Nervenkrankheit

Radsprinter André Greipel: Mein Engagement gegen ALS

Radrennfahrer André Greipel in der HafenCity.

Radrennfahrer André Greipel in der HafenCity.

Foto: Oliver Vonberg

Bei den Cyclassics bringt er ein eigenes Team an den Start. Es soll die Nervenkrankheit bekannt machen, an der seine Mutter starb.

Hamburg.  Den Osterurlaub in seinem Ferienhaus in Rerik, 35 Kilometer westlich seiner Geburtsstadt Rostock an der Ostsee gelegen, hat André Greipel gern unterbrochen. Der 36-Jährige vom Team Arkéa-Samsic, der seit Jahren zu den weltbesten Radsprintern zählt, ist das Gesicht der EuroEyes Cyclassics 2019 und will am 25. August in Hamburg ein 20-köpfiges Team aus Breitensportlern an den Start bringen, um auf seine Kampagne „Fight against ALS“ hinzuweisen.

Seit seine Mutter 2017 an der unheilbaren Nervenkrankheit starb, unterstützt Greipel die Arbeit des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Rostock, das als führend in der ALS-Forschung gilt. Um sein Anliegen zu bewerben, war der Cy­classics-Sieger von 2015 am Mittwoch in Hamburg unterwegs.

Hamburger Abendblatt: Herr Greipel, Sie haben das Leid Ihrer Mutter hautnah erlebt. Was können Sie persönlich tun, um den Kampf gegen ALS voranzutreiben?

André Greipel: Ich habe in den drei Jahren, die zwischen der Diagnose und dem Tod meiner Mutter lagen, mitbekommen, wie wenig über ALS bekannt ist. Das hat mich schockiert. Menschen fliegen zum Mond, aber über eine unheilbare Krankheit steht in den Büchern, die Medizinstudenten nutzen, gerade mal eine Seite. Das kann ich nicht verstehen, und ich möchte helfen, das zu verändern.

Und das tun Sie, indem Sie auf die Krankheit aufmerksam machen?

Greipel: Richtig. Ich nutze meine Bekanntheit über den Sport dafür, aber auch, um Forschungsstellen, die voneinander manchmal nichts wissen, zu vernetzen. Alle Gelder, die ich über meine Internetseite oder über Aktionen wie das in Hamburg geplante Team sammle, gehen zu 100 Prozent über das DZNE an die Uniklinik Rostock, die sich in der ALS-Forschung stark engagiert. Voraussichtlich kann man sich von Anfang Mai an für das Team „Fight against ALS“ bewerben.

Wie sind die Reaktionen auf Ihr Engagement aus dem Kreis der Radsportkollegen?

Greipel: Die Reaktionen sind durchweg positiv. Viele schreiben mich privat an, wenn sie Fragen haben oder Anregungen. Das leite ich alles weiter an das DZNE, die haben die nötige Expertise. Ich selbst wusste über ALS auch gar nichts, bevor meine Mutter erkrankte.

ALS ist eine Erbkrankheit. Wie groß ist Ihre Sorge, selbst daran zu erkranken, und ist das auch die Triebfeder dafür, dass Sie sich nun so stark engagieren?

Greipel: Es ist nur zum Teil eine Erbkrankheit, und meine Mutter hatte die nicht vererbbare Variante. Das hat sie sofort testen lassen. Insofern mache ich mir überhaupt keine Sorgen, dass es mich auch treffen könnte. Ich engagiere mich in erster Linie, weil ich das Vermächtnis meiner Mutter weiterführen will, die sich sofort nach der Diagnose für die Forschung zur Verfügung gestellt hat. Das Ziel ist, dass die Krankheit früher erkannt und irgendwann einmal auch geheilt werden kann.

Radsportler gelten als sehr schmerzresistent und hart im Umgang mit dem eigenen Körper. Was finden Sie schlimmer: selbst krank zu sein oder einen geliebten Menschen krank zu sehen?

Greipel: Ich habe deutlich mehr Probleme damit, andere Menschen leiden zu sehen. Aber geht das nicht jedem so?

Nicht jedem. Denken Sie nur an die schlimme Männergrippe, die viele angeblich harte Jungs leiden lässt …

Greipel: Davon gibt es im Radsport tatsächlich kaum jemanden. Ich bin auch eher der Typ, der über Schmerzen hinweggeht, um das nächste Training mitmachen zu können. Wobei ich nach vier Schulteroperationen und meinem fünffachen Schlüsselbeinbruch im vergangenen Jahr gelernt habe, mir die nötige Zeit zu nehmen, um vollständig fit zu werden. Als Sprinter muss ich besonders aufpassen, dass ich nach einem Bruch nicht zu früh wieder Rennen fahre, denn das könnte verheerend sein, wenn man auf einen nicht ordentlich verheilten Bruch gleich wieder draufstürzt.

Gehen Sie mit dem eigenen Körper wertschätzender um, seit Sie Ihre Mutter verloren haben? Lernen Sie durch Ihr Engagement gegen ALS die Gesundheit als höheres Gut schätzen?

Greipel: Nein, ich trenne das. Die Erkrankung meiner Mutter werte ich als Schicksal, ich glaube daran, dass jeder Mensch sein eigenes Schicksal hat. Ich versuche nicht erst seit ihrem Tod, jeden Tag so gut und bewusst zu leben, wie es möglich ist.

Umso erstaunlicher ist es dann, dass Sie sich immer noch in Massensprints bei höchster Geschwindigkeit stürzen. Blenden Sie komplett aus, wie gefährlich das ist?

Greipel: Das muss man, anders geht es nicht. Wir sind, was das angeht, bekloppt. Augen auf und durch! Andererseits ist der Sprint für Profis so wie Tetris zu spielen. Alles bewegt sich, jeder findet seine Lücke. Ich bin aber ruhiger geworden. Das liegt auch daran, dass der Respekt unter den Fahrern deutlich weniger geworden ist und auf der Zielgeraden rücksichtslos gedrängelt wird.

Gibt es unter Radsportlern welche mit Spritzenphobie? Wer vorm Blutabnehmen Angst hat, sollte angesichts der vielen Dopingkontrollen eher nicht Radprofi werden, oder?

Greipel: Das stimmt. Bei durchschnittlich 20 bis 25 Dopingkontrollen pro Jahr wäre das hinderlich. Für mich ist das Blutabnehmen längst Routine, die manchmal nervt, aber die leider nötig ist.

Wie oft haben Sie sich schon gefragt, warum Sie sich diesen harten, unnachgiebigen Radsport überhaupt antun?

Greipel: Nie, denn jeden Morgen, wenn ich auf mein Rad steige, habe ich die Antwort darauf und weiß, warum ich es tue. Und wenn ich durch mein Engagement im Kampf gegen ALS sogar noch Gutes durch meinen Sport tun kann, dann gibt es doch nichts Schöneres.