Nach Kampf in Hamburg

Sperre ignoriert: War der Tod eines Boxers vermeidbar?

Der Argentinier Santillan war nach seiner Niederlage gegen Harutyunyan in Hamburg schwer gezeichnet und hätte länger pausieren müssen.

Der Argentinier Santillan war nach seiner Niederlage gegen Harutyunyan in Hamburg schwer gezeichnet und hätte länger pausieren müssen.

Foto: Witters

Nach dem zweiten Todesfall innerhalb weniger Tagen ist das Entsetzen im deutschen Box-Lager groß, zumal fahrlässig gehandelt wurde.

Berlin/Hamburg. Nach dem zweiten Todesfall in wenigen Tagen steht der Boxsport wieder am Pranger – doch die Verantwortlichen in Deutschland wehren sich. Die beiden tragischen Fälle wären zu vermeiden gewesen, glauben führende Vertreter des deutschen Profiboxens.

„Das ist ganz schlimm. Doch in beiden Fällen wurde fahrlässig gehandelt, das hätte nicht passieren müssen“, sagte Präsident Thomas Pütz vom Bund Deutscher Berufsboxer (BDB). Und auch Kulttrainer Ulli Wegner war entsetzt: „Da ist jemand seiner Verantwortung nicht gerecht geworden.“

Am Dienstag war der russische Superleichtgewichtler Maxim Dadaschew nach dem Kampf gegen Subriel Matias (Puerto Rico) in Maryland/USA seinen Kopfverletzungen erlegen. Der 28-Jährige hatte zuvor beim Fight schwere Kopftreffer hinnehmen müssen und war nach einer zweistündigen Not-OP ins künstliche Koma versetzt worden.

Verstorbener Boxer war eigentlich gesperrt

Zwei Tage später wurde bekannt, das der argentinische Superleichtgewichtler Hugo Alfredo Santillan in Buenos Aires verstarb. Der 23-Jährige hatte in der argentinischen Hauptstadt gegen Javier Abreu (Uruguay) gekämpft und ebenfalls schwere Treffer einstecken müssen. Der Kampf endete remis, Santillan war schwer gezeichnet, brach nach Bekanntgabe des Ergebnisses zusammen und starb später an Organversagen.

Dabei hätte Santillan gar nicht boxen dürfen. Erst am 15. Juni hatte der Gaucho bei einem Kampfabend in Hamburg gegen den deutschen Olympia-Dritten Artem Harutyunyan eine schwere Niederlage eingesteckt und war daraufhin vom BDB mit einer Schutzsperre bis zum 30. Juli belegt worden.

„Das ist absoluter Wahnsinn, ihn wieder so schnell boxen zu lassen“, sagte Pütz. Hier habe der argentinische Boxverband, der die Aufsicht über die Kämpfe in seinem Land habe, „völlig versagt“. „Ich kann verstehen, dass die Boxer gerne schnell wieder in den Ring wollen, um Geld zu verdienen. Aber da muss der Verband einschreiten“, sagte Pütz.

Stand Dadaschew zu lange im Boxring?

Auch Wegner, der etliche seiner Schützlinge in den letzten Jahrzehnten zu Weltmeistern geformt hat, zeigte für so ein Vorgehen keinerlei Verständnis. „Dafür ist die Sperre ja da. Sie schützt zum Beispiel auch uns Trainer, die die Verantwortung für die Boxer haben, vor falschen Entscheidungen“, meinte der 77 Jahre alte Berliner Meistercoach.

Auch im Falle des russischen Boxers Dadaschew habe die Ecke des Kämpfers versagt. „Er hätte viel eher aus dem Kampf genommen werden müssen. Dafür sind seine Trainer und Betreuer, aber auch die Ringrichter verantwortlich, die dann einen Kampf abbrechen müssen“, meinte Pütz.

In Deutschland habe es nach Einschätzung von Pütz schon lange keinen Todesfall mehr gegeben, wenn der BDB die Verantwortung für einen Kampf getragen hat. „Wir haben mittlerweile harte Auflagen. Nach einem K.o. müssen sich die Sportler medizinisch untersuchen lassen. Das ist wichtig“, erklärte der BDB-Boss. „Da wird mittlerweile in Deutschland genau hingeguckt und sehr gewissenhaft gearbeitet. Das ist für unseren Sport enorm wichtig“, meinte auch Wegner.