentraining teilnehmen, da nach Informationen der Sportzeitung Marca das Ergebnis seines Coronatests noch nicht vorliege.

Die spanischen Clubs arbeiten seit anderthalb Wochen unter strengen Hygienevorschriften wieder auf den Platz, ab Montag dürfen die Trainingsgruppen auf zehn Personen vergrößert werden.

1. FC Köln schaltet Geißbock virtuell zu

Geißbock Hennes IX. hatte Stadionverbot, dennoch war er beim ersten Geisterspiel des 1. FC Köln in der Fußball-Bundesliga dabei. Der FC schaltete das Maskottchen beim Spiel gegen den FSV Mainz 05 (Endstand: 2:2) über einen zum Spielfeld gerichteten Bildschirm via Videoschalte aus dem Kölner Zoo zu.

Normalerweise läuft der Geißbock einige Minuten vor dem Anpfiff zur Musik des Boxer-Films "Rocky" ins Stadion ein. Weil das DFL-Hygienekonzept auch ein Maskottchenverbot vorsieht, muss der FC erstmals seit 2008 ohne einen lebenden Geißbock im Stadion auskommen. Damals verpasste Hennes VII. wegen einer Arthrose Siege gegen Hoffenheim (3:1) und auch gegen Mainz (2:0).

Zudem kann der FC auf mehr als 1000 Glücksbringer vertrauen. Dauerkarten-Besitzer hatten die Möglichkeit, dem Verein ihre Glücksbringer auszuleihen. Rund 1300 – von zahlreichen Trikots über Schals bis zu Teddybären – waren bis zum Spieltag eingegangen und wurden auf der Osttribüne drapiert. Die Aktion läuft weiter.

Fanvertreter halten an Duldung fest

Die Fan-Interessensvertretung "Unsere Kurve" hält auch nach dem Neustart ohne große Zwischenfälle an ihrer grundsätzlichen Position zu Geisterspielen fest. Die Organisation knüpft eine vorübergehende Akzeptanz von Partien ohne Stadionpublikum an Bedingungen.

"Fußball ohne Fans kann nur eine vorübergehende Erste-Hilfe-Maßnahme zum Abschluss der Saison sein, um die finanzielle Existenz von Vereinen zu sichern. Dies aber nur dann, wenn umgehend notwendige Reformprozesse eingeleitet werden“, hieß es dazu in einem Statement vom 4. Mai. "An dieser grundsätzlichen Meinung hat sich nichts geändert“, sagte Vorstandsmitglied Rainer Vollmer am Sonntag. "Wir dulden das, wenn es unbedingt sein muss", ergänzte er.

Nicht verwundert ist Vollmer, dass es vor den Stadien ruhig geblieben war. "Alle Fans haben sich, wie auch vorher angekündigt, zurückgehalten“, sagte er. "Das haben wir nicht anders erwartet."

Wie "Unsere Kurve" hatten auch andere Fanorganisationen in der Corona-Krise einen grundlegenden Wandel im Profifußball gefordert. Die "Fanszenen Deutschlands“ hatten sich noch deutlicher gegen Geisterspiele positioniert und die Wiederaufnahme des Spielbetriebs als "nicht vertretbar" bezeichnet.

Söder: DFL wird bei Torjubel "nachschärfen"

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erwartet präzisierte Verhaltensregeln für Bundesliga-Profis beim Torjubel. "Die Liga wird noch mal nachschärfen, da bin ich relativ sicher, um das klarer zu machen", sagte der CSU-Chef im "Doppelpass" (Sport1). Hertha BSC hatte es am Sonnabend beim 3:0 gegen Hoffenheim mit dem von der DFL empfohlenen kontaktlosen Jubel recht locker genommen. Strafen drohen dafür nicht.

Natürlich verstehe er das Verhalten der Fußballer nach schwierigen Wochen, sagte Söder. Aber er mahnte: "Der Fußball hat eine extreme Vorbildfunktion in jeder Beziehung." Söder war im Vorfeld einer der Befürworter des Liga-Neustarts auf politischer Ebene. "Es war Spitz auf Knopf, dass es überhaupt möglich war", erinnerte der 53-Jährige.

Politiker debattieren über Fan-Rückkehr

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und sein sächsischer Amtskollege Michael Kretschmer (CDU) halten begrenztes Publikum in den Arenen in der neuen Saison wieder für möglich. "Nach der Sommerpause müssen wir klären, ob Stadion auch mit weniger Abstand geht, weil die Infektionsrate so niedrig ist und es eine Kontaktnachverfolgungs-App gibt, falls doch ein Infizierter dort war, erklärte Weil der Bild am Sonntag.

Bayerns Landeschef Söder indes will sich noch nicht auf einen Zeitpunkt für eine Fan-Rückkehr festlegen. "Das ist die Grundsatzfrage nach Planungssicherheit, die alle stellen. Mit Corona kann man keinen Deal machen“, sagte er bei Sport1. "Wenn wir keinen Rückfall haben, wenn wir keine zweite Welle bekommen, dann ist vieles mehr möglich." Ohne Impfstoff und Medikamente bleibe es aber "eine Herausforderung".

"Skandal": Drittliga-Chef sauer auf Abbruch-Befürworter

In der sich gerade etwas beruhigenden Debatte über die Fortsetzung der 3. Liga wirft deren Ausschuss-Chef einigen Vereinen eine bewusste Hinhalte-Taktik vor. Dem MDR sagte Tom Eilers, dass es sich die Clubs die mögliche Verlängerung der Saison bis in den Juli "selbst eingebrockt" hätten. "Aus meiner Sicht ist das bewusst so gewesen, dass einige Clubs sagen, wir können noch nicht wieder anfangen, dies und jenes klappt nicht, wir können dies und jenes nicht", sagte der Jurist in der Sendung "Sport im Osten".

Der DFB hatte am Freitag bekanntgegeben, dass der geplante Neustart der 3. Liga am 26. Mai nicht haltbar sei, da noch nicht alle Mannschaften ins volle Training einsteigen konnten.

Vor allem das Hygienekonzept wurde als Hindernis der Clubs angegeben, die die Spielzeit vorzeitig beenden wollen. Eilers, Präsidiumsmitglied von Zweitligist Darmstadt, betonte, dass allen Drittligisten ausreichend Geld zur Verfügung gestellt worden sei und dass es eher am Fleiß mangele. "Im Moment ist es äußerst unsolidarisch, was einige Clubs hier machen, die den Willen der Mehrheit bewusst ignorieren und untergraben. Das ist persönlich ein Skandal, muss ich sagen, und das führt dazu, dass die Liga selber sich extremst schlecht verkauft", sagte Eilers.

Allerdings dürfen einige Clubs nicht trainieren, denn in Sachsen-Anhalt (bis 27. Mai) und Thüringen (bis 5. Juni) sind vorerst Mannschaftstraining und Wettkämpfe von den Behörden verboten worden. Das betrifft den 1. FC Magdeburg, den Halleschen FC und Carl Zeiss Jena, alle Befürworter des Abbruchs. Diese Clubs hatten vorgeschlagen, die 3. Liga mittelfristig auf 22 Teams aufzustocken. Darüber soll auf dem DFB-Bundestag am 25. Mai abgestimmt werden.

Premier League: "Im Supermarkt höheres Risiko"

Teammanager Steve Bruce vom englischen Erstligisten Newcastle United sieht keine gesundheitlichen Probleme bei der Rückkehr des Fußballs. "Bei den Maßnahmen, die eingeführt werden, ist man beim Besuch im Supermarkt oder beim Tanken des Autos wahrscheinlich einem höheren Risiko ausgesetzt“, sagte Bruce dem Sunday Telegraph.

Sorgen macht sich der 59-Jährige wegen der kurzen Vorbereitungszeit: "Wir brauchen mindestens sechs Wochen. Ich weiß nicht, wie wir bis Ende Juni die Spiele spielen sollen." Die Spieler müssten in Form kommen, "man muss bedenken, dass sie acht Wochen Pause hatten und das vermutlich die längste Unterbrechung in ihrer Karriere war".

Bruce hofft auf einen baldigen Trainingsbeginn: „Wir werden am Sonntag getestet, alle Spieler und Mitarbeiter. Wenn wir die Ergebnisse haben und jeder okay ist, fangen wir voraussichtlich mit dem Training am Dienstagmittag an."

Labbadia: Derby-Vorbereitung mit Sohn

Die Vorbereitung auf das brisante Berlin-Derby am Freitag gegen den 1. FC Union beginnt für Hertha-Trainer Bruno Labbadia gemeinsam mit seinem Sohn. Beide wollten sich das Heimspiel der Eisernen am Sonntagabend gegen Bayern München gemeinsam im TV anschauen.

"Klar, dass ich mir das Spiel direkt angucke, das ist eine gute Zeit", sagte Labbadia in einer Videokonferenz mit Journalisten. Sein Sohn sei gerade in der Stadt, und: "Der guckt auch gerne Fußball."