Pferdesport

Nisse Lüneburg: Besuch beim Reiter des Jahres

Nisse Lüneburg mit seinem Spitzenpferd Cordillo, mit dem er 2019 das Deutsche Springderby in Hamburg gewann.

Nisse Lüneburg mit seinem Spitzenpferd Cordillo, mit dem er 2019 das Deutsche Springderby in Hamburg gewann.

Foto: Michael Rauhe

Er gewann in der Saison 2019 nicht nur das Springderby, sondern auch die Riders Tour. 2020 möchte er sich noch weiter verbessern.

Wedel. Ein elektrisches Metalltor schirmt den Magdalenenhof in Wedel vor neugierigen Besuchern ab. Wer sich anmeldet für einen Termin mit dem Gestütsleiter, dem wird aber prompt geöffnet. Und wenn das Tor aufgleitet und den Blick freigibt auf das weitläufige Reitareal, das eine gut 30-minütige Fahrt von der Hamburger Innenstadt ins westliche Umland entfernt liegt, taucht sie unweigerlich auf, diese Frage: Warum braucht jemand, der hier jeden Tag arbeiten darf, überhaupt Urlaub?

Nisse Lüneburg, seit seinem Abitur am Uetersener Ludwig-Meyn-Gymnasium vor elfeinhalb Jahren Gestütsleiter und Chefbereiter auf der im Besitz der Familie Herz befindlichen Anlage, zeigt sein herzliches, etwas schiefes Grinsen, das alle Pferdesportfans kennen. Natürlich weiß er, wie idyllisch sein Arbeitsplatz gelegen ist. Aber weil jeder Mensch Urlaub braucht, weiß er auch, dass die Frage nicht ganz ernst gemeint war. Und wenn sich jemand den einwöchigen Skiurlaub in Österreich verdient hat, aus dem er vor ein paar Tagen zurückgekehrt ist und der tatsächlich nicht als Belohnung gedacht, sondern schon seit einigen Monaten geplant war, dann Nisse Lüneburg. Schließlich hat der 31-Jährige vor zwei Wochen einen ganz besonderen Triumph gefeiert.

Sieg auf der Riders Tour ist Bestätigung für harte Arbeit

Beim erstmals im Rahmen der VR Classics in Neumünster ausgetragenen Finale der Riders Tour, Deutschlands wichtigster nationaler Springreitserie mit sechs Stationen, sicherte sich der im Kreis Pinneberg geborene und aufgewachsene Topreiter den Titel „Rider of the Year“, zum ersten Mal in seiner Karriere. Und obwohl Nisse Lüneburg dreimal im Deutschen Springderby in Klein Flottbek ganz oben stand, misst er dem Sieg in der Riders-Tour-Gesamtwertung große Bedeutung bei. „Das ist für mich ein absolut besonderer Titel, weil er eine Gesamtleistung über das ganze Jahr honoriert. So ein Titel bleibt für immer, und er ist eine tolle Bestätigung für sehr viel harte Arbeit“, sagt er.

Man darf diese Worte durchaus als Gefühlsausbruch bezeichnen für einen wie Nisse Lüneburg, der als bodenständig, zurückhaltend und beileibe nicht als Lautsprecher gilt. Den Triumph in Neumünster, wo ihm im Sattel von Luca Toni ein achter Rang im Großen Preis zur Verteidigung seiner Spitzenposition genügte, betrachtet er „als Krönung einer richtig starken Saison 2019, in der für mich wirklich alles gut gelaufen ist“. Lüneburg gewann die Riders-Tour-Etappe in Paderborn, aber allem voran steht natürlich der dritte Derbysieg, der ebenfalls für die Riders-Tour-Wertung zählte und ein ganz besonderer war.

Die ganze Familie ist mit von der Partie

2012 und 2014 hatte er mit Calle Cool triumphiert, 2019 nun mit dem damals elfjährigen Holsteiner Cordillo. „Calle hatte deutlich mehr Qualität als Cordillo“, sagt Nisse Lüneburg über sein einstiges Paradepferd, das im Besitz des benachbarten Moorhofes von Carsten-Otto Nagel ist und dort auch sein „Rentnerdasein“ genießt. „Als er 2015 in Ruhestand ging, wusste ich nicht, ob ich jemals wieder ein gutes Derbypferd haben würde. Umso schöner war es deshalb, es auch mit Cordillo geschafft zu haben.“ Wem es mit einem zweiten Pferd gelingt, in der prestigeträchtigen Prüfung mit Großem Wall und Pulvermanns Grab die Nummer eins zu sein, der wird auch im Kollegenkreis mit ganz anderen Augen gesehen. „So etwas wird schon wahrgenommen“, klingt derlei Wertschätzung in Nisse Lüneburgs Worten.

An den Triumphen des erfolgreichsten Sprösslings nahm, wie es in der pferdeverrückten Welt der Lüneburgs üblich ist, die ganze Familie Anteil. Mutter Karin und Vater Jan, der seit vergangenem Jahr nicht mehr als Mediziner praktiziert und umso mehr Zeit in den Familienhof Idenburg in Hetlingen investieren kann, waren in Neumünster vor Ort. Auch die Brüder Rasmus, der den Familienhof seit einigen Jahren leitet, und Finn, als einziger kein aktiver Reiter, sowie die Schwestern Rike (Ärztin in Hamburg) und Jule (selbstständige Sportpsychologin in Halstenbek) feierten mit. „Dieser Rückhalt gibt mir viel und hat großen Anteil am Erfolg“, sagt Nisse Lüneburg.

Seine Einstellung, sich permanent verbessern zu müssen, um dauerhaft erfolgreich zu bleiben, könnte in diesem Jahr auf eine harte Probe gestellt werden, denn eine Saison wie die vergangene noch zu toppen, das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Nisse Lüneburg scheut sie mitnichten. „Im Gegenteil, für mich ist das Ansporn und Motivation. Und ich glaube, dass 2020 einiges möglich ist“, sagt er. Als Riders-Tour-Sieger ist er in diesem Jahr bei allen Großen Preisen startberechtigt. „Zu wissen, dass ich mich nirgends qualifizieren muss, erleichtert die Turnierplanung und erlaubt mir eine optimale Belastungssteuerung für meine Pferde und mich“, sagt er.

DM, Derby und CHIO sind die Höhepunkte der Saison 2020

In dieser Woche bei den Löwen Classics in Braunschweig und in der Woche darauf beim Signal Iduna Cup in Dortmund beschließt Nisse Lüneburg die Hallenserie. Danach beginnt die Vorbereitung auf die Freiluftsaison, die für ihn Ende April bei „Horses & Dreams“ in Hagen am Teutoburger Wald startet. Weitere Meilensteine sind die deutschen Meisterschaften in Balve (7. bis 10. Mai), die Hamburger Derbywoche (20. bis 24. Mai) und das CHIO in Aachen (29. Mai bis 7. Juni). Die Olympischen Spiele in Tokio (24. Juli bis 9. August) dagegen wird er nur als Fan am Fernseher verfolgen. „Wir sind in Deutschland so stark besetzt, dass das kein Ziel für mich ist. Luca Toni kann zwar jeden Großen Preis springen, aber wir sind nicht konstant auf so hohem Niveau unterwegs, dass wir in die Bundeskader gehören. So realistisch muss ich sein“, sagt er.

Ein Realismus ist das, der Nisse Lüneburg weiter gebracht hat, als er es selbst geglaubt hätte. „Als ich anfing mit dem Sport, waren ein Derbytriumph oder der Riders-Tour-Gesamtsieg zwar Träume, aber keine realistischen Ziele. Deshalb bin ich sehr glücklich mit dem, was mein Team und ich erreicht haben“, sagt er. Mit seinen rund zehn Mitarbeitern will er auf dem Magdalenenhof weiter daran arbeiten, junge Pferde zu züchten und zu verkaufen, aber vor allem zu starken Turnierpferden für den Eigenbedarf aufzubauen. Deshalb sei das wichtigste Ziel für das Jahr 2020 auch kein persönliches. „Es hängt ein ganzer Stall an dem, was wir uns erarbeiten. Dessen Entwicklung steht im Vordergrund“, sagt er.

Das Metalltor schließt sich, der Gestütsleiter hat den nächsten Termin. Und der Besucher die Gewissheit, dass hinter der Urlaubsidylle des Magdalenenhofs eine Menge harter Arbeit steckt.